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Cannabis: Wie Kiffen und Kunst zusammenhängen

Cannabis in der Kunst : Der Griff zur Tüte

Cannabis könne die Kreativität beflügeln, heißt es bisweilen. Kokettieren deshalb manche Musiker mit gelegentlichem Konsum? Die Antwort ist einfach. Nein.

Einmal, es ist viele Jahre her, da reisten Louis Armstrong und Richard Nixon, der damals Kongressabgeordneter war und noch nicht US-Präsident, nach Europa. Die beiden nahmen zufällig dasselbe Flugzeug, und nach der Landung fragte der Musiker den Politiker, ob er nicht kurz mal seinen Trompetenkoffer halten möge, er sei schließlich alt und könne den ganzen Kram nicht mehr so lange tragen. Nixon hatte sich bereits als Fan zu erkennen gegeben, er half dem berühmten Mann gerne und trug dessen Instrument durch den Zoll. Nicht wissend, dass Armstrong seinen gesamten Dope-Vorrat darin aufbewahrte. Thank you, Mr. Nixon.

Diese berühmte Geschichte, die vielleicht nicht wahr, aber gut erfunden ist, darf man als Gründungsmythos der Vereinigung von Cannabis und Kunst bezeichnen. Überhaupt galten ja die Jazzer vom Beginn des 20. Jahrhunderts als große Potheads, wie man so sagt. Die Prohibition machte es mitunter schwierig, an Alkohol zu kommen, also tauchten Armstrong, Duke Ellington, Count Basie und Billie Holiday im Qualm ab. Sie hofften auf eine kreativitätssteigernde Wirkung, die improvisatorische Höhenflüge auf der Bühne ermöglichen würde. 1930 wurde Cannabis dann verboten, und weil Armstrong dennoch nicht davon lassen mochte, brachte ihn seine Vorliebe für neun Tage in den Knast.

Seither kokettieren Künstler gerne mit dem „Sweet Leaf“, von dem Black Sabbath sangen. Von den Beatles weiß man, dass Bob Dylan ihnen den ersten Joint angezündet hat. Snoop Dogg hat im Grunde seine gesamte Karriere aus der Tüte gezogen. Und Rihanna hatte mal eine Phase, wo sie sich bei Instagram beidhändig dampfend präsentierte. Lady Gaga sagte, der Cannabis-Rausch helfe ihr beim Schreiben von Songs. Und selbst rückwirkend versuchte man, außerordentliche musikalische Leistungen der Kiffer-Kultur gutzuschreiben. Im Internet gibt es lange Ausführungen darüber, ob Richard Wagners Spätwerk wohl dem indischen Weed verpflichtet sei. Wie auch immer die Genannten zu ihren Kompositionen gelangt sein mögen, der Verdacht liegt nahe, dass die romantische Beziehung zwischen Kunst und Kiffen andere Gründe hat.

Eine Studie im Fachblatt „Consciousness and Cognition“ kam 2017 jedenfalls zu dem Ergebnis, dass der statistische Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Kreativität minimal ist. Entscheidend für Kreativität seien vielmehr die Persönlichkeitsmale eines Menschen, etwa Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen. Dieses Persönlichkeitsmerkmal mache es wiederum wahrscheinlicher, dass ein Mensch Cannabis konsumiere. Es ist also wie beim Hasen und dem Igel. Oder bei der Henne und dem High.

John Lennon wusste denn auch, dass Drogen zwar verhindern könnten, „dass sich der Rest der Welt in dich drängt“. Aber: „Sie bringen dich nicht dazu, besser zu schreiben.“ Selbst Walter Benjamin, der ja einst protokollierte, wie es sich anfühlt, „im Haschisch“ durch Marseille zu diffundieren, stellte seinem Text ein Zitat aus einem wissenschaftlichen Lehrbuch über den Rausch voran: „Das Denken gestaltet sich nicht zum Wort.“

Was dabei herauskommt, wenn Künstler dem Haschisch huldigen, sich ihm ergeben und es sogar zum Gegenstand ihrer Kunst machen, kann man leicht an dem bescheuerten „Pot Smoker’s Song“ von Neil Diamond erkennen. Er geht so: „La la la / Pot, pot gimme some pot / Forget what you are / You can be what you’re not / High, high I wanna get high / You never give it up / If you give it a try / La la la la / La la la.“ Untertroffen wird diese Poesie nur noch von Afroman, der 2001 seinen einzigen Hit mit dem Titel „Because I Got High“ hatte. Textprobe: La la da da da da la da da da / Shoobe do be do wa skibitty do da da da la / Get jiggy with it scubbydooby wa / cause I’m high, cause I’m high, cause I’m high.“

Cannabis ist für Künstler interessant. Aber nicht, weil es kreativer macht. Sondern wegen der Attitüde. Es dient der „großen Weigerung“, wie Herbert Marcuse es nannte. Es ist Teil einer Lebenseinstellung. Synonym für das Dagegen. Entsprechung einer Verweigerung durch Schluffitum. Die Blätter der Hanfpflanze sind ein Markenlogo für Widerständige, ähnlich wie der Che-Guevara-Scherenschnitt. Das Lied „Legalize it“ von Peter Tosh etwa wurde 1980 als „jugendgefährdend“ eingestuft. Erst 2005 verschwand es vom Index. Und die Sängerin Joss Stone verkündete 2009 pünktlich zum Erscheinen ihres neuen Albums in einem Interview: „Ja, ich rauche Gras.“ Als sich daraufhin der Chef der britischen Vereinigung zur Drogenbekämpfung empörte, sorgte das für tagelange Gratis-Promo.

Kiffen ist Pose, Cannabis gut fürs Geschäft. Das weiß auch Justin Bieber. Er ist allerdings schon einen Schritt weiter. Er posiert nicht mit Tüte, sondern investiert in eine Firma, die vorgerollte Joints für jene Bundesstaaten der USA produziert, in denen der Konsum legal ist.

„La la da da da da la da da da.“