ESC-Analyse Sind die deutschen ESC-Anwärter (wieder) eine Enttäuschung?

Analyse | Trier · Es ist ein ewiges Leid mit dem Eurovision Song Contest. Zumindest ist es so aus deutscher Perspektive. Unser Autor wollte wissen, ob es in diesem Jahr besser aussieht – und hat den Selbstversuch gemacht.

Ich habe mit dem Eurovision Song Contest nicht viel zu tun. Das muss ich gleich zu Anfang gestehen. Hin und wieder habe ich mir die Veranstaltung in Teilen angesehen. Meist sind es aber nur einzelne Songs, die ich teils vorher und teils nach der Show zu hören bekomme. Manchmal ist sogar etwas Gutes dabei. Was bei mir aber vor allem bleibt, ist das jährliche Kopfschütteln, wenn ich anhöre, was im deutschen Vorentscheid mal wieder durchgekommen ist.

In diesem Jahr wollte ich es anders angehen und habe mir alle Songs angehört, die im Vorentscheid antreten werden. Zumindest beinahe, denn zunächst standen nur die Songs fest, die der zuständige Sender NDR auf jeden Fall dabei haben wollte. Ein weiterer Act sollte noch über einen Umweg in den Vorentscheid kommen. Das ist wichtig, denn in Deutschland muss die Entscheidung für einen ESC-Starter auf jeden Fall undurchsichtig bleiben. Warum das so ist, weiß eigentlich niemand. Aber es wirkt wie ein Naturgesetz, dem man nicht entrinnen kann.

Um es kurz zu sagen: Die Chancen auf einen erfolgreichen deutschen ESC-Beitrag stehen mal wieder schlecht. Zu meiner Überraschung liegt das aber nicht am fehlenden Niveau der Songs. Es liegt eher daran, dass man sie niemals für einen Wettbewerb wie den ESC verwenden sollte.

Galant bringen „Katze“ mit zum deutschen ESC-Vorentscheid

Den Anfang machen wir mit dem Duo namens Galant, das den Song „Katze“ ins Rennen schickt. Es ist wirklich der erste Song, den ich mir anhöre. Auf halbem Weg muss ich mich dann schon fragen, ob der NDR uns nun eigentlich grundsätzlich auf den Arm nehmen will mit den Songs für den deutschen Vorentscheid. Nicht weil „Katze“ ein schlechtes Stück Musik wäre, sondern weil ich ganz eindeutig einem Spartenprogramm lausche.

Galant wird beschrieben als Electropop mit Einflüssen der Neuen Deutschen Welle. Die Eurovision-Masterminds beim NDR haben damit eine gute Beschreibung gefunden. Wer nun aber an die großen NDW-Hits denkt und auf einen eingängigen Refrain hofft, wird komplett enttäuscht sein. Es ist diese andere Art von Neuer Deutsche Welle, die sich minimalistisch an monotonen Elektro-Beats abarbeitet. Auf ganz eigene Art ist das spannend. Dass man ESC-Punkte einsammeln will, wenn diese Musik auf ein unvorbereitetes Publikum losgelassen wird, ist schlichtweg absurd.

„Oh Boy“ von Ryk: Absolut ungeeignet für den ESC 2024

Machen wir weiter mit dem Musiker Ryk, der „Oh Boy“ zum ESC-Vorentscheid beisteuert. Der Song weigert sich standhaft, dem Zuhörer etwas zu geben, das im Ohr bleibt. Wenn eine vielversprechende Melodie einsetzt, macht der Rhythmus einfach nicht mit. Wenn sich harmonische Spannung aufbaut, wabert sie anschließend davon, anstatt sich mal richtig zu entladen.

Wir befinden uns in einem völlig anderen musikalischen Spektrum als zuvor bei Galant. Und doch ist Ryk aus ähnlichen Gründen völlig ungeeignet für einen massentauglichen Song-Wettbewerb. Sein Beitrag ist verkopft, braucht mindestens einen zweiten Durchlauf für seine volle Wirkung. Als wäre dieses Stück bewusst dafür geschrieben worden, kein schneller Ohrwurm zu werden. Rein musikalisch ist es ein spannender Beitrag, den der NDR ausgewählt hat. Das Thema der Veranstaltung ist damit aber verfehlt.

Isaak kann mit „Always On The Run“ nicht punkten

Es gibt noch ganz andere Probleme bei der Suche nach dem deutschen Song für den ESC 2024. Eines davon begegnet uns unter anderem beim Künstler Isaak, der mit „Always On The Run“ ein melodisches Stück Musik abliefert. Es steckt eine starke Produktion dahinter, eine wirklich talentierte Stimme scheint er sowieso zu haben. Hier passiert etwas, worauf man sich als Hörer einlassen kann. Zumindest bis man bemerkt, warum dieser Song so einfach ins Ohr geht: Man hat das alles schon einmal gehört. Vielleicht auch zehn Mal oder fünfzig Mal. Oder noch öfter. In Wahrheit ist es so, als hätte man vor zehn bis 15 Jahren das Radio eingeschaltet und würde einem x-beliebigen, unaufdringlichen Beinahe-Hit lauschen. Eines muss ich den Entscheidern hier zugutehalten: Ich kann verstehen, dass diese Musik prinzipiell in ein Format wie den Eurovision Song Contest passt.

