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Gesundheitsminister über steigende Corona-Zahlen besorgt

Gesundheit : „Das Erreichte nicht verspielen“

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich darüber am Donnerstag „sehr besorgt“.

Zugleich machte er aber auch deutlich, dass das deutsche Gesundheitssystem gegen Corona weiter gut gerüstet ist – wenn die allgemeinen Hygieneregeln von den Menschen eingehalten werden.

Mehr als 4000 Neuinfektionen innerhalb der letzten 24 Stunden hatten die Gesundheitsämter am Donnerstag gemeldet. Einen noch höheren Wert gab es zuletzt Anfang April. Da war es Zufall, dass Spahn gemeinsam mit dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, und weiteren Experten just am gleichen Tag auf einer schon länger anberaumten Pressekonferenz über die Pandemie-Lage im Herbst informierten. Nach den Worten des RKI-Chefs haben sich die Infektionszahlen seit Anfang Oktober im Vergleich zur ersten September-Woche verdoppelt. Mittlerweile gingen aber nur noch acht Prozent der Neuinfektionen auf Auslandsreisen zurück. Die meisten erfolgten jetzt im Inland. Laut Spahn gibt es kaum Ansteckungen beim Einkaufen oder etwa dem Friseurbesuch. In Kitas und Schulen laufe es ebenfalls relativ gut. Das Problem seien Feiern und Großveranstaltungen. Deutschland sei bislang gut durch die Krise gekommen, sagte Spahn. Nun dürfe man das Erreichte „nicht verspielen“

Wieler sprach in diesem Zusammenhang von einem „Präventions-Paradox“. Demnach führt ein vergleichsweise niedriger Krankenstand einerseits häufig zu mehr Sorglosigkeit. Andererseits resultieren geringe Fallzahlen laut Wieler aber gerade aus der Einhaltung einfacher Hygienemaßnahmen wie Abstand halten, Hände waschen und Maske tragen. In der kalten Jahreszeit komme nun noch regelmäßiges Lüften von Innenräumen hinzu, erklärte Spahn.

Einen zweiten Lockdown hält der Minister trotz aller Besorgnis jedoch praktisch für ausgeschlossen. Verglichen mit der Lage im März und April gebe es inzwischen viel Erfahrung beim Schutz vor dem Virus. Entscheidend ist laut Spahn die rasche Eindämmung örtlicher Ausbrüche. Nach seinen Worten ließen sich auf diese Weise letztlich auch Beherbergungsverbote vermeiden, wie sie die meisten Bundesländer vorbehaltlich eines höchstens zwei Tage alten Corona-Tests für Reisende aus innerdeutschen Risikogebieten am Mittwoch beschlossen hatten. Der allgemeine Maßstab dafür ist die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Bei mehr als 50 Neuinfektionen werden Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hält diesen Schwellenwert allerdings nicht mehr für zeitgemäß. Die Zahl könne „nach oben“ angepasst werden, meinte Gassen auf Nachfrage unserer Redaktion. Zur Begründung verwies er darauf, dass in Deutschland mittlerweile bis zu 1,2 Millionen Tests pro Woche durchgeführt werden. In der Hochphase der ersten Corona-Welle waren es nur etwa 400 000, von denen bis zu zehn Prozent positiv ausgefallen seien. Jetzt seien es 1,5 bis 1,6 Prozent. Damit habe sich die Dunkelziffer verringert, betonte Gassen. Nach seinen Angaben sind auch von den gut 30 000 Intensivbetten in Deutschland derzeit nur 470 mit Covid-Patienten belegt. Insgesamt 8500 Intensivbetten sind aktuell noch frei. Das entspricht der gesamten Intensivbettenkapazität von Spanien und Italien. Susanne Herold, Infektiologin am Uniklinikum Gießen, sah darin allerdings keinen Grund zur Entwarnung: „Wir bereiten uns vor auf eine neue Welle an Patienten, die schwer erkrankt sind“.