Auf Haiti ticken die Uhren anders

Auf Haiti ticken die Uhren anders

Drei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti mit mehr als 220 000 Toten steckt Haiti immer noch in einer tiefen Krise. Die internationalen Hilfsorganisationen sind nach wie vor im Einsatz. Manchmal jedoch verschlimmert Hilfe aus dem Ausland die Situation, wie die Haiti-Kennerin Alice Smeets feststellt.

Port-au-Prince/Trier/Eupen. Die belgische Fotojournalistin Alice Smeets hat ein Faible für die Südseeinsel Haiti. Schon vor dem Erdbeben im Jahr 2010 hatte sie die Insel mehrfach besucht und dort das preisgekrönte Unicef-Foto des Jahres 2008 geschossen. Darauf ist ein Kind in einem weißen Kleid zu sehen, das über eine Mülldeponie läuft. Als am 13. Januar 2010 dort die Erde bebte und über 220 000 Menschen starben, war Alice Smeets, die wenige Tage zuvor eine Ausstellung ihrer Arbeiten in Trier eröffnet hatte, sofort ins Krisengebiet geflogen. Neben der Dokumentation des Unglücks hatte sie auch Spendenaktionen organisiert (der TV berichtete).
Drei Jahre später beobachten Hilfsorganisationen eine leichte Verbesserung der Lage. Dennoch gebe es immer noch gravierende Probleme, wie Unicef-Sprecherin Helga Kuhn sagt: "Das Land ist nach wie vor geprägt von chronischer Armut, Unterentwicklung und schwachen Institutionen." Etwa 350 000 Menschen würden immer noch in Flüchtlingslagern leben, heißt es. Auch seien viele Menschen arbeitslos.
Das kann Alice Smeets, die erst vor wenigen Wochen von Haiti zurückgekehrt ist, bestätigen: "Man spricht immer über Hilfe zur Selbsthilfe. Aber oft fehlt die aktive Teilnahme der Bevölkerung. Die Hilfsorganisationen arbeiten konkrete Projekte aus und legen sie den Haitianern vor. Denen bleibt oft nichts anderes übrig, als ,Ja\' zu sagen, weil es sonst keine Hilfe gibt."
So werde zum Beispiel ein Kinderheim gebaut, gleichgültig, ob es wirklich gebraucht wird, um ein Hilfsprojekt abzuschließen und den Spendern ein Resultat vorweisen zu können. Aber auf Haiti ticken die Uhren eben anders. Smeets: "Europäische Zeitpläne passen nicht mit haitianischen zusammen." Manchmal verschlimmere internationale Hilfe sogar die Situation. "Vor dem Beben gab es ein leichtes, aber stetiges Wachstum der Landwirtschaft. Als die Katastrophe kam, spendeten unter anderem die USA große Mengen Reis aus eigenem Anbau und konkurrierten somit mit haitianischen Bauern, die auf ihrer lokalen Produktion sitzen blieben und sich dann auch in die Flüchtlingslager begeben mussten", weiß Smeets zu berichten.
Auch sei viel medizinisches Personal, das vor dem Beben in privaten und öffentlichen Kliniken gearbeitet habe, nun arbeitslos. "Jetzt gehen alle in die Krankenhäuser der internationalen Hilfsorganisationen, weil die Behandlung dort umsonst ist", erläutert die Fotografin. Die Erwartungshaltung würde immer größer. "Viele Haitianer sehen sich nur noch als Opfer und warten auf die weißen Retter, um ihre Probleme zu lösen." Abgesehen davon, dass die internationale Hilfe viele Leben gerettet hat, habe sie auch Eifersucht, Korruption und Abhängigkeit gebracht. Die Fotografin zieht eine ernüchternde Bilanz: "Die Haitianer werden auf die nächste mögliche Katastrophe noch viel weniger vorbereitet sein als vor dem Erdbeben."
Extra

Die Fotojournalistin Alice Smeets (TV-Foto: Archiv) wurde 1987 in Eupen in Belgien geboren. Der ehemalige Präsident der Fotoagentur Magnum, Philip Jones Griffiths, hat sie in New York ausgebildet. 2012 hat sie auf Haiti einen Dokumentarfilm gedreht, der in den nächsten Wochen veröffentlicht wird. hpl