| 08:33 Uhr

Nürnberg
Voss und der ganz normale Wahnsinn

Nürnberg. Ein Doppelmord an offenbar perfekt integrierten Libyern bringt die Ermittler im Franken-"Tatort" an ihre Grenzen. Tobias Jochheim

Felix Voss ist mehr als genervt. Er ist frustriert, angeekelt und schockiert von der Gewalt, die Menschen einander antun - oft aus den niedersten Motiven, die auseinanderzuklamüsern sein Job ist.

Dabei schien das Leben gerade noch schön zu sein. Zur verspäteten Wohnungseinweihung hat der in Franken langsam heimisch werdende norddeutsche Ermittler eine Party geschmissen, und zwar eine amtliche, als wären die mehr oder weniger in die Jahre gekommenen Kripo-Leute wieder Studenten, jung und unbeschwert. Musik und Alkohol und Zigarettenrauch überall, Nudeln und Nachtisch in der Küche, Sex in einem Nebenraum.

Aber nicht mal dieser eine Abend wird Voss komplett gegönnt. Sein Chef bekommt einen Anruf, brüllt nach Ruhe und bekommt sie, versteht, legt bald auf und muss nichts sagen. Alle wissen: Es ist wieder Alltag. Flatterband statt Flirts, Blut statt Bier, Spurensicherung statt Spaß, Doppelmord statt Discofox.

Auf dem Weg zu ihrem vierten Tatort schweigen Voss und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), auf dem Rückweg aber lässt er die Verbitterung raus: "Unser Leben ist ein schwarzer Raum, rabenschwarz. Wir jagen irgendjemanden, den wir nicht sehen. Wenn wir ihn haben, ist da schon der Nächste. Und der Nächste. Und der Nächste. Und so machen wir immer weiter. Bis dann irgendwann jemand kommt und sagt: ,Ach, du bist das. Hab dich gar nicht erkannt. Geht's dir nicht gut?' Und dann sagst du: ,Doch, doch. Eigentlich ist alles toll.'"

Ähnlich schlimm dran sind eigentlich nur Rettungssanitäter, über deren blutigen Alltag gerade ein erschreckend eindringlicher Artikel die Runde macht ("Rauchen gegen den Tod", zeit.de).

Diesmal heißen die Toten, die in ihrem eigenen Blut liegen, Ismael und Manousha Elmahi, erwachsene Geschwister. "15 bis 20 Schläge pro Person, anscheinend mit wachsender Begeisterung", bemerkt trocken der Leiter der Spurensicherung (Kabarettist Matthias Egersdörfer).

Zunächst gerät ihr gemeinsamer Ziehsohn Ahmad unter Verdacht, ein Musterstudent, der seit der Tat untergetaucht ist. Dann stellt sich heraus, dass dieser hochbegabte "Super-Moslem" (Voss) jüngst drei Schläger angezeigt und ins Gefängnis gebracht hat. So gelangt Voss zu der Überzeugung, dass sich jemand an dem jungen Libyer rächen wollte - und dabei irrtümlicherweise dessen Ziehvater erwischte.

Voss findet seine übliche Heiterkeit wieder, doch dann bricht für die sonst so unerschütterliche Ringelhahn eine Welt zusammen: Ein Kollege, mit dem sie auch eine innige private Beziehung pflegte, ist tot. Er war vollgepumpt mit Antidepressiva, ohne die er seine Arbeit nicht mehr ertrug, von denen er seiner Familie aber nie etwas erzählt hatte.

Im Laufe des Films kommt es, wie es kommen muss und was manchen nerven wird, der das Thema als zu dominant empfindet: Einmal mehr geht es um die Flüchtlingspolitik und ihre Folgen. Der "Tatort" wird also erneut politisch - aber dabei nie pathetisch, niemand hebt hier den moralischen Zeigefinger.

Und wen das fulminante Finale nicht fesselt, dem ist nicht zu helfen.

"Tatort - Ich töte niemand", Das Erste, So., 20.15 Uhr