NinetyNine hat mit „Love on a Budget“ nichts zu sagen

An ganz ähnlichen Problemen scheitert auch NinetyNine. „Love on a Budget“ ist ein so generischer Sommer-Feelgood-Song, dass man den lahmen Refrain lieber für eine Fernsehwerbung verkauft hätte, anstatt damit in einen Wettbewerb zu gehen. Kaum zu glauben, dass damit jemand den Wettstreit um den besten Song aufnehmen möchte. Immerhin ist alles ziemlich schnell vorbei. Das ist der größte Pluspunkt an dieser Stelle.

Nicht ganz schlecht für den deutschen ESC-Vorentscheid: „Undream You“ von Leona

Etwas anders ist die Sache dann wiederum bei Leona. Mit „Undream You“ legt sie einen ruhigen Song vor, der wie dafür gemacht ist, ihre hübsche Gesangsstimme zu präsentieren. Soweit so gut. Nur reicht das einfach nicht, wenn der Song selbst nie auf den Punkt kommt und melodisch nicht in Erinnerung bleibt. Am Ende ist es irgendwie schön gewesen, und das war’s dann halt. So wirkt auch dieser mögliche ESC-Beitrag symptomatisch für alles, was bei der Vorauswahl schief gelaufen ist. Ein Song, der nicht beim ersten Anlauf im Gedächtnis bleibt, dürfte sich um die hinteren Plätze streiten, wenn es in Malmö ernst wird.

Max Mutzke wäre mit „Forever Strong“ nicht die schlechteste Wahl

Wo wir gerade schon bei ruhigeren Songs sind, gehen wir über zu Max Mutzke. Vor 20 Jahren war er schon für Deutschland beim ESC dabei. Nun will er mit „Forever Strong“ ein weiteres Mal antreten. Noch bevor die Musik ertönt, fällt mir das Bild auf, mit dem er auf der Eurovision-Website präsentiert wird. Ganz in schwarz-weiß gehalten, Mutzke blickt nach unten, weg von der Kamera. Diese Bildsprache hat eine Ernstigkeit, die einen Hauch von ganz großer Kunst andeutet. Einen altmodischen wirkenden Hut hat er auch noch auf, arrangiert als Teil dieser Inszenierung, die uns zu sagen scheint: Hier hat jemand musikalisch etwas zu sagen.

An dieser Stelle können wir es aber auch abkürzen und feststellen, dass hinter dem tiefgründigen Blick kein tiefgründiges Songwriting steckt. Das klingt vermutlich beleidigend, ist aber überhaupt nicht so gemeint. Einmal mehr gibt es mit „Forever Strong“ handwerklich sehr gut gemachte Musik. Ob man eine Pop-Ballade dieser Machart braucht, ist letztlich reine Geschmackssache. Aber bitte gebt dem Mann ein anderes Image, falls er nach Malmö gewählt wird. Bitte kein einsamer Performer, der irgendwie verkünstelt auf der Bühne sitzt, seinen Song perfekt runtersingt und dann doch vergessen wird, weil die nächsten Starter so richtig was von Bühnenperformance verstehen.

Marie Reim sing „Naiv“ – und noch dazu einfallslos

Über den vorletzten Song gibt es im Grunde überhaupt nicht viel zu sagen. Marie Reim macht Schlager. Mehr relevante Informationen gibt es über ihren Beitrag zum Vorentscheid nicht. Ihre Mutter Michelle war vor 23 Jahren beim ESC dabei, und zwar mit einem Song, an den sich manche sicher heute noch erinnern können. Es wäre überraschend, wenn man so etwas in ein paar Jahren auch über „Naiv“ sagen könnte. Es ist ein sehr generisches Stück Schlager, das man hier zu hören bekommt. Keine Note kommt überraschend, nichts an der Musik wirkt so, als hätte jemand nachdenken müssen, um sie zusammenzusetzen.

Trotzdem hätte Marie Reim wohl Chancen auf ein paar Punkte beim ESC. Einfach deshalb, weil ein simpler, energiereicher Song immer dem einen oder anderen Zuschauer gefallen wird. Bei anderen Beiträgen, die musikalisch mehr zu bieten haben, lässt sich das leider nicht so einfach behaupten. Das ist natürlich die Tragik dieser Veranstaltung. Richtig gute Musik wird nicht immer belohnt.

Bodine Monet könnte mit „Tears Like Rain“ beim ESC 2024 etwas erreichen

Eine Überraschung ist schließlich Bodine Monet mit „Tears Like Rain“. Hier wird das Rad nicht neu erfunden, aber das ist für einen ESC auch überhaupt nicht notwendig. Wir haben es hier mit einem Pop-Song zu tun, der einen treibenden Rhythmus vorlegt und im Refrain eine schnell eingängige Melodie findet. Das Arrangement ist abwechslungsreich und der Song vergeht gefühlt so schnell, dass man mit dem Anhören am Ende noch nicht ganz fertig ist. „Das müsste ich jetzt nochmal laufen lassen“, ist das angenehme Gefühl, das sich am Ende einstellt.

Ein gutes Ergebnis scheint möglich, falls Bodine Monet es zum ESC 2024 schafft. Es wäre schön, wenn man das von allen Vorschlägen des NDR behaupten könnte. Aber für mich bleibt nach dem Anhören der Eindruck zurück, dass der Sender sich eigentlich überhaupt nicht mehr auf das Konzept des ESC einlassen will. Denn dabei geht es um Songs, die eine schnelle Sympathie beim Massenpublikum quer durch ganz Europa erzeugen können. Davon ist in dieser Auswahl wenig zu spüren.

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