| 10:19 Uhr

Frankfurt
Schwäche zeigen verboten

Frankfurt. Der Frankfurter "Tatort - Unter Kriegern" handelt von Leistungswahn und bietet schauspielerische Höchstleistungen. Christian Sieben

Der Frankfurter "Tatort - Unter Kriegern" handelt von Leistungswahn und bietet schauspielerische Höchstleistungen.

Im Keller eines Judo-Leistungszentrums wird ein toter Junge gefunden. Der Schüler wurde vom Mörder eingesperrt und verdurstete qualvoll. Die Frankfurter Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) haben schnell einen Verdächtigen. Der Hausmeister Brunner (Stefan Konarske) ist vorbestraft, war mit dem Opfer zum Zoobesuch verabredet und gilt als sehr aggressiv.

Doch auch der Leiter des Leistungszentrums benimmt sich seltsam. Seinen Adoptivsohn will er mit allen Mitteln zum Judo-Meister trimmen. Das Kind muss bis zum Erbrechen trainieren. Schwäche zeigen ist verboten. Seine Ehefrau behandelt er wie eine Sklavin. Ihr Tag besteht aus ständigen Demütigungen.

Als dann ein Foto auftaucht, das den Sportfunktionär gemeinsam mit dem späteren Opfer in der Umkleidekabine zeigt, haben die Ermittler einen schrecklichen Verdacht. Der Frankfurter Fall "Unter Kriegern" von Regisseurin Hermine Huntgeburth ist sehenswert und anstrengend zugleich.

Anstrengend, weil Judo-Funktionär Joachim Voss (Golo Euler) wohl einer der widerlichsten Verdächtigen ist, den Krimifans seit einigen Monaten ertragen mussten. Nur auf den eigenen Vorteil bedacht, gefühlskalt, narzisstisch und von einem pervertierten Leistungsgedanken besessen, erinnert Voss schon nach den ersten Szenen an die Figur des Serienkillers Patrick Bateman aus dem Erfolgsroman "American Psycho" von Autor Bret Easton Ellis. Auch äußerlich unterscheidet die Figur lediglich die Haarfarbe von seinem literarischen Vorbild.

Seinen Sohn Felix (Juri Winkler) hetzt Voss gegen die eigene Mutter auf und erzieht das Kind erfolgreich zu einem gefühllosen Zombie. Auch der Junge treibt die Mutter in die Enge und beleidigt sie. Einige dieser Szenen wirken etwas dick aufgetragen. Zudem drängt sich die Frage auf, warum der Chef eines Frankfurter Judo-Zentrums stets im feinsten Anzug und im 100.000-Euro-Maserati zur Arbeit fahren darf.

Auch die Figur des Hausmeisters dürfte einige Zuschauer nerven. Stefan Konarske (bis vor Kurzem noch als Dortmunder "Tatort"-Ermittler im Einsatz) spielt den verdächtigen Hausmeister als Nervenwrack, der ständig ohne Grund durch die Gegend schreit. Anstrengend.

Wer darüber hinwegsehen kann, erlebt einen atmosphärisch dichten Krimi und gleich mehrere schauspielerische Höchstleistungen. Zu nennen ist hier besonders Lina Beckmann, die als unterdrückte und verängstigte Hausfrau brilliert. Auch Marek Harloff überzeugt in seiner Rolle als zwielichtiger Sozialpädagoge, der Gewalttäter zurück in den Alltag holen will.

Die Kommissare Janneke und Brix halten sich in diesem Fall eher im Hintergrund. Brix sucht eine neue Bleibe, sonst erfährt man nicht viel Neues über die Ermittler. Auf die sonst am Sonntagabend üblichen moralischen und empörten Kommentare verzichten sie weitgehend. Auch dies macht "Unter Kriegern" zum bislang besten Fall des gar nicht mehr ganz so neuen Frankfurter Ermittler-Duos.

"Tatort - Unter Kriegern", Das Erste, So., 20.15 Uhr