Mit Idealismus zum Stern

Mit Idealismus zum Stern

Ulrike Stoebe kocht im Landhaus Mühlenberg bei Zemmer-Daufenbach. Das Restaurant der Sterneköchin liegt versteckt am Ortsrand.

Die Märchen lehren uns: Das besonders Wertvolle muss erobert werden und ist nicht leicht zu finden. So geht es Fremden auch mit dem Restaurant von Ulrike und Harald Stoebe. Ihr Landhaus Mühlenberg liegt im Eifeler Teil des Landkreises Trier-Saarburg.

Ein Schild, das auf die schmale asphaltierte Zufahrt am Ortsrand des 160-Einwohner-Dorfs Daufenbach hinweist, ist für Eilige leicht zu übersehen. Aber Gourmets wissen, dass perfekter Genuss Entschleunigung braucht, und auf großen Publikumsansturm ist das im Wald gelegene Feinschmeckerparadies sowieso nicht eingerichtet: Nur zwanzig Gäste finden im Restaurant Platz, das im Landhausstil eingerichtet ist. Es ist also ein wohliges Vergnügen, hier die manchmal sogar täglich wechselnde Speisekarte zu studieren. Harald Stoebe schreibt sie mit der Hand.

In eleganten Lettern macht er Appetit auf das Menü mit fünf, sechs oder sieben Gängen. Eine darüber hinausgehende Qual der Wahl bleibt den Gästen erspart, denn "à la carte" bietet die mit einem Michelinstern ausgezeichnete Küchenchefin Ulrike Stoebe nicht an. Wer ins Landhaus Mühlenberg kommt, vertraut auf die Speisenfolge der 65-Jährigen. Ein Beispiel gefällig? "À la minute" geräucherter Lachs "Label rouge" auf Gurken-Kaviar-Creme, Ricotta-Steinpilz-Ravioli mit Trüffeln und Parmesan, Sorbet vom Weißen Pfirsich, Seeteufel und Krustentierwürstchen mit Blumenkohl und Curry-Tomatenfond ... so lässt es sich genießen.

Die vielen Auszeichnungen, die sie von den einschlägigen Gourmetführern erhielt, machen die Küchenchefin natürlich stolz. "Aber letztlich zählen für die Lebensqualität weniger die ‚Orden' als die Leidenschaft für das Kochen und die Ausgewogenheit von Zeit zum Arbeiten und Zeit zum Finden neuer Ideen", sagt sie. Sie ist eine der wenigen Menschen, die es wagten, eine private Passion zum Beruf zu machen, und damit großen Erfolg hatten. Denn als Küchenchefin ist Ulrike Stoebe das, was man Autodidaktin nennt - ihre Kunst hat sie sich im Wesentlichen selbst beigebracht. Auch wenn natürlich wichtige Impulse von außen kamen. Das Landhaus Mühlenberg nämlich war einst eine echte Sommerfrische für Ausflügler und Wanderer, seit 1935 mit viel Engagement betrieben von ihren Eltern. Bereits die Mutter und die Großmutter verwöhnten die Gäste mit zünftigen Delikatessen auf hohem Niveau ... aber noch nicht mit der exklusiven Raffinesse, die nun den Stil des Hauses prägt.

Ulrike Stoebe wollte zunächst keine Laufbahn in der Küche eines Restaurants. Vielmehr absolvierte sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und war auch dort so erfolgreich, dass sie Geschäftsführerin eines großen Hotelkonzerns in Frankfurt/Main wurde. Dort lernte sie ihren Ehemann kennen, der wiederum eine leitende Position im Servicebereich hatte. Im Jahr 1977 stand die Entscheidung an, das Metropolenleben gegen ländliche Heimat einzutauschen. Und so gab es im Landhaus Mühlenberg eine Zeit lang Kochen im Doppelpack: Ulrike Stoebe und ihre Mutter arbeiteten Seite an Seite.

Es war für die jungen Stoebes ein beherzter Sprung in eine unbekannte berufliche Zukunft. "Wir hatten damals kein ausgefeiltes modernes Konzept, nicht einmal eine professionelle Ausbildung in der Küche", erinnert sich Ulrike Stoebe. "Aber wir hatten jede Menge Zuversicht, die Kraft zum Anpacken und viel Idealismus." Das Paar genoss die im Vergleich zu früher spürbar größeren beruflichen Freiräume. Rund zwei Jahre dauerte unter der Führung von Ulrike Stoebe die behutsame Umstellung von gutbürgerlicher Küche auf ein Niveau, das wenig später die internationale Restaurantkritikerszene auf den im Meulenwald verborgenen Schatz aufmerksam machte.

Das Beste des bereits bei der Mutter gesehenen Stils hat sie bewahrt: beispielsweise den Blick für Frische und Qualität. So liebt sie es, Kräuter und Gemüse aus dem Nachbargarten zu verwenden, wenn es irgend geht. Gourmets können sich im Landhaus Mühlenberg also Haute Cuisine mit Eifeler Anklängen auf der Zunge zergehen lassen. Das Resultat ist unverwechselbar. "Autodidakten, die sich alles über die Literatur, das eigene Ausprobieren und Tipps von anderen Köchen beibringen, sind vielleicht von vornherein in die Lage versetzt, eine ganz eigene Handschrift zu entwickeln", schildert Ulrike Stoebe einen "Heimvorteil" ihrer für die Szene der Sterneköche ungewöhnlichen Laufbahn.

Zur eigenen Handschrift gehört auch, dass sie und ihr Ehemann das Landhaus Mühlenberg mit einer sehr persönlichen Note führen. Hierher kommen Genießer, die sich wie bei einer Einladung zum Essen von lieben Freunden fühlen. Zur Ruhe kommen heißt die Devise. Eine Lebensphilosophie, die für die Stoebes einhergeht mit einer gewissen Zurückgezogenheit. Während viele ihrer Kollegen in Kochshows auftreten und sich über Bücher bekanntmachen, ist die Kochkunst von Ulrike Stoebe eben nur in Daufenbach zu haben und nirgends sonst. "Laute Werbung würde nicht zu uns passen", sagt sie.

Und wer einen Tisch reservieren möchte, der muss zum Hörer greifen - die Mailmode funktioniert hier nicht. Die Stoebes verbringen ihre freie Zeit nicht am Computer, sondern lieber bei der Erkundung ihrer Heimat. "Wir lieben diese Ursprünglichkeit, für uns liegt darin die Zukunft", betonen beide, wie wichtig für sie die Balance ist zwischen der Kreativität ihres Berufs und der Erholung, die bei ihnen schon vor der Haustür auf dem Kylltalradweg anfängt.

Dass zum Entspannen auch das lukullische Genießen bei lieben Kollegen aus der Region gehört, versteht sich von selbst. Dann kommen auch rustikalere Gerichte zu ihren Ehren: "Kalbshaxe esse ich sehr gern", verrät die Sterneköchin, "oder auch Pfannkuchen." Und dann fällt ihr noch vieles ein, was sie an der ländlichen Küche schätzt. Der Michelinstern, die 15 Gault-Millau-Punkte oder die drei Ga­beln im Schlemmer-Atlas bringen sie nicht zum Abheben.