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Die Landwirtschaft steht am Scheideweg: Weshalb es beim Bauernverband kracht.

Streit : Die Landwirtschaft steht am Scheideweg - Weshalb es beim Bauernverband kracht

Warum der Vulkaneifeler Marco Weber den Bauernpräsidenten Michael Horper kritisiert und an eine eigene Kandidatur denkt.

Immer mehr Höfe sterben, viele Landwirte müssen wegen Umweltauflagen beim Düngen knausern und demonstrieren in der ganzen Bundesrepublik für ihre Existenz. „Die Landwirtschaft steht im kommenden Jahrzehnt am Scheideweg“, sagt Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, der sich am 6. Februar in Koblenz für fünf weitere Jahre zur Wahl stellt.

Doch wenige Wochen vor der Wahl kritisiert Marco Weber, Kreisvorsitzender des Bauern- und Winzerverbandes in Daun, die Führung scharf und denkt an eine eigene Kandidatur als Präsident. „Wenn ich mir die Frage stelle, ob der Verband für die Herausforderungen zeitgemäß aufgestellt ist, glaube ich: nein“, sagt Weber, der selber einen Familienhof in Lissendorf (Vulkaneifelkreis) bewirtschaftet, für die FDP im Mainzer Landtag sitzt und sich an der Lobbyarbeit des Berufsverbandes reibt.

Im Verband habe sich „eine gewisse Trägheit“ eingeschlichen, findet Weber. „Nach innen wird die Arbeit zu wenig wahrgenommen, es gibt zu wenig Mitnahme und Abfrage der Mitglieder nach Lösungen“, moniert der Eifeler. Auch wenn es darum geht, die Anliegen der öffentlich oft gescholtenen Landwirte zu verkaufen, sieht Weber enormen Nachholbedarf. Es sei an der Zeit, „jüngeren, kreativeren, mutigeren Leuten“ eine Chance zu geben, die für soziale Netzwerke aufgeschlossen seien. „Wenn Trump Weltpolitik auf 140 Zeichen macht, kann der Bauern- und Winzerverband keine 3000 Zeichen Pressemitteilung auf Facebook veröffentlichen“, kritisiert Weber, der vom Verband auch fordert, sich im Clinch mit der Politik stärker zu positionieren. „Es reicht nicht aus, als Führungsspitze die Probleme zu benennen und keine eigenen Lösungen zu präsentieren, wie es bei der Düngeverordnung oder der Ferkelkastration der Fall war. Der Verband muss aktiver auf die Politiker zugehen, um Kompromisse zu gestalten“, behauptet der Vulkaneifeler, der daran denkt, Horper bei der Präsidentenwahl herauszufordern. „Ich schließe nicht aus, für den Vorsitz des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau anzutreten“, betont Weber, der als Landtagsabgeordneter der FDP aber zeitlich schon stark eingebunden ist. Der Kreisverband Daun überlege zumindest, einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Bauernpräsident Michael Horper sagt auf Vorwürfe, er werde keinen Kreisvorsitzenden kritisieren. „Wer uns aber Trägheit vorwirft, der ist auf dem falschen Dampfer“, sagt der Mann aus Üttfeld (Eifelkreis Bitburg-Prüm), der auch von einem ständigen Austausch mit den Landwirten spricht. „Wir sind jeden Tag an den Fronten, um den Berufsstand nach vorne zu bringen.“ Horper gibt aber zu, dass der Verband neue Kommunikationswege nutzen müsse, um Interessen der Bauern zu verkaufen. „Ich werde nicht wie Trump rumtwittern“, schränkt er zwar ein. Im neuen Vorstand des Bauern-Winzerverbandes Rheinland-Nassau werde es aber jüngere Köpfe geben, die moderne Kommunikation beherrschten, verspricht Horper. Als mögliche Kandidaten werden unter anderem frische Kreisvorsitzende wie Thorsten Zellmann (Rhein-Lahn) oder Landjugend-Vertreter wie Benjamin Borpus gehandelt. Als Vizepräsidenten erneut antreten wollen der Wittlicher Manfred Zelder und Walter Clüsserath aus Pölich (Kreis Trier-Saarburg).

Horper sagt, er wolle in den kommenden Jahren dagegen kämpfen, dass die Landwirtschaft in Deutschland wegbreche, weil die Produktion in anderen Ländern günstiger sei und die Regeln weniger streng. „Für die Volksernährung wäre das eine Katastrophe“, sagt der Bauernpräsident, für den – trotz Kritik – klar ist: „Wenn die Demokratie es zulässt und der liebe Gott mir die Gesundheit schenkt, will ich den Verband auch in den nächsten fünf Jahren führen.“

Die Kritik an Bauern-Funktionären werde derweil deutschlandweit bis in die Bundesgremien hinein lauter, bestätigen Landwirte aus der Region. „Sie gelten vielen Landwirten inzwischen als Establishment, das politisch zu angepasst ist, sein eigenes Süppchen kocht und sich nicht um den kleinen Bauern kümmert“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Andere Bauern halten ihren Lobbyisten zugute, es sei schwieriger geworden, „in der undurchsichtiger gewordenen Welt sämtlichen Interessen vom kleinen Familienhof bis hin zum Großbetrieb gerecht zu werden“.

Verspricht, neue Kommunikationswege zu nutzen: Bauernpräsident Michael Horper. Foto: picture alliance / dpa/Thomas Frey

Der Eifeler Marco Weber behauptet, er erlebe beim Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau „eine gewisse Schockstarre“ wegen der Politik von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Der FDP-Politiker erhofft sich einen neuen Schwung, schätzt die Chancen einer möglichen eigenen Kandidatur auf das Präsidenten-Amt parteipolitisch aber vorsichtig ein. „Mir ist bewusst, dass das Gremium sehr schwarz ist“, sagt der Liberale, der sich mit seiner Kritik aus der Deckung traut.