1. Nachrichten

Der Trierer Wissenschaftler Bernhard Swoboda über die Lage des Handels

Handel : „Wir können die Innenstädte unterstützen“

Umsatzausfall und verändertes Konsumverhalten: Der Trierer Wissenschaftler Bernhard Swoboda über die Lage des Handels in der Corona-Krise.

Der Shutdown belastet die saisonabhängige Modebranche – große Unternehmen ebenso wie inhabergeführte Geschäfte: Bernhard Swoboda, Professor für Marketing und Handel an der Universität Trier, beschreibt einen komplexen Markt zwischen weltweiten Lieferketten, der Konkurrenz durch den Onlinehandel und appelliert im Interview mit TV-Redakteurin Birgit Markwitan an die Verantwortung der Konsumenten für die regionalen Innenstädte.

Die Mode steckt durch den Shutdown in einer besonderen Zwickmühle. Die Läden hängen noch voller Frühjahrs- und Sommerkollektionen und die Herbst- und Wintersaison steht vor der Tür. Wie ist die Lage?

Swoboda: Der Shutdown wird vermutlich bei einigen Händlern zu Liquiditätsproblemen führen. Der Modehandel hat das kurzfristige Problem, wie er die Sommermode noch verkaufen kann und oft ein langfristiges, strategisches. Viele Händler wissen nicht, wie sie mit der sogenannten Vororder für die kommende Saison umgehen sollen. Sie stehen am Ende der Lieferkette, werden von Produzenten beliefert, die wiederum oft von China abhängig sind, aber dieser Distributionsweg ist ja weitgehend geschlossen. Das bedeutet, dass die Lieferkette langfristig unterbrochen ist.

Im schlimmsten Fall interessiert die Sommermode nicht mehr und die Herbstmode könnte nicht rechtzeitig geliefert werden?

Swoboda: Richtig, so stellt sich momentan die Situation auf der Lieferantenseite dar. Was den Absatz betrifft, weiß man nicht, was man in den Geschäften langfristig listen kann und gleichzeitig stockt es bei der Sommerware. Aber die Verbindlichkeiten bleiben, Einnahmen sind ausgeblieben oder bleiben vielleicht trotz der Lockerung am Montag aus und es könnte schnell zu dem schon erwähnten Liquiditätsproblem kommen. Es sei denn, es existiert ein funktionierender Onlineshop. Das ist aber selten der Fall. Manche großen Ketten reagieren sogar durch eine bedingungslose Stornierung bereits laufender, in Bearbeitung befindlicher Bestellungen bis Mitte des Jahres, was das Problem auf die vielen Tagelöhner in Entwicklungsländern überträgt.

Was bedeutet die Situation für Geschäfte, die nicht auf eine Onlineplattform zurückgreifen können und normalerweise vom Shoppingtourismus leben?

Swoboda: Kleinere, mittelständische Händler wussten nicht, wie mit der Vororder für den bisher ungewissen Wiedereröffnungszeitpunkt umzugehen war. Fashion ist zudem neben der Unterhaltungselektronik die Branche schlechthin, die am stärksten von Onlineangeboten tangiert wird. Analysen gehen davon aus, dass im Jahr 2023 etwa 40 Prozent des Umsatzes bei Bekleidungsprodukten generell online getätigt wird. Durch die Coronakrise wird der dadurch bereits vorhandene Druck noch stärker – speziell für die inhabergeführten Unternehmen. Es ist zu befürchten, dass nicht alle Läden nach dem Shutdown wieder öffnen werden. Wer zum Beispiel ohnehin schon ein Nachfolgeproblem hatte und vorhatte später aufzuhören, wird die Lage zum Anlass nehmen und gegebenenfalls eher schließen.

Sie befürchten, dass in Trier oder auch in anderen Innenstädten nicht nur Textilgeschäfte vielleicht gar nicht erst wieder aufmachen?

Swoboda: Genau. Das gilt auch für Handels- und auch Handwerksbetriebe, das heißt für alle Branchen, die mit Nachfolgeproblemen zu kämpfen haben. Der Fashion-Handel war früher ja stark durch Fachgeschäfte und nicht durch Ketten geprägt. Jetzt wird der Druck so erhöht, dass viele vielleicht überlegen, ob sie ihr Geschäftsmodell einfach so weiter laufen lassen.

Wird die Öffnung der Läden bis 800 Quadratmeter von Montag an keine Erleichterung bringen, die Sommermode kann verkauft werden?

