| 08:06 Uhr

Düsseldorf
Wem gehört die Natur?

Düsseldorf. Der Konflikt zwischen Mensch und Tier ist so alt wie die Menschheit selbst. Ein Kinofilm zeigt ihn jetzt am Beispiel deutscher Wälder. Hans Onkelbach

Der Konflikt zwischen Mensch und Tier ist so alt wie die Menschheit selbst. Ein Kinofilm zeigt ihn jetzt am Beispiel deutscher Wälder.

Die Deutschen und ihr Wald - das ist eine schwierige Beziehungskiste. Sie ist mythenbehaftet, voller Emotion und irrationaler Leidenschaft. Dabei basiert das Ganze auf purer Illusion: Der deutsche Wald wie viele ihn sich vorstellen, er ist nicht mehr da. Bis auf ein paar Prozent der Flächen in der Eifel oder an der Grenze zu Tschechien, wo Fauna und Flora buchstäblich Wildwuchs genießen. Der Rest: Kulturlandschaft, effizient genutzt, beobachtet, gepflegt, bepflanzt, geschützt, gestaltet, geplant. Und dies vor allem unter einem einzigen Gesichtspunkt: Profit. Denn Deutschlands Wälder sind zu weit über 90 Prozent Kulturlandschaft.

Das klingt schön, ist aber nur die Übersetzung für einen sehr profanen Fakt: Der Deutsche hat sich seinen Wald Untertan gemacht, und das tut er schon seit vielen hundert Jahren. Nix mit Eichen und Buchen im Mix, stattdessen Fichten, Kiefern und Eiben nebeneinander. Was da wächst, steht nicht zufällig, sondern gewollt und oft sogar in Reih und Glied. Die Abstände sind wohl kalkuliert und an den Bedürfnissen der Bäume orientiert, die ersten paar Jahre gibt es Plastikschutz für die Setzlinge gegen hungrige Vierbeiner, und in einigen Jahrzehnten hofft man auf guten Gewinn, wenn man das Holz schlägt und verkauft.

Leider jedoch gibt es da einige Tiere, die sich nicht an diese Regeln halten - und damit ist ein Konflikt programmiert, von dem die meisten Menschen keine Kenntnis haben. Bis sie sich den Film "Auf der Jagd - wem gehört die Natur?" von Regisseurin Alice Agneskirchner (Produktion: Broadview TV/Leopold Hoesch) angeschaut haben. Danach sind sie zwar immer noch nicht umfassend informiert (das wäre viel zu aufwendig), aber sie haben mehr als nur ein wenig Ahnung von dem, was sich bei uns im Grünen so abspielt.

Der Film ist ein eher lakonisches Lehrstück über den Wald, die Tiere und die Jagd. Wofür man ihn am meisten loben muss: Er zählt die Fakten leidenschaftslos auf und überlässt es dem Zuschauer, sich dazu eine Meinung zu bilden. Man könnte auch sagen: sehr ruhig wird berichtet, ohne Aufreger, Action, Dramatik. Das jedoch passt zum Thema. Denn im deutschen Wald - oder dem, was davon übrig ist - geht es trotz aller ökonomischen Regeln eher bedächtig zu. Was unter anderem mit der Zeit zusammenhängt, die so ein Baum zum Wachsen braucht. Und der Geduld, die Jäger sich nehmen müssen, wenn sie die nach wie vor reichlich vorhandenen Bewohner beobachten, zählen und - ja, das ist so ! - in einer gesetzlich vorgegebenen Zahl erlegen müssen.

Es hat in Deutschland in den letzten Jahren viele Jagdfilme gegeben. Eine ganze Reihe verurteilten dieses am Ende oft blutige Handwerk, einige glorifizierten es - aber "Wem gehört die Natur?" stellt die Jagd einfach nur so dar, wie sie ist. Als straff reglementiertes Waidwerk, von Abschussplänen einerseits auf Erfolg getrimmt, von leider völlig unberechenbaren Tieren anderseits auf Misserfolg programmiert.

Der Jäger als Ersatz für Bär, Luchs und Wolf - klingt simpel, ist aber dennoch richtig. Wo Monokulturen im Wald und auf den Feldern bevorzugt werden, aber Räuber fehlen, da wachsen die Bestände von Hirsch, Reh und Wildschwein immens, und die Schäden, die sie verursachen auch. Das dürfte dem Laien neu sein, aber der Film zeigt, was es bedeutet, wenn der zarte Baumzögling, keinen halben Meter hoch, von einem feinschmecklerischen Reh angeknabbert wird, und dieser Baum auch in zig Jahren aufgrund dieser Knabberei (der Fachmann sprich von Verbiss!) nicht mehr so wächst, wie er sollte.

Hirsche schälen Rinde von den Bäumen, Wildschweine, durch Mais-Massenanbau explosionsartig vermehrt, verwüsten Wiesen und Äcker - und der Jäger ist in der Pflicht, das zu verhindern. Blanke Theorie, denn die Tiere stehen, entgegen einer weit verbreiteten Meinung, nicht einfach offen im Wald rum und warten auf den tödlichen Schuss. Mit ihren feinen Sinnesorganen sind sie dem Menschen weit überlegen und lernen schnell, ihn zu meiden.

Durch intensive Nutzung von Feldern und Wiesen sind aus Hirschen Bewohner des schützenden Waldes geworden, scheu, nachtaktiv und schwer zu jagen. Wildschweine suchen tagsüber die Deckung und kommen raus, wenn die Nacht tiefdunkel ist. Rehe hören oder wittern den Menschen schon, bevor er sie auch nur sieht, und flüchten. Schwer also, einen Abschussplan zu erfüllen.

Der Film schildert diese Konflikte, erklärt das in manchen Regionen verfolgte Ziel "Wald vor Wild", zeigt Pflichten der Jäger bei Hege und Pflege und macht deutlich, wie in der Kulturlandschaft Wald die Interessen aufeinander prallen. Die der Tiere - das werden manche nicht glauben oder hören wollen - vertritt am Ende nur der Jäger. Der

Der Film "Auf der Jagd - wem gehört die Natur?" läuft ab heute im Kino.