Interview: Deutschlands bekanntester Natur- und Tierfilmer wohnt in der Nordeifel

Abenteuer Natur : Interview: Deutschlands bekanntester Natur- und Tierfilmer wohnt in der Nordeifel

Er ist der bekannteste Natur- und Tierfilmer Deutschlands: Andreas Kieling berichtet seit Jahren aus exotischen Erdteilen und auch aus Deutschland. Wir haben ihn zu Hause in der Nordeifel erreicht und mit ihm am Telefon gesprochen, bevor er zu einem neuen Dreh aufgebrochen ist. Er erklärt, warum es ihn nicht nach Mallorca, aber immer wieder nach Ostkongo zieht.

Vor welchem Projekt erwischen wir Sie gerade?

Kieling: Wir arbeiten an einem großen Dreiteiler für die ZDF-Reihe „Terra X“. Die Vorbereitungen für dieses Projekt mitgerechnet sind wir seit gut eineinhalb Jahren weltweit auf Dreh. Wir haben zum Beispiel in Alaska gedreht. Die Sendungen werden Anfang 2019 im ZDF zu sehen sein.

Die fertigen Fernsehfilme, die wir als Zuschauer sehen, sind ja nur ein Ausschnitt Ihrer Tätigkeiten. Ist gute Vorbereitung vielleicht sogar das A und O an Ihrer Arbeit als Naturfilmer?

Kieling: Das würde ich so nicht sagen. Das Wichtigste ist die große Leidenschaft für Tiere, Instinkt zu haben, Situationen in den unterschiedlichen Regionen der Erde richtig einschätzen zu können, sei es in der Hohen Arktis, im Regenwald, in der Wüste oder auch in Deutschland. Wichtig ist, Ausdauer und einen langen Atem zu haben und zu den Aufnahmen zu gelangen, die der Zuschauer von einem bekannten, guten Tierfilmer erwartet. Das ist nach wie vor das Allerwichtigste. Aber in der Tat werden Vorbereitungen immer aufwendiger. Das fängt damit an, sich mit der Region auseinanderzusetzen, in die man fährt. Was erwartet einen klimatisch? Was gibt es für Unwegsamkeiten bei der Fahrt in sehr abgelegene Gebiete? Braucht man einen guten Guide, der manchmal den Erfolg für ein Projekt bedeutet? Jeder Beruf hat seine schwierigen Seiten. Dazu gehört auch, unter extremen Wetterbedingungen draußen an den Drehorten lange Zeit auszuhalten.

Haben Sie ein Beispiel?

Kieling: Ich bin vor vier Wochen aus Alaska zurückgekommen. Dort haben wir auf den Aleuten, das ist eine Inselkette, die sich von West-Alaska bis nach Kamtschatka erstreckt, fast vier Wochen sozusagen mit Grizzly-Bären gecampt. Um unser Camp herum hatten wir einen bärensicheren Zaun gespannt. Das müssen Sie sich wie einen elektrischen Schafsweide-Zaun vorstellen, der bis zum Bauch reicht und die Tiere daran hindert, das Camp zu verwüsten, wenn man nicht da ist. Außerdem war es relativ kalt, es hat geregnet und gestürmt. Es herrschten Temperaturen zwischen sieben und elf Grad und das im Sommer. Es gab ziemlich viele Moskitos. Das Essen war sehr einfach, weil man sich auf das beschränken musste, was man mitnehmen konnte. Alle Lebensmittel waren in kleinen Tonnen und Behältern so verpackt, dass die Bären sie nicht aufbeißen und öffnen konnten. Aber das Ziel ist natürlich, tolle Bilder und tolle Tiergeschichten mitzubringen. Es ist uns gelungen. Aber die große Herausforderung ist, alles miteinander zu koordinieren.

Sie gehen sehr dicht an die Tiere heran, sei es an Elefanten oder auch an die Gespinste der Traubenkirschen-Gespinstmotte in Deutschland. Haben Sie gar keine Berührungsängste?

Kieling: Doch, natürlich habe ich die. Ich wiederhole mich jetzt ein wenig, aber mein Leben mit und in der Natur, mit den Lebewesen und mit den Pflanzen ist ja ein sehr langer Prozess, der sich durch mein ganzes Leben gezogen hat. Ich bin jetzt 58 und habe mich schon mit fünf Jahren vor einen Ameisenhaufen gehockt und ihn beobachtet. Als ich meinen ersten Wüstenelefanten in der Namib-Wüste gesehen habe, habe ich natürlich gebührenden Abstand gehalten. Als ich meinen ersten Grizzly-Bären in Alaska sah, war ich zur Salzsäure erstarrt und hatte Angst. Ich stand auf einmal dem größten Beutegreifer der Erde knapp 30 Meter ohne Gitterstäbe, ohne