Swoboda: Wenn wir beispielsweise die Innenstadt von Trier durchgehen und überlegen, welches der Geschäfte diese Größe hat, dann kommen wir auf einige, aber so viele auch wieder nicht. Wenn diese am Montag mit entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln öffnen, wird das die Situation erleichtern. Aber ob das ausgefallene lukrative Ostergeschäft und der für die Sommermode umsatzstarke Monat März aufgeholt werden können, wage ich zu bezweifeln.

Die City-Initiative Trier hat einige Forderungen an die Stadt formuliert. Dazu gehören Sonderlösungen für Parkgebühren und die Änderung des Ladenöffnungsgesetzes, um den Verkauf an vielen Sonntagen zu ermöglichen.

Swoboda: Das sind mit Sicherheit sinnvolle Maßnahmen, um Kunden mit den gebotenen Abstandsregeln in die Stadt zu locken. Aber ich glaube nicht, dass man dadurch das im Frühjahr weggebrochene Geschäft wird ausgleichen können.

Es gibt ja noch Kurzarbeit, Kredite, Mietminderung oder -erlass …

Swoboda: Die Maßnahmen der Bundesregierung sind sinnvoll und in diesem Umfang einmalig. Aber es kommt ganz individuell auf das einzelne Unternehmen an, wie sie wirken. Diejenigen, die ohnehin in den vergangenen fünf Jahren gerade so über die Runden gekommen sind, werden eventuell nicht weiter kämpfen. Geschäfte, die sehr lukrativ und gut finanziert sind, denen hilft die Unterstützung der Bundesregierung.

Wie steht es um die Großen, um Galeria Karstadt Kaufhof, die mit drei großen Häusern in Trier sehr präsent sind?

Swoboda: Für Unternehmen, die schon vorher in Schieflage waren, wie es bei Galeria Karstadt Kaufhof der Fall ist, kommt die Krise quasi noch obendrauf. Die großen Läden dürfen zudem noch nicht öffnen und verlieren noch mehr Umsatz, den sie auch online nicht werden auffangen können. Selbst ein Onlinehändler wie Zalando macht bei weitem nicht so viel Umsatz wie erwartet. Das ist bei den führenden Platzhirschen wie Amazon offensichtlich nicht so.

Wer nicht ins Konzert, ins Kino, ins Restaurant geht, braucht kein Styling. Was bedeutet die Pandemie, die nicht so schnell verschwindet, langfristig für das Luxusgut Mode?

Swoboda: Die Menschen geben gerade weniger Geld aus und haben ihr Konsumverhalten geändert. Die Grundbedürfnisse rücken in den Vordergrund. Nahrungsmittel und Toilettenartikel – dafür werden wir übrigens weltweit belächelt – werden auf Vorrat gekauft und alles, was Luxus oder gehobene Bedürfnisse betrifft, wird zurückgefahren. Man geht davon aus, dass Einkäufe nicht nachgeholt werden. Das gilt besonders für die Älteren, die für die Fachgeschäfte in den Innenstädten eine sehr relevante Kundengruppe sind, weil sie bereit sind, etwas mehr auszugeben. Ihre Zielgruppe sind nicht die jüngeren, die offener sind, wieder rauszugehen. Das stützt die Einschätzung, dass man verlorene Umsätze nicht wird wieder einholen können.

Könnte eine starke Kauflust nach einer Phase der Enthaltsamkeit nicht einiges wieder wettmachen?

Der (fast) leere Blick in die Simeonstraße. Die Trierer Prachtstraße gehört in Normalzeiten zu den belebtesten Einkaufstraßen Deutschlands, mit bis zu 6600 Passanten in der Stunde. Foto: TV/Heribert Waschbüsch

Swoboda: Je kürzer der Shutdown, desto besser die Prognosen der Wirtschaftsweisen. Allerdings wird die ausgefallene oder verkürzte Saison die Bilanzen weiter belasten. Es bleibt also zu hoffen, dass die Menschen im kommenden Jahr zurück gestellte Investitionen entsprechend nachholen. Bei Bekleidung wahrscheinlich nicht in dem Maße wie bei Autos oder der Unterhaltungselektronik. Wir, die Konsumenten, sind letztendlich dafür verantwortlich, wie unsere Innenstädte in Trier, Bitburg oder Wittlich aussehen, wir können sie unterstützen. Jeder Onlineeinkauf bei einem sogenannten Pure Online-Player trägt dazu bei, dass ihre Attraktivität abnimmt.