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Anne Will diskutiert über Syrien
"Wer zuerst schießt und dann fragt, zerballert die Diplomatie"

Die Runde bei Anne Will.
Die Runde bei Anne Will. FOTO: Screenshot: ARD Mediathek
Düsseldorf. Der Giftgas-Anschlag in Syrien, die Antwort des Westens und ihre Folgen: Bei Anne Will diskutierten am Sonntagabend die Gäste überwiegend unaufgeregt und sachlich über das ernste Thema. Nur Linken-Politiker Jan van Aken sorgte mitunter für ein wenig Streitgespräch-Atmosphäre. Thomas Grulke

Der Giftgas-Anschlag in Syrien, die Antwort des Westens und ihre Folgen: Bei Anne Will diskutierten am Sonntagabend die Gäste überwiegend unaufgeregt und sachlich über das ernste Thema. Nur Linken-Politiker Jan van Aken sorgte mitunter für ein wenig Streitgespräch-Atmosphäre.

Darum ging's "Angriffe des Westens auf Syrien - Wie gefährlich ist die Konfrontation mit Russland?" - diese Frage stellte Anne Will am Sonntagabend ihren Gästen. Der Anlass war die Reaktion des Westens auf den Giftgas-Anschlag in Syrien in der vergangenen Woche. Doch es ging nicht nur um die Frage, ob der Angriff der Amerikaner, Franzosen und Briten auf syrische Chemiewaffenlager gerechtfertigt war und ob er überhaupt etwas gebracht hat. Vielmehr betonte die Runde, dass es weiterhin an einer klaren Strategie fehle, wie der Krieg in Syrien beendet werden kann.

Die Gäste

  • Norbert Röttgen, CDU, Auswärtiger Ausschuss des Bundestages
  • Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz
  • Alexander Graf Lambsdorff, FDP, stellvertretender Fraktionsvorsitzender
  • Jan van Aken, Die Linke, Politiker und ehemaliger UN-Waffeninspektor
  • Golineh Atai, ARD-Korrespondentin in Moskau

Der Frontverlauf Dass es richtig war, auf den Giftgas-Anschlag in Syrien zu reagieren, darüber herrschte unter den Gästen Einigkeit. Röttgen nannte die Luftangriffe auf syrische Chemiewaffenalger "eine präventive Maßnahme", Lambsdorff eine "Bestrafungsaktion". Auch Ischinger betonte, dass es notwendig sei, solchen Verbrechern Einhalt zu gebieten. Van Aken schloss sich seinen Vorrednern an, doch in einem Punkt entgegnete er entschieden. "Wer zuerst schießt, und dann erst fragt und ermittelt, der zerballert die Diplomatie. Im Wilden Westen hat man das Lynchjustiz genannt", sagte der ehemalige UN-Biowaffeninspektor.

Van Aken war es auch, der im Verlauf der Sendung immer wieder etwas Leben in die besonnene Diskussionsrunde brachte. "Ich bin erschrocken, wie hier mit Fakten umgegangen wird. Wir wissen nicht, ob Assad für den Giftgas-Anschlag verantwortlich ist. Ich war selbst Waffeninspektor und vertraue niemandem mehr, auch den Amerikanern nicht", sagte van Aken, der dazu riet, "sich mal locker zu machen und abzuwarten, was die Ermittlungen ergeben". "In Deutschland bestrafen wir ja auch nicht, bevor wir wissen, wer es war."

Ischinger fordert mehr Verantwortung von Deutschland

Dieser Argumentation konnte der Rest der Talkrunde nicht folgen. "Wenn es so leicht wäre, ein rechtsstaatliches Verfahren in Syrien durchzuführen, wäre nicht schon seit sieben Jahren dort Krieg", entgegnete Röttgen, der aber auch betonte: "Dieser Einsatz verpflichtet nun, mit Politik und Diplomatie zu folgen." Allerdings, und das machten die Gäste im Verlauf der einstündigen Sendung deutlich, fehlt es noch an einer klaren Kriegs-Beendigungsstrategie in Syrien.

"Wir haben dort einen Scherbenhaufen, weil wir nichts gemacht, sondern immer nur zugeschaut haben", sagte Ischinger, der zudem forderte, dass Deutschland mehr Verantwortung übernehmen müsse. Röttgen verteidigte indes die deutsche Zurückhaltung. Das sei kein Verstecken. "Unsere Führungsverantwortung ist es jetzt vielmehr, sich um eine klare Mittel-Ost-Strategie zu kümmern und eine europäische Initiative auf den Weg zu bringen.

Röttgen: "Es gibt kein Interesse an einer Eskalation"

Dass sich die Reaktion des Westens auf einen Angriff auf syrische Produktionsstätten von C-Waffen beschränkte, werteten die Politiker als gutes Zeichen. "Auf beiden Seiten, in den USA und in Russland, ist es ein Krieg der Worte, der nicht durch das Handeln gedeckt ist. Und ich bin mir sicher, dass beide Seiten kein Interesse an einer Eskalation haben", sagte Röttgen.

Doch es bleibt die Frage, wie mit Putin und Russland künftig umgegangen werden sollte. Eine Einschätzung konnte ARD-Korrespondentin Golineh Atai liefern, die sich indes nur selten zu Wort meldete und von der man gestern gerne noch mehr gehört hätte zu Putins Rolle in dem weltpolitischen Ränkespiel. "Ich fürchte, dass die Antwort des Westens letztlich nicht viel mehr als Symbolik war. Russland will Weltpolizist spielen und eine Ordnungsmacht sein", sagte Atai. Putin habe sich an Assad gebunden und nun keine andere Wahl, als ihm beizustehen.

Erkenntnis Der Diskussion bei Anne Will verlief dem Thema angemessen unaufgeregt, lieferte aber wenig Neues. Der Westen weiß nicht, wie er mit dem Syrienkrieg und Russland umgehen soll. Und die Gäste konnten bei den Zuschauern nicht die Hoffnung wecken, dass sich daran zeitnah etwas ändern wird.