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Grünen-Chefin Misbah Khan im Porträt

Parteien : Ohne Gebrauchtwagen durch das Land

Grünen-Chefin Khan setzt aufs 365-Euro-Ticket und legte sich schon mit einem Koalitionspartner an.

Zoff? Wer danach sucht, wurde in dieser Legislaturperiode eher im Fremdwörter-Lexikon fündig als in den Reihen der rheinland-pfälzischen Ampelregierung. Bis zur Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen. Als FDP-Landeschef Volker Wissing die Kandidatur seines Parteifreundes Thomas Kemmerich in einer ersten Stellungnahme „honorig“ nannte, gingen die Grünen an die Decke. Sie forderten Wissing auf, sich klar von dem liberalen Debakel im Osten zu distanzieren. Mit Erfolg. Der Liberale verschärfte Tage später seinen Ton. Ein Erfolg für die Grünen im Land. Mittendrin im Getümmel: Misbah Khan.

Die 30-Jährige steht erst seit wenigen Monaten neben Josef Winkler an der Landesspitze der Grünen, erlebte aber gleich den härtesten Streit mit dem Koalitionspartner mit und zeigte selber Zähne. „Wir haben es für notwendig gehalten, uns klar zu positionieren“, sagt sie. „Das ist eine Frage von Haltung und Demokratie. Es ist nicht vertretbar, dass Björn Höcke darüber entscheidet, wer Ministerpräsident von Thüringen wird.“ Mehrere Tage habe der Aufruhr die Grünen auch in Rheinland-Pfalz beschäftigt – und sei der „größte Konflikt bislang in der Koalition gewesen“, gibt Khan zu.

Bei den Grünen steht die Chefin für Gerechtigkeit. Geht es um das Klima, will sie das auch gesellschaftlich verbessern. „Deutschland ist bunt, facettenreich und globalisiert. Man kann heute nicht mehr sagen, dass Brezeln nur bayerisch sind und Spundekäs nur mainzerisch ist“, sagt die Politikwissenschaftlerin, die selber von einem Leben zwischen den Kontinenten berichten kann.

Khan – seit elf Jahren Vegetariererin – wurde im pakistanischen Karatschi geboren, wuchs in Meckenheim auf. Neuland war der Südwesten Deutschlands für ihre Familie nicht: Ihr Opa war bereits in den 1950er Jahren nach Heidelberg ausgewandert, um Medizin zu studieren. Ihre Mutter wurde in Deutschland geboren, unterrichtete später an einer deutschen Schule in Pakistan, dem Land, in dem Khan zur Welt kam. Den Grünen trat sie bei, „weil sie als einzige Partei ihre Werte über Ländergrenzen hinweg verkörpert“, sagt die 30-Jährige, die im November als Landeschefin zur Nachfolgerin von Jutta Paulus gewählt wurde, die als Abgeordnete ins Europaparlament gewählt war. Khan spielt dort grüne Schlager – Klima, Umwelt, Zusammenhalt. Als One-Hit-Wonder sieht sie die Grünen in Rheinland-Pfalz aber schon lange nicht mehr. „Wir sind keine Ein-Themen-Partei, kein Stereotyp.“ In Rheinland-Pfalz verweist sie auf Anträge in der Sozial- und Gesundheitspolitik, die die Partei jüngst verabschiedet habe. Eine Idee: Nach Mainz eine zweite Unimedizin zu schaffen, die Ärzte ausbildet – zum Beispiel in Trier. Bei ihrer Bewerbungsrede erntete Khan auch Applaus für ihren Wunsch, neue Mitgliederschichten anzusprechen. „Wir sind den Birkenstocksandalen entwachsen, tragen inzwischen auch Sneakers, Pumps, Businessschuhe. Was uns ein bisschen fehlt, sind die Arbeitsstiefel“, sagte die Grüne da. Doch auch Khan verkörpert manches grüne Klischee. So verzichtet die 30-Jährige auf einen Gebrauchtwagen, um als Landeschefin in Eifel, Hunsrück und Westerwald zu touren. „Ich besitze kein Auto. Ich nutze fast nur Zug und Bus und Car-Sharing, wo es wirklich nicht anders geht“, sagt sie. Aus den ersten Fahrten zieht sie manche Lehre. Der öffentliche Nahverkehr habe im ländlichen Raum noch Verbesserungsbedarf, sagt Khan, die Fan eines 365-Euro-Tickets ist. Wie in Hessen. Dort fahren Schüler, Azubis und Senioren schon für einen Euro am Tag das ganze Jahr über Bus und Bahn. „Das wäre auch eine Idee für Rheinland-Pfalz“, sagt Khan – mit Blick aufs Wahlprogramm.

Sie zeigt Zähne: Misbah Khan, die mit Josef Winkler (links) als Grünen-Landeschef und Robert Habeck (Mitte) auf ein furioses Wahljahr 2021 hofft. Foto: dpa/Sascha Ditscher

Damit wollen die Grünen bei der Landtagswahl am 14. März 2021 mehr Stimmen einheimsen als 2016. Mit 5,3 Prozent flogen sie fast aus dem Landtag. „Es ist unser Ziel, das deutlich zu verbessern“, betont die selbsternannte Feministin und Antifaschistin („Es gibt nichts Antifaschisterisches als unser Grundgesetz). Beitragen dazu soll als Kopf die designierte Spitzenkandidatin Anne Spiegel. Die Integrationsministerin sei „ein Sprachrohr für grüne Inhalte und eine glaubwürdig Politikerin“, findet Khan, für die der Wahlkampf schon begonnen hat. Als Landeschefin hat sie ihren Beruf in der Extremismusprävention vor Islamismus auf eine 25-Prozent-Stelle verringert. Selber kandidieren für den Landtag werde sie aber nicht, sagt sie. Aus grünen Kreisen heißt es, Khan werde auf der Bundestagsliste für 2021 stehen. „Was ich dann mache, steht noch nicht fest“, sagt sie selbst. Genauso zurückhaltend gibt sich die Grünen-Landeschefin, wenn es um die Frage geht, ob sie im Land künftig eher eine Ampel- oder eine Jamaikakoalition befürwortet. „Mehr grün“, heißt es da nur. „Wir sprechen über unsere Inhalte und Ziele, nicht über Konstellationen“, legt Khan nach, während SPD und FDP schon seit ewiger Zeit öffentlich damit flirten, die Ampelregierung über 2021 hinaus fortsetzen zu wollen. Die Grünen machen das nicht. Sie – und damit auch Khan – zeigen Zähne.