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Erste Bilanz nach dem Feuer
Das passierte mit der Kunst und den Reliquien in Notre-Dame

Das Feuer im Wahrzeichen von Paris hat große Schäden angerichtet. Die konkreten Auswirkungen stehen noch nicht fest. Wichtige religiöse und kunsthistorische Schätze und Reliquien konnten jedoch gerettet werden. Ein Überblick. Von Lea Hensen

Die Kathedrale Notre-Dame (französisch für „Unsere Dame“) ist eines der größten Symbole des Christentums – und ein kunst- und kirchenhistorischer Schatz. Architektonisch zählt sie zu den frühesten gotischen Kirchen in Frankreich. Ihr Bau begann im 12. Jahrhundert und dauerte fast 200 Jahre.

Bezeichnend für die gotische Architektur sind etwa die Strebebögen entlang der Ostseite der Kathedrale, aber auch die filigranen Steinmetzarbeiten an den Fassaden. Zu den bekanntesten Kunstwerken von Notre-Dame gehört die „Galerie des Chimères“: die grotesken Wasserspeier, die von der oberen Balustrade auf die Stadt hinabblicken. Victor Hugo hat sie 1831 in seinem Roman „der Glöckner von Notre-Dame“ beschrieben.

Die erste Schadensbilanz nach dem verheerenden Brand am Montagabend zeigt: Der mittelalterliche Dachstuhl und Teile der Gewölbekuppel wurden zerstört, der 96 Meter hohe Vierungsturm fiel während des Brands in sich zusammen. Nicht auszuschließen ist, dass auch das Löschwasser dem Mauerwerk zugesetzt hat.

Dornenkrone Wie die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, via Twitter mitteilte, konnten die Feuerwehr und Ordensmitglieder der Ritter vom Heiligen Grab von Jerusalem viele Schätze retten – unter ihnen die Dornenkrone und die Tunika von Ludwig dem Heiligen. Die Dornenkrone gehört zu den wichtigsten Reliquien der katholischen Kirche, den Passionswerkzeugen Christi. König Ludwig IX. soll sie 1237 in Konstantinopel erworben haben, für ihre Aufbewahrung ließ er die benachbarte Sainte-Chapelle errichten. Seit napoleonischer Zeit befinden sich die Dornenkrone und ein Kreuznagel in einem kostbaren Behältnis aus Kristall und Gold. Auch ein Stück des Kreuzes befand sich in der Kathedrale.

Den Flammen zum Opfer fielen dagegen drei Heiligtümer, die in dem Hahn auf dem Spitzturm eingelassen waren: ein Stück der Dornenkrone, eine Reliquie des heiligen Dionysius sowie eine Reliquie der heiligen Genovefa.

Rosettenfenster Die Westfassade mit den beiden Haupttürmen und den drei Portalen mit Figurenplastiken haben den Brand überstanden. Die kreisrunden Rosettenfenster der Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert zählen zu den berühmtesten Glasmalereien der Welt und sorgen für ein einzigartiges Licht. Mindestens das Nord-Fenster mit einem Durchmesser von rund 13 Metern soll unbeschadet sein. Im Zentrum der drei Rosetten sind Maria, das Jesuskind und Christus auf dem Thron abgebildet.

Altäre Der heutige Hauptaltar aus Bronze ist von 1989. An seiner Stirnseite sind die vier Evangelisten des neuen Testaments, an den kurzen Seiten die vier großen Propheten des Alten Testaments zu sehen.

Skulpturen 37 Skulpturen der Muttergottes waren in der Kathedrale. Sämtliche Statuen wurden gerettet, unter ihnen die bekannte „Jungfrau mit dem Kind“. Zu den berühmten Kunstwerken von Notre-Dame zählen die Skulpturen von Pierre de Chelles, Jean Ravy und Jean Le Bouteiller, die als Teile der Chorschranken den Chorbereich von den Seitenschiffen trennen. Hinter dem Alter befindet sich eine Marinestatue aus Marmor des Bildhauers Nicolas Coustou, sie wurde zwischen 1712 und 1728 gefertigt. 16 Kupferfiguren auf dem Dach der Kathedrale hatten Glück: Sie waren schon einige Tage vor dem Brand abgenommen worden.

„Mays“ Während des Brandes befanden sich auch wichtige Ölgemälde der sogenannten „Mays“ im Innenraum der Kirche – sie wurden im 17. Jahrhundert von der Zunft der Pariser Goldschmiede jeweils zum 1. Mai gespendet. Unter ihnen sind „Die Heimsuchung Mariä“ von Jean Jouvenet (1716) und „Thomas von Aquin am Brunnen der Weisheit“ von Antoine Nicolas (1648). Laut des französischen Kulturministers Franck Riester haben die Gemälde Wasserschäden erlitten.

Glocke Die größte Glocke läutete traditionell anlässlich der wichtigsten Feiertage oder bei außergewöhnlichen Ereignissen. Sie ist 13 Tonnen schwer und wurde vor mehr als 300 Jahren gegossen, Ludwig XIV. gab ihr den Namen Emmanuel. Am Montagabend herrschte kurz Sorge, dass sie in die Tiefe stürzen könnte. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht.