In den USA gibt es Proteste gegen einen Erzkonservativen.

Politik : Der Donald Trump von Alabama

Am Dienstag will sich der erzkonservative Ex-Richter Roy Moore zum Senator wählen lassen.

Es liegt alles so dicht beieinander an der Dexter Avenue, im Regierungsbezirk der Provinzhauptstadt Montgomery, als hätte es ein Dirigent für ein Freilichtmuseum so arrangiert. Der Bronzestern vor den Säulen des Kapitols erinnert an den alten, den uralten Süden. An der Stelle proklamierte Jefferson Davis, im Bürgerkrieg der Präsident der Südstaaten-Konföderation, die Abspaltung von den Yankees des Nordens, um die Sklaverei über die Zeit zu retten. Ein Jahrhundert später rief dort George Wallace, Alabamas rassistischer Gouverneur, die Trennung der Rassen möge bis in alle Ewigkeit gelten.

Geht man auf der Dexter Avenue ein Stück nach Westen, kommt man an die Haltestelle, an der die Näherin Rosa Parks in den Bus einstieg, in dem sie sich weigerte, von ihrem Sitz aufzustehen und Platz zu machen für einen Weißen. In einer Kirche in der Nähe rief der Prediger Martin Luther King daraufhin zum Busboykott auf, womit er die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichstellung schwarzer Amerikaner in Schwung brachte. Wer die Geschichte des Südens auf engstem Raum gebündelt sehen will, braucht nur einmal durchs Zentrum Montgomerys zu laufen.

Rena Beasley kennt Alabama noch aus Zeiten, in denen Wallace in der Gouverneursvilla residierte. Und als Roy Moore, für den Rest Amerikas eine Reizfigur ähnlichen Kalibers, die ersten Sprossen der Karriereleiter erklomm, begann sie gerade ihr Pädagogikstudium. Beasley erinnert sich an einen religiösen Fanatiker, der selbst hier unten im Bibelgürtel als Außenseiter mit einem Hang zur schrillen Inszenierung galt. 2003 ließ Moore im Obersten Gerichtshof Alabamas einen tonnenschweren Granitblock aufstellen, darin eingemeißelt die Zehn Gebote der Bibel. Staat und Religion, lautete die Botschaft, dürften nicht getrennt sein, christlicher Glaube habe Vorrang vor säkularer Justiz. Was Moore predigte, verstieß gegen die Gründungsprinzipien der USA. Er musste seinen Posten räumen, worauf er den Granitkoloss, vom Volksmund „Roy‘s Rock“ getauft, auf einen Tieflader hieven ließ und damit zu Kirchen und Supermärkten fuhr, als ziehe er mit einem religiösen Wanderzirkus über Land. Später wurde er erneut zum Obersten Richter Alabamas gewählt, nur um ein zweites Mal vom Supreme Court in Washington abgelöst zu werden. Diesmal hatte er ein Urteil der höchsten Instanz ignoriert, nach dem gleichgeschlechtliche Ehepartner nicht benachteiligt werden dürfen. Und nun meldet sich dieser Provokateur zurück auf der Bühne. Roy Moore, Jurist, Vietnamkriegs­veteran, zwischenzeitlich Profi-Kickboxer, schickt sich an, in den US-Senat einzuziehen. Moore ist ins Gerede gekommen, weil er vor rund 40 Jahren heranwachsende Mädchen, die Jüngste war damals vierzehn, sexuell belästigt haben soll. Mittlerweile sind es neun Frauen, die davon aus eigenem Erleben erzählen. Eine von ihnen, seinerzeit sechzehn, hat wie zum Beweis eine Widmung des damaligen Jungstaatsanwalts veröffentlicht. Als sich herausstellte, dass sie seine Zeilen nachträglich um ein Datum und den Namen des Restaurants ergänzte, in dem sie kellnerte und er Stammgast war, nahmen es Moores Anhänger zum Anlass, um alles zur Lüge zu stempeln. Zu Fake News.

Dass Rena Beasley an einem kalten Dezemberabend mit blau gefrorenen Fingern und einem handbemalten Poster vor einer Basketballarena in Pensacola steht, um gegen Moore zu protestieren, begründet sie mit ihrem Lokalpatriotismus. „Ich will mich nicht länger für Alabama schämen müssen“, sagt die Englischlehrerin. Sie kämpft weiter: Roy Moore sei das Symbol der Vergangenheit. „Es ist der letzte Aufschrei des weißen Mannes.“