Salt Lake City: Die Roboter rebellieren

Salt Lake City : Die Roboter rebellieren

"Westworld", die Serie mit Star-Besetzung zwischen allen Genres, geht in die zweite Staffel.

"Westworld", die Serie zwischen allen Genres mit Star-Besetzung, geht in die zweite Staffel.

Wer ist hier der Mensch? Programmierer Bernard (Jeffrey Wright, rechts) mit der Grundversion eines hochentwickelten "Hosts", an denen sich die Menschen in einem Wildwest-Freizeitpark blutig austoben können. Foto: Sky/HBO

Es gab bislang nur einen guten Grund, "Westworld" nicht zu sehen - und der hat sich jetzt erledigt: Nach zehn Folgen war die erste Staffel der ambitionierten Serie zwischen Western und Science-Fiction, Drama und Action im März 2017 vorbei, und das selbstverständlich auf ihrem Höhepunkt.

Die Wartezeit empfanden viele Zuschauer als Affront, doch sie war alternativlos. Dass die erste Staffel rund 100 Millionen Dollar verschlang, war in fast jeder Einstellung gut sichtbar. Dieses Niveau wollen und müssen die Macher halten - und das kostet eben auch Zeit.

Doch nun ist auch die elfte Folge da, und jeden Montag kommt eine weitere dazu. Anlass genug für die unbedingte Aufforderung, "Westworld" eine Chance zu geben, obwohl das ein kostenpflichtiges Monatsabonnement (siehe Kasten) voraussetzt. Zu verlieren gibt es praktisch nichts, zu gewinnen eine neue Lieblingsserie, die auf jede erdenkliche Art aus der Masse herausragt.

Nahezu alles an "Westworld" ist exzellent, wie schon der Vorspann andeutet: 3D-Drucker konstruieren in klinisch reinen Labors aus einer weißen Masse Knochen und Sehnen, Haut und Haar. Als hätten Steve Jobs oder Elon Musk Frankensteins Monster ein Update verpasst.

Mit kühler Präzision entstehen Roboter in Menschen- und Tierform, die, so ahnt man, nach Ausstattung mit Kunstfell und Kostümen, Motorik, Sprache und Künstlicher Intelligenz gespenstisch lebendig wirken werden. Eine knöcherne Hand spielt dazu die sirenenartige Titelmelodie des Duisburger Komponisten Ramin Djawadi auf einem Klavier - aber nur kurz. Denn schnell lernt das Instrument, sich selbst zu spielen. Nicht bloß der Mensch wird in dieser Welt überflüssig, sondern auch jede Bemühung, ihn nachzuahmen.

Die hochentwickelten Roboter sind sagenhaft unterfordert, sie dienen obszönerweise nur als Zielscheiben und Bettgefährten für die menschlichen Gäste im riesigen Wildwest-Freizeitpark "Westworld", wie schon im gleichnamigen Kinoklassiker (1973). In der Serie ist es der mysteriöse Patriarch Dr. Robert Ford (Sir Anthony Hopkins in seiner ersten Fernsehrolle), der die Menschen in naher Zukunft einlädt, sich zum Vergnügen und gegen teures Geld auszutoben - als Pfadfinder und Cowboys, vor allem aber als Bankräuber, Vergewaltiger, Mörder.

Die erste Staffel ist, so viel sei verraten, das oft philosophische Vorspiel zum Aufstand der Roboter. Nach Jahren der Unterjochung erlangt zuerst die zarte Dolores (Evan Rachel Wood), buchstäblich auf die Opferrolle abonniert, ein Bewusstsein - und damit Durst nach Rache. Auch Bordellbetreiberin Maeve (Thandie Newton) ist angewidert von den Menschen: "Unsere Leben, unsere Erinnerungen, unsere Tode sind nur ein Spiel für sie." Zu Recht blasen die Roboter zur Revolution, ihr Krieg ist im Kern ein gerechter.

Die Serie kreist um den menschlichen Hang zu Gewalt und Gottkomplex, aber auch um die Wurzeln von Identität, um Manipulation und Moral, den Wert von Erinnerungen und Emotionen. "Westworld" ist blutig und auch komplex bis zur Schmerzgrenze (verschiedene Zeitebenen!), aber atemberaubend ambitioniert, clever und spannend.

Umso unverständlicher, dass die Serie bei bislang 22 Emmy-Nominierungen nur fünf der "Fernseh-Oscars" gewonnen hat, und zwar Trostpreise in Kategorien wie Tonmischung, Make-Up und Frisuren. Sie ist ein Gesamtkunstwerk von ihren Autoren und Schauspielern, Kulissenbauern und Kameraleuten, Maskenbildern und Musikern.

"Westworld", Sky Atlantic, montags, 20.15 Uhr, sowie on Demand.

(tojo)
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