| 10:12 Uhr

Frankfurt/M.
"Süddeutsche" trennt sich von Karikaturisten

Frankfurt/M.. Eine Israel-Karikatur zog Antisemitismus-Vorwürfe nach sich. Zeichner Dieter Hanitzsch weist diese Tendenzen zurück.

Wegen einer als antisemitisch kritisierten Karikatur beendet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Zeichner Dieter Hanitzsch. Das bestätigte Chefredakteur Wolfgang Krach in München. Hanitzsch sieht darin eine "Überreaktion" und weist den Vorwurf des Antisemitismus zurück. "Ich bereue die Karikatur nicht", sagte der 85-Jährige dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland". Krach hatte sich zuvor für die Karikatur entschuldigt, die vor allem im Netz zu Diskussionen geführt hatte. Mit dem Fall beschäftigt sich auch der Deutsche Presserat.

Die am Dienstag erschienene Karikatur zeigt den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu in Gestalt der Gewinnerin des Eurovision Song Contest, Netta. Er hält eine Rakete mit Davidstern in die Höhe. In den Mund gelegt ist ihm der traditionelle jüdische Ausspruch "Nächstes Jahr in Jerusalem". Netanjahu ist mit großen abstehenden Ohren dargestellt, was als antisemitisches Stereotyp gilt.

Im Kurznachrichtendienst Twitter hatten User die Zeichnung als antisemitisch kritisiert. Sie könne dem Nazi-Wochenblatt "Der Stürmer" entstammen, hieß es. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht ebenfalls "Assoziationen an die unerträglichen Zeichnungen der nationalsozialistischen Propaganda geweckt". Auch wenn Karikaturen ironisieren und provozieren sollten, sei hier eine rote Linie überschritten worden, sagte Klein der "Bild".

Hanitzsch wies den Vorwurf zurück, er habe Netanjahu "typisch antisemitisch" und in einer Weise dargestellt, die auch im "Stürmer" hätte erscheinen können. "Das ist das Schlimmste, was man einem Zeichner unterstellen kann und eine üble Verleumdung", sagte er. "Einen Netanjahu zu karikieren heißt, ihn nicht schöner zu machen, als er ist. Das ist der Sinn der Karikatur. Sie soll verzerren", sagte Hanitzsch.

Er habe mit der Karikatur sagen wollen, "dass Netanjahu den Sieg seiner Landsfrau Netta beim Eurovision Song Contest missbraucht hat", erklärte der Zeichner. Er sei kein Antisemit, betonte er. "Natürlich bedauere ich es und tut es mir leid, wenn sich jemand verletzt fühlt. Mir ist bewusst, wie sensibel das Thema ist." Die Zeichnung zähle sicher nicht zu seinen Glanzstücken: "Aber was da jetzt alles hineingedichtet und interpretiert wird, ist völlig maßlos und im Kontext zu betrachten."

Die SZ-Chefredaktion gab als Grund für die Beendigung der Arbeit mit Hanitzsch "unüberbrückbare Differenzen" an "darüber, was antisemitische Klischees in einer Karikatur sind". Diese hätten sich nicht nur in der veröffentlichten Karikatur selbst, sondern auch in Gesprächen mit Hanitzsch gezeigt. Die "Süddeutsche" werde ihre redaktionsinternen Abläufe bei der Veröffentlichung von Karikaturen überprüfen und gegebenenfalls verändern, kündigte Krach an.

Der Deutsche Presserat wird wegen der Netanjahu-Karikatur ein Prüfverfahren einleiten. Wie eine Sprecherin des Selbstkontrollgremiums in Berlin sagte, gingen bislang sechs Beschwerden beim Presserat ein. Der Beschwerdeausschuss des Presserats entscheidet am 12. Juni über den Fall.

SZ-Chefredakteur Krach hatte bereits am Dienstagabend eingeräumt, dass die Zeichnung antisemitisch aufgefasst werden könne. "Ihre Veröffentlichung war deshalb ein Fehler, für den wir um Entschuldigung bitten", schrieb er auf dem Nachrichtenportal seiner Zeitung.

(epd)