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Corona-Krise: Belgien, das vergessene Risiko-Gebiet

Corona-Krise : Belgien, das vergessene Risiko-Gebiet

Knapp 5000-Corona-Tote in Belgien: Nach Spanien und Italien ist das Land am schwersten in Europa getroffen. Besonders dramatisch ist die Lage in den Altersheimen. Die Hälfte der Todesfälle sind in Einrichtungen für Senioren zu beklagen. Das Militär muss aushelfen.

Das kleine Belgien zählt in Europa zu den Ländern, die gemessen an der Bevölkerungszahl am schwersten von der Corona-Pandemie getroffen sind. Knapp 5000 Menschen sind bislang in dem 11-Millionen-Einwohner-Land an Covid-19 gestorben. Damit hat die Krankheit hier schon deutlich mehr Opfer gefordert als etwa in Deutschland, das siebeneinhalb Mal so viele Einwohner hat, aber bislang 1000 Tote weniger zu beklagen hat.

Bei der Zahl der Toten auf Hunderttausend Einwohner lag Belgien Anfang der Woche weltweit auf dem dritten Platz. Spanien kam auf einen Wert von 36, Italien 32, Belgien lag mit 31 nur wenig dahinter. Auch bei der Zahl der Toten auf 100 positiv getestete Corona-Patienten belegt Belgien weltweit den dritten Platz. Die Wahrscheinlichkeit, in Belgien an Covid-19 zu sterben ist damit deutlich höher als etwa in den Nachbarländern Frankreich und Niederlande. Auf Deutschland, wo die Zahlen deutlich besser sind, wird mit Bewunderung geschaut. Der Demographie-Experte Emmanuel Todd wird in der belgischen Zeitung Le Soir so zitiert: „Das wird ein regelrechter psychologischer und moralischer Schock für die Europäer. Wenn sich erst einmal die Angst und der Tod vom Kontinent zurückgezogen haben, werden sie erkennen: Deutschland ist einfach anders.“

Dabei scheint das belgische Gesundheitssystem besser auf die Pandemie vorbereitet gewesen sein als etwa in den Nachbarländern. Weil in den Niederlanden und Frankreich die Plätze auf den Intensivstationen knapp wurden, wurden von dort schwerstkranke Patienten nach Deutschland verlegt. Aus Belgien wurde das nicht berichtet. Die Intensivstationen sind zwar gut belegt, die Kapazitäten reichen aber aus. Die Zahl der Intensiv-Patienten stagniert seit Tagen bei 1200. In Belgien, das einige Tage früher als Deutschland Maßnahmen zur Isolation ergriffen hat und dabei noch strenger vorging, gibt es unterdessen erste Hinweise, dass das Schlimmste vorerst vorbei ist: Die Zahl der Neuaufnahmen in die Krankenhäuser ist deutlich rückläufig. Ende März wurden noch 600 Neuaufnahmen von Corona-Fällen in den Kliniken gezählt, mittlerweile ist man bei Werten zwischen 250 und 300.

Der Schwachpunkt in Belgien sind nicht die Krankenhäuser, sondern die Altersheime. Etwa die Hälfte der Corona-Toten sind in den Alten- und Pflegeheimen des Landes zu beklagen. In den Einrichtungen spielen sich Tragödien ab. Patrick Smousse, Chef eines Altenheimes in Flobecq an der Grenze zu Frankreich berichtet, dass 75 Prozent der 128 Bewohner infiziert seien, elf Bewohner seien bereits gestorben, in zwei weiteren Fällen werde damit in Kürze gerechnet. Die hohe Zahl der Fälle lasse es nicht zu, die Infizierten im Haus zu isolieren. Es fehlt an Masken, Handschuhen und Kitteln. Viele Mitarbeiter hätten sich angesteckt. Mehr als die Hälfte der Belegschaft hat sich krankgemeldet. Vielerorts hilft inzwischen das Militär in den Pflegheimen aus. Die Testkapazitäten für Alten- und Pflegeheime sind sehr begrenzt. Ein Mitarbeiter eines Altenheimes in Tervuren bei Brüssel berichtet, dass nur fünf von 140 Bewohnern bislang auf das Virus getestet werden konnten. Alle Tests fielen positiv aus. Die Befürchtung ist groß, dass in den nächsten Wochen die Opfer unter den Betagten noch weiter zunehmen werden.

Politisch wurde das Land zum ungünstigen Zeitpunkt getroffen. Seit den Wahlen Ende Mai letzten Jahres steht Belgien ohne gewählte Regierung da. Alles Versuche der Regierungsbildung sind an der Zerstrittenheit der politischen Lager im flämisch dominierten Norden und dem französisch dominierten Süden gescheitert. Das Land wird derzeit von der Liberalen Sophie Wilmes regiert. König Philippe hat die 45-Jährige zunächst im Oktober als geschäftsführende Premierministerin eingesetzt. Mit Ausbruch der akuten Pandemie haben ihr dann zehn Parteien Sondervollmachten gegeben. In enger Ansprache mit der Wissenschaft fällt sie die Entscheidungen wie etwa die für Anfang Mai angekündigte leichte Lockerung der Ausgangsbeschränkungen.

Die schwierige Lage meistern die Belgier mit der ihnen eigenen Mischung aus Gelassenheit und Humor. Ein Mitarbeiter des Krisenstabs, der anonym bleiben will, bewertet das Krisenmanagement in der Tageszeitung Le Soir so: „Wir sind ein wenig effizientes Land, zerstückelt und ohne Geld, aber dafür schlagen wir uns ganz gut.“