Moderne Weingüter: Glas und Stahl statt Eiche rustikal

Moderne Weingüter: Glas und Stahl statt Eiche rustikal

Die moderne Architektur ist auch im Weinbau angekommen. Immer mehr Winzer gestalten ihre Weingüter um. Die modernen Gebäude lösen die rustikale Gemütlichkeit ab.

Schlicht, elegant und zeitlos: So wirken die neuen Bauten, in denen einige Winzer der Region nun ihre Weine präsentieren.

Im Ausland gebe es diese Modernisierungswelle schon länger, sagt Stefan Musil, ehemaliger Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Australien, Kalifornien, Südafrika und auch Österreich sind Vorreiter. Musils Kammer hat sich dieser Entwicklung angenommen. Sie organisiert Symposien und hat 2007 den Architekturpreis Wein ins Leben gerufen, der 2010 zum zweiten Mal ausgelobt wurde.

Das Schlagwort sei "Mehr Genuss", betont Musil, der der Jury des Architekturpreises Wein vorsitzt. Der Weingenuss beginne beim Einkauf: Mit einem schönen Glas, aber eben auch durch ein architektonisch ansprechendes Ambiente. "Weinliebhaber sind Genussmenschen", meint auch Sabine Winkhaus-Robert, Geschäftsführerin der Mosellandtouristik. Im Bereich Tourismus gebe es immer öfter den Wunsch, Lifestyle, Genuss und Ambiente miteinander zu verbinden. Neben diesen atmosphärischen Argumenten für eine moderne Wein-Baukultur zählt auch das Verkaufsargument.

"Gute Architektur macht gute Geschäfte", stellt Musil fest. Das gelte auch für Weinbaubetriebe. Dabei fänden Winzer oft "ganz mutige Lösungen auch in historischer Umgebung". Stahl, Beton und Glas sind häufig verwendete Materialien. "Ich finde es gut, dass wir nicht alles so belassen, wie es ist, sondern mit zeitgemäßen Formen und Materialien weiterentwickeln."

Weinkulturgut Longen-Schlöder, Longuich

Als das Winzerehepaar Sabine und Markus Longen gemeinsam mit dem Stararchitekten und -designer Matteo Thun im Weinberg stand und auf sein Anwesen blickte, entstand die Idee: Kleine Weinberghäuschen für zwei Personen, verteilt in den Obstplantagen, passen gut zum Ensemble aus Stammhaus und Restaurant. Das war im Jahr 2010. Im Frühjahr 2012 wurden die Unterkünfte fertig gestellt.

Dass die Longens auf den Mailänder Architekten Matteo Thun aufmerksam wurden, verdanken sie dem Vornamen "Matteo". So heißt auch der Sohn des Ehepaares. Deswegen lasen die beiden einen Artikel über Thun besonders aufmerksam. Danach begegnete ihnen der Architekt immer wieder in den Medien. "Sein Prinzip, mit der Natur zu bauen, gefiel uns", sagt Markus Longen. Schließlich mailten sie nach Italien und fragten Thun, der als gebürtiger Tiroler fließend Deutsch spricht, ob er Interesse habe, in Longuich (Verbandsgemeinde Schweich) ein Projekt zu realisieren. Er sagte zu.

Das war Ende 2009. Seitdem nimmt die Erweiterung immer konkreter Züge an. Ein Anbau an das Restaurant ist bereits fertig. Die Pläne für die 14 Weinberghäuschen, einen etwas größeren Komplex mit sechs Gästezimmern sowie ein Frühstücksgebäude stehen und wurden zum größten Teil bereits umgesetzt (Bauleitung: Architekturbüro Stein und Hemmes in Kasel, Verbandsgemeinde Ruwer). "Hochwertig, dezent, kein Kitsch, kein Schnickschnack", fasst Markus Longen die Kriterien zusammen, die ihm und seiner Frau bei der Realisierung wichtig sind. Inspiriert sind die Weinberghäuschen von den gleichnamigen kleinen Geräteschuppen, die in manchen Regionen in den Weinbergen stehen. Die ebenerdigen Unterkünfte sind in Holzständerbauweise - eine Form des Fachwerkbaus - errichtet und mit Schiefer verkleidet worden. Zu jedem gehört ein kleiner Themengarten.

"Das ist ein Projekt, das so schnell nicht kopiert wird", ist sich Markus Longen sicher. Vor allem Genussreisende auch aus der Region wollen die Longens ansprechen und ihnen einen Ort der Entschleunigung bieten. Ein Risiko sei ein solch großes Projekt für einen mittleren Betrieb natürlich schon, meint Markus Longen. Aber er ist sich sicher: "Im Weintourismus steckt noch viel Potenzial." www.longen-schloeder.de

Rebenhof Riesling-Manufaktur, Ürzig

"Riesling Manufaktur" prangt in großen Lettern auf der hellgrauen Fassade des Neubaus, in dem das Winzerehepaar Doris und Johannes Schmitz seine Kunden empfängt. Das nüchterne Gebäude kombiniert natürliche Materialien wie Schiefer und Eichenholz mit Glas und Stahl. Das Stammhaus war zu klein geworden, deshalb entschied sich das Ehepaar für einen Neubau.
Ein willkommener Nebeneffekt: Das auffällige Gebäude, das in Ürzig (Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues) am Ende einer Sackgasse liegt, sticht aus der Landschaft heraus und fällt auch den Autofahrern auf der vorbeiführenden Bundesstraße 53 ins Auge.

"Wir wollten bekannter werden", nennt Doris Schmitz neben der notwendigen Vergrößerung einen weiteren Grund für den Neubau. Das Konzept geht auf: "Der Zulauf ist sehr viel größer geworden", berichtet sie.
Im Juni 2010 wurde das Projekt (Architekt: Friedhelm Schultheis aus Erden, Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues) abgeschlossen. Nicht nur die Vinothek befindet sich im Neubau: Das Gebäude ist zugleich Produktionsstätte. Gärkeller sowie Kelterhaus mit Abfüllhalle liegen auf einer Ebene, was die Produktion vereinfacht.

Eine architektonische Herausforderung war die Lage des Flachbaus: Er wächst quasi aus dem Weinberg "Würzgarten" heraus. Für die Vinothek hat sich das Ehepaar Schmitz von der Innenarchitektin Monika Pawelke aus Trier beraten lassen. "Nicht zu überladen, schlicht, aber ansprechend", beschreibt Doris Schmitz den Raum. Eine Besonderheit: Während die Besucher den Wein probieren, können sie durch eine Glaswand in den Weinkeller sehen. www.rebenhof.de

Becker's, Trier-Olewig

Die einen bezeichnen es als Bausünde, die anderen als architektonische Bereicherung: Am Neubau, den Wolfgang Becker direkt neben dem elterlichen Weinhaus in Olewig hochgezogen hat, scheiden sich die Geister. Wobei der Rauch mittlerweile verflogen sei, wie der mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Koch sagt. Weihnachten 2006 öffnete er zum ersten Mal sein Design-Hotel mit Restaurant und Weinbar. 2010 zeichnete die Jury des Architekturpreises Wein das Projekt aus (Architekt: Hans-Jürgen Stein und Thomas Hemmes aus Kasel, Verbands­gemeinde Ruwer).

Die Steine des Anstoßes sind aus Basalt: Daraus besteht die Fassade des viergeschossigen Neubaus. Aus drei verschiedenen Steinbrüchen stammen die Platten: Die unterschiedlichen Grautöne geben der Fassade Struktur. Großflächige Glaswände im Erdgeschoss ermöglichen einen Blick in die Weinbar. Basalt habe einen regionalen Bezug, erklärt Becker seine Wahl. Auch im Innenbereich taucht das Gestein immer wieder an Wänden und Böden auf.

Er habe etwas Neues machen wollen, das "die junge Generation widerspiegelt", erklärt Becker. "Von außen soll erkennbar sein, was es innen gibt", fügt er hinzu. Die "rustikale Holzgemütlichkeit" des elterlichen Weinhauses habe nicht zu dem gepasst, "was wir auf dem Teller machen". Nun passe die Architektur zu seiner Kochkunst, beides sei "klar, pur und schnörkellos".
Das Elternhaus behält für Becker dabei seine Existenzberechtigung. Er habe das Alte nicht "kaputt machen" wollen. So gehören nun beide zum Dorfbild von Trier-Olewig: das moderne Design-Gebäude ebenso wie das traditionelle Stammhaus. www.beckers-trier.de

Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken, Saarburg

Als saartypisch bezeichnet Dorothee Zilliken den Riesling, der im Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken verkauft wird. Saartypisch, das bedeute elegant, filigran und zeitlos. Diese Adjektive sollten auch zur neuen Vinothek und zum Proberaum passen, um die das Weingut der Familie Zilliken in Saarburg 2008 erweitert wurde (Architekt: Gerd Kintzinger, Trier).

Auch Teile der Einrichtung verweisen auf die Winzerarbeit: Alle Weine des Familienbetriebs, dessen Historie 260 Jahre zurückreicht, entstehen in Eichenholzfässern, sogenannten Fuder-Fässern, im alten Gewölbekeller. Daran erinnern die Eichenholz-Tische, an denen die Kunden Platz nehmen. Aus gleichem Material ist die Pfosten-Riegelkonstruktion der großflächigen Glaswände.

Als großzügiger und luftiger empfänden Besucher die neuen Räume, berichtet Dorothee Zilliken. Es sei ein ganz anderes Auftreten, fügt die zukünftige Betriebsnachfolgerin hinzu. Die meisten Gäste seien jedenfalls direkt "total begeistert". www.zilliken-vdp.de

Weingut & Vinothek Schmitges, Erden

Pünktlich zum Straßenfest am 1. Oktober 2008 haben Waltraud und Andreas Schmitges die Türen ihrer Vinothek geöffnet. Mit dem Umbau haben sich die Winzer einen Herzenswunsch erfüllt. Seit 1990 führen Waldtraut und Andreas Schmitges das Familienweingut. Mit den Jahren erweiterten sie ihre Anbauflächen von zwei auf zehn Hektar. Sie bauten das Kellergebäude im Weinberg neu und optimierten die Betriebsabläufe.

Erst dann machten sie sich Gedanken über eine Umgestaltung der Verkaufsräume im Ortskern. Sie ließen sich Zeit, informierten sich, schauten sich andere Gebäude an, bis sie genau wussten, was sie wollten. "Es sollte authentisch sein und zu uns passen", sagt Andreas Schmitges. "Wir wollten dem Riesling eine neue Bühne geben und den Gästen ein wertiges Ambiente bieten, ohne dass es protzig wirkt."

Im Februar 2008 wurde das Stammhaus von 1790 bis auf die Grundmauern abgerissen und komplett neu aufgebaut. Im Erdgeschoss wird nun der Wein präsentiert. Angeschlossen an die Verkaufsräume ist eine Profi-Gastroküche. Der Speicher wurde zu Gästezimmern umgebaut (Architektur- und Ingenieurbüro Simon in Kinderbeuern).

Großen Wert legten die Schmitges auf natürliche Materialien. Der Bodenbelag besteht aus Schiefer aus dem Steinbruch in Korlingen im Ruwertal. Die Möbel der Vinothek sind aus dem 280 Jahre alten ehemaligen Dachstuhl gefertigt. Alle Arbeiten übernahmen Betriebe aus der Nachbarschaft. Und für die perfekte Atmosphäre haben die Bauherren die Räume nach Feng Shui gestaltet. Die Resonanz beschreibt Schmitges als durchweg positiv. "Es tut richtig gut, wenn man hier reinkommt", zitiert er einen Kunden. www.schmitges-weine.de