Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft erwartet einen Strukturwandel

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Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft erwartet einen Strukturwandel – und fordert, Bürgern die Ängste zu nehmen.

Welche Zukunft haben kleine Krankenhäuser? Wie sieht es künftig mit der Notfallversorgung aus? Darüber sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit Gerald Gaß. Er ist Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft. Gaß stammt aus Wittlich.

Herr Gaß, gleich zu Beginn mal ein Blick in die Zukunft: Wie sieht die Krankenhauslandschaft in Deutschland in zehn oder 20 Jahren aus? Gibt es dann noch kleine Kliniken oder nur noch Großkrankenhäuser?

GASS: Die Krankenhauslandschaft in zehn Jahren wird anders aussehen als heute. An der einen oder anderen Stelle wird es kleinere Krankenhäuser, so wie sie heute existieren, nicht mehr geben. Das heißt aber nicht, dass die Einrichtung vor Ort komplett verschwindet. Möglicherweise werden einige kleine Kliniken in ambulante Behandlungszentren umgewandelt.  Wichtig ist, dass sich die Verantwortlichen vor Ort und im Land anschauen, wie die aktuelle Versorgungslage ist und wie ein Gesamtkonzept aussehen kann.

Was heißt das konkret?

GASS: Ich meine damit die ambulante und die stationäre Versorgung. Aber auch die Notarztversorgung muss gesichert sein. Oftmals ist ja der Notarztwagen an einem Krankenhaus stationiert. All diese Fragen muss man in einer Regionalkonferenz  diskutieren und Konzepte für die Zukunft kleiner Häuser entwickeln.  Dafür braucht es aber ein geordnetes Vorgehen.

Aber gibt es nicht zu viele Krankenhäuser? Auch in Rheinland-Pfalz? Sie selbst haben ja kürzlich gesagt: „Wenn die Landesregierung von 70 klassischen Krankenhausstandorten in Rheinland-Pfalz zehn bis 15 zur Diskussion stellen würde, um sie zu fusionieren oder zum Beispiel in ambulante Zentren umzuwandeln, dann hätte die Politik die Krankenhausgesellschaft mit im Boot.“ Sind Sie also dafür, dass es weniger Kliniken gibt?

GASS: Ich sage, dass sich die Krankenhausstrukturen so wie sind, von ihrer Anzahl und von den Aufgaben, die die einzelnen Kliniken übernehmen, verändern werden.  Ob es nun zehn oder 15 oder mehr oder weniger sind, auf die das zutrifft, muss man sehen.  Was ich nicht erleben möchte in den kommenden Jahren, dass immer wieder Träger an einigen Standorten sagen, sie könnten das Krankenhaus nicht mehr weiter tragen oder die Krankenhäuser zu einer Klinik-Schließung drängen.  Dadurch wird die Bevölkerung in der betreffenden Region verunsichert, weil  eine sicher geglaubte Versorgung von heute auf morgen in Frage gestellt wird. Deshalb müssen wir als Krankenhausverantwortliche und auch die Politik Verantwortung übernehmen für Strukturveränderungen. Und für ein planvolles Vorgehen, um auch die Bevölkerung mitzunehmen.

Nun leben wir hier in einer ländlich geprägten Region. Die Schließung eines Krankenhauses würde für viele Menschen in der Eifel oder an der Mosel bedeuten, dass sie weit mehr als 30 Kilometer bis zur nächsten Klinik fahren müssten. Viele kleine Häuser sind in ihrer Existenz bedroht, brauchen finanzielle Unterstützung. Was muss getan werden, um diese zu erhalten?

GASS: Das hängt mit einem Fehler im Vergütungssystem zusammen. Derzeit werden alle Krankenhäuser in Deutschland nach dem gleichen Prinzip vergütet. Sie erhalten für die einzelne Leistung, die sie am Patienten erbringen, eine sogenannte Fallpauschale. Die ist grundsätzlich bei allen Krankenhäusern gleich, unabhängig von der Größe der Klinik. Kleinere Krankenhausstandorte, wie in der hiesigen Region, haben weniger Behandlungen, haben aber Vorhaltekosten, wie etwa Kosten für die Notfallversorgung. Diese Kosten müssen auch refinanziert werden, in den kleinen Häusern aber durch weniger Behandlungen. Das ist ein struktureller Finanzierungsnachteil.

Wie kann dieser Nachteil beendet werden?

Gass: Das Abrechnungssystem muss geändert werden. Wir brauchen eine Art Basisfinanzierung für die kleinen Häuser. Und zusätzlich eine leistungsbezogene Vergütung. Die kleinen Häuser müssen alle sektorübergreifend arbeiten dürfen. Heute darf ein Krankenhaus in der Regel keine ambulante Versorgung anbieten. Künftig soll die fachärztliche, ambulante Versorgung in den ländlichen Regionen, in denen es ohnehin nur noch ganz wenige, zum Teil gar keine niedergelassenen Fachärzte mehr gibt,  von den dortigen Kliniken angeboten werden dürfen. Der Standort wandelt sich dadurch vom Krankenhaus zu einem Gesundheitszentrum.  Sie können dann ihre Ressourcen für ambulante und stationäre Patienten einsetzen. Das ist ein wesentlich wirtschaftlicherer Betrieb und er ist im Interesse der Patienten.

Geht das aber ohne Zusammenarbeit mit größeren Kliniken?

GASS: Die kleinen Häuser müssen konsequent mit den größeren Krankenhäusern verbunden werden. Es könnte dann einen gemeinsamen Personalpool geben, auch die Ausbildung kann gemeinsam organisiert werden, um Kompetenzen, wie es sie nur in großen Kliniken gibt, auch für die kleineren Häuser verfügbar zu machen. Das kleine, alleinstehende Krankenhaus wird nicht überlebensfähig sein.

Aber Sie können ja nicht bestreiten, dass es auch im Land Überkapazitäten bei den Krankenhäusern gibt. Das hat ja auch ein Gutachten im Auftrag der Landesregierung im Vorfeld des Krankenhausplanes aufgezeigt: Es gibt zu viele Betten.

GASS: Es kann durchaus im Einzelfall dazu kommen, dass Krankenhäuser geschlossen werden. Das ist aber dann immer ein Ergebnis des von mir angesprochenen strukturierten Prozesses. Wir müssen dann der Bevölkerung vermitteln, dass sie in diesen Fällen ein paar Kilometer mehr fahren muss, um medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen und es trotzdem keine Verschlechterung gibt.

Aber jedes Mal, wenn es darum geht, eine Klinik zu schließen, laufen die Politiker vor Ort Sturm und die Bevölkerung protestiert entrüstet. Wie wollen Sie denn ernsthaft vermitteln, dass unrentable Krankenhäuser dicht gemacht werden müssen?

GASS: Ich halte nichts davon, der Bevölkerung zu versprechen, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Ich halte aber viel davon, der Bevölkerung zu sagen, wenn es Veränderungen gibt, werden wir uns im Vorfeld darüber Gedanken machen, was medizinisch notwendig ist, wie steht es um die ambulante Versorgung, wo wird die Notaufnahme sein, wie sind die Rettungswege zukünftig organisiert, wo steht der Notartwagen. Das sind die Fragen, die die Menschen vor Ort bewegen und die müssen beantwortet werden. Dann kann man viele Ängste nehmen und Verständnis für Veränderungen wecken.

Stichwort Notfallversorgung. Ein seit Jahren diskutiertes Problem. Die Kliniken beklagen sich, dass viele Patienten in die Notaufnahmen kämen, die gar nicht dahin gehörten. Die niedergelassenen Ärzte kritisieren, dass die Kliniken mit der ambulanten Notfallversorgung eigentlich am Honorartopf der Ärzte kratzen. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

GASS: Nach den Vorstellungen von Bundesgesundheitsminister Spahn soll die ambulante Notfallversorgung an den Krankenhäusern stattfinden. Seiner Vorstellung nach sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam mit den Kliniken den Betrieb dieser integrierten Notfallzentralen übernehmen.  Ich sage, dafür brauchen wir nicht die Kassenärztliche Vereinigung. Das können die Krankenhäuser ohne eine vertragliche Vereinbarung mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. Dafür muss aber kein neuer Betrieb im Krankenhaus geschaffen werden, der nur wieder zusätzlich Bürokratie verursacht.

Das dürfte aber auf Widerstand bei den Ärzten stoßen.

Kreiskrankenhaus Saarburg: Dr. Gerald Gaß Geschäftsführer Landeskrankenhaus (AöR) und Landrat Günther Schartz. Foto: Friedemann Vetter. Foto: Friedemann Vetter

GASS: Wir wollen den niedergelassenen Ärzten nichts wegnehmen. Die Notfallversorgung in der Nacht und am Wochenende ist kein geliebtes Kind der Ärzte.  Die niedergelassenen Ärzte sind aber herzlich eingeladen, mitzuarbeiten bei dieser ambulanten Notfallversorgung. Wir brauchen die Mediziner aus dem ambulanten und dem stationären Bereich, um ausreichend Notfälle versorgen zu können. 
Schon heute nehmen die meisten Patienten ihr Krankenhaus auch bei ambulanten Notfällen in Anspruch.  Das sollten wir durch eine klare Zuordnung der Aufgabe auch so bestätigen.

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