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Außenministerin Baerbock in Afrika: In der Gluthitze auf Faktensuche

Außenministerin Baerbock in Afrika : In der Gluthitze auf Faktensuche

Außenministerin Annalena Baerbock sammelt in Mali Eindrücke und Informationen über den Sinn des Bundeswehr-Einsatzes in einer der ärmsten Weltregionen.

Die Ministerin treibt jetzt der Hunger. Der Hunger der Welt, die Not der Ärmsten. Und auch der Hunger nach Fakten. Annalena Baerbock hat einen Flug in die afrikanische Nacht hinter sich – vorher noch einen Außenministerrat in Brüssel. Vier Stunden Schlaf, dann steigt sie in Bamako, Hauptstadt des Krisenstaates Mali, wieder ins Flugzeug. Auf nach Gao zu den deutschen Soldatinnen und Soldaten, die seit zehn Jahren malische Soldaten trainieren, damit diese ihr Land eines Tages verteidigen können. Der Krieg in der Ukraine schlägt auch hier nach Mali durch und nach Niger, das Baerbock in den nächsten Tagen ihrer ersten Afrika-Reise als Außenministerin ebenfalls besuchen wird. Die Grünen-Politikerin ist bei den Ärmsten der Armen. Weil in der Ukraine gerade keine Getreidefelder bestellt werden, sondern Bomben und Raketen fallen, fehlen in anderen Weltregionen Weizen und Mais. Der Hunger nach Frieden in Europa wirkt sich auch auf den Hunger in Afrika aus. Mariupol, Charkiw oder Bucha sind irgendwie auch mit Bamako oder Niamey, Hauptstadt von Niger, verknüpft.

Aber erst einmal will sich Baerbock ein Bild davon machen, wie es um die Einsätze der Bundeswehr im bitterarmen Mali (und im noch ärmeren Niger) bestellt ist. Die Ministerin steht zur Mittagsstunde im Staub. Ihre Schuhspitzen haben die Farbe des roten Wüstensandes angenommen. Es ist brutal heiß, die Sonne fast senkrecht am Himmel. 44 Grad. Der Hauptmann sagt, der Besuch aus Deutschland habe Glück. Eher ein kühler Tag. In der vergangenen Woche seien Temperaturen von 51 Grad erreicht worden. Aber bitte, dies hier sei „kein Urlaubsland“. Niemandem steht hier der Sinn nach Urlaub.

Das hier ist auch kein runtergekühlter Verhandlungssaal in Brüssel, Luxemburg oder Berlin. Das hier ist die harte Wahrheit über einen Einsatz der Bundeswehr, über dessen Sinn schon länger diskutiert wird. Baerbock steht in der Gluthitze vor einem Transportpanzer „Fuchs“, in diesem Fall die Sanitätsvariante. Gao liegt 1000 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt im Norden. Zuletzt war das Camp im Januar von außen von beschossen worden – „mit selbst gebauten Mörsern“, wie es ein Hauptmann erzählt. Die benachbarten Franzosen hat es getroffen. Ein Toter. Von wem? Ableger des Islamischer Staates oder Al Kaida? Wer weiß das schon in einem Land, von dem sich nur sicher sagen lässt, dass es nicht sicher ist. Instabilität als unerwünschte Staatsform. Sie vermuten in diesem Fall Al Kaida – wegen der Himmelsrichtung, aus der der Angriff kam. Im Zelt nebenan erklärt die Oberärztin, wie sie hier im Camp Kranke, Verletzte, Schwerletzte, auch lebensbedrohlich Verletzte versorgen können. 6000 Kilometer von einem deutschen Kreiskrankenhaus entfernt.

Der Einsatz der Bundeswehr und seiner internationalen Partner soll eigentlich Stabilität bringen. Im Rahmen der UN-Mission Minusma helfen aktuell knapp 1000 deutsche Soldaten dabei, den Flächenstaat Mali zu stabilisieren. Bei der EU-Ausbildungsmission (EUTM) bringen weitere rund 300 Soldaten ihren malischen Kameraden bei, wie sie gute Soldaten für ihr Land werden könnten. Mühsame Arbeit, gefährlicher Auftrag. Die Militärmachthaber in Bamako haben sich zwei Mal an die Macht geputscht und lassen sich von russischen Söldnern im Kampf gegen islamistische Terroristen helfen, die in der instabilen Sahel-Zone Fuß gefasst haben. Wo Armut herrscht, ist Extremismus nicht weit. Baerbock sagt: „Auch hier zeigen sich die Auswirkungen des Ukraine-Krieges durch die Wagner-Truppe, die hier im Einsatz waren.“ Bis Ende Mai muss der Bundestag nun entscheiden, ob und für wie lange beide Missionen verlängert werden. Baerbock will vor Ort hören, wo die Soldaten der Wüstenschuh drückt.

Gerade erst war die Verteidigungsministerin in Gao. Jetzt auch noch die Außenministerin. In diesen Zeiten, in denen Deutschland sehr viele Waffen und Militärgerät an die Ukraine liefert, will wohl überlegt, in welchen Einsätzen die Ampel-Koalition in Berlin die Bundeswehr bindet. Baerbock hat sich für schwere Waffen ausgesprochen, das Kanzleramt schweigt dazu skeptisch. Die Außenministerin will das in Gao nicht kritisieren. Die Bundesregierung stimme sich mit ihren Partnern in Europa und der Welt ab, wer was liefern könne. Es gehe um „Fähigkeiten“. Sie sagt aber, die Waffen müssten schnell kommen. Die Ukraine habe keine Zeit mehr. Die Botschaft dürfte in Berlin angekommen sein.