173 Hausärzte gehen in der Region bis 2023 in Rente

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie: Hauptsache gesund : 173 Hausärzte gehen in der Region bis 2023 in Rente

Bei der hausärztlichen Versorgung in der Region Trier schrillen die Alarmglocken. 173 Hausärzte gehen bis zum Jahr 2023 in Rente. In Kreisen wie Bernkastel-Wittlich oder der Vulkaneifel ist das mehr als jeder zweite Allgemeinmediziner. In seiner Serie „Hauptsache gesund“ stellt der TV beispielhaft vor, wie manche Kommunen schon neue Formen der Versorgung finden und wie sich das Medizinstudium im Land, für das Kritiker mehr Plätze verlangen, für neue Wege öffnet.

Von der Landarzt-Romantik hat sich Carsten Schnieder längst verabschiedet. „Die Ein-Mann-Praxis stirbt aus“, sagt der Dauner und wirkt dabei nicht einmal verstört. „Es fehlt an Nachfolgern für in Rente gehende Ärzte, es braucht ständig eine Urlaubsvertretung, junge Menschen sind nicht mehr gewillt, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten und sich mit einer eigenen Praxis zu verschulden.“ Doch der Hausarzt jammert nicht.

Mit seinem medizinischen Versorgungszentrum in Daun leitet Schnieder ein Modell, das er für die Zukunft hält, wenn es um die hausärztliche Versorgung in ländlichen Regionen geht. 25 Mitarbeiter - darunter mehrere Ärzte - arbeiten in dem Vulkaneifel-Ort unter einem Dach. Die Ärzte arbeiteten als Angestellte, ohne ins wirtschaftliche Risiko gehen zu müssen, sagt Schnieder. Es gebe Teilzeitmodelle. Junge Mütter hätten die Chance, mal einen Tag frei zu nehmen, wenn das Kind plötzlich krank sei. Schnieder bietet gar eine Wohnung mit Küche und Bad an, wenn Ärzte in der Vulkaneifel arbeiten, aber nicht pendeln wollen. Das Arzt-Patienten-Verhältnis leide nicht, weil Termine sich immer auch am Kalender des betreuenden Mediziners ausrichteten.

Geht es nach Schnieder, nehmen die Vulkaneifeler das Modell an. Startete das MVZ zum Start 2017 mit 4600 Patienten, betreue es heute schon rund 6000 Menschen auf einem Radius von 25 Kilometern. Die zwangsläufige Folge, wenn immer mehr Arztpraxen in Dörfern dicht machen: Die Wege für Patienten werden weiter. Das weiß auch Schnieder. Er sagt aber: „In vielen Dörfern gibt es auch keinen Pastor und keinen Tante-Emma-Laden mehr.“ Die Landbevölkerung stelle sich darauf ein. Das Dauner Versorgungszentrum löse das Problem, indem es auf Hausbesuche von weitergebildeten Arzthelferinnen setze. Über 1000 Besuche pro Quartal kämen dabei zusammen. Niemand bleibe dabei auf der Strecke, sagt Schnieder. Im Eifelkreis Bitburg-Prüm, wo die von Michael Jager ins Leben gerufene Ärztegenossenschaft gestartet ist, berichtet der Arzt auch von einem guten Start des Versorgungszentrums. In Bitburg seien die Fallzahlen um 200 pro Quartal gestiegen, sagt Jager. Auch in der Praxis arbeiten die Mitarbeiter als Angestellte. Der Arzt wirbt bundesweit für das Modell. Kommunen und Kassenärzte hätten ihm E-Mails geschrieben, auf Kongressen stellt er den Bitburger Weg vor. „Zwei, drei Jahre wird es dauern, bis die Genossenschaft deutschlandbekannter wird“, sagt Jager. Geht es nach dem Prümer Hausarzt Burkhard Zwerenz, reichen medizinische Zentren aber nicht, um die ärztliche Versorgung auf dem Land zu retten. Das Bild für Patienten malt er für die kommenden Jahrzehnte schwarz. „Ärzte werden weniger Zeit für die Patienten haben, Patienten weitere Fahrten zum Arzt“, fürchtet er. Der Landeschef des Hausärzteverbandes fordert, das bundesweite System nach einem niederländischen Vorbild zu reformieren und Ärzte massiv zu entlasten. Ärzten stehle es Zeit, wenn sie Bagatellerkrankungen wie Erkältungen weiterbehandeln müssten, weil Arbeitgeber den gelben Schein brauchten. Die Idee von Zwerenz: „Qualifizierte Mitarbeiter können in der Praxis im Vorfeld entscheiden, ob der Arzt bei einer Erkrankung wirklich draufgucken muss“, sagt Zwerenz. Auf nicht-ärztliche Kräfte werde künftig vieles delegiert, sagt er. Ein erster Geschmack davon: In der Region Daun will das Land ein Telemedizin-Projekt auflegen, bei dem ausgebildete Assistenzkräfte die Patienten besuchen, Daten wie Blutdruck via technischer Geräte in die Praxis übermitteln und den Doktor im Notfall via Video-Chat zuschalten. Das bezeichnet Zwerenz ebenso als „Notnagel“ wie den hessischen Versuch, einen zur Arztpraxis ausgestatteten Bus wöchentlich in Dörfer fahren zu lassen, in denen es kaum mehr niedergelassene Ärzte gibt. Ausschließen will auch die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) eine solche rollende Arztpraxis nicht, auch wenn sie konkrete Pläne bislang verneint. „Es wurden Gespräche geführt“, sagt sie. Noch sei aber offen, ob ein Medibus erprobt werden könne und vor allem, welche Region hierfür infrage käme. Von der kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, die den Medibus-Arzt beschäftigt, heißt es, dieser werde von Patienten „uneingeschränkt akzeptiert“. Zwerenz bezweifelt das. „Wenn oft ein anderer Arzt im Bus sitzt, der die Geschichte der Patienten nicht kennt, stört das die Menschen“, meint er. Der Prümer sagt, die flächendeckende Versorgung sei schon heute gefährdet. „Zum Glück gibt es immer noch genügend Deppen wie mich, die zwölf Stunden am Tag arbeiten und die Schwächen des Systems noch kleinhalten.“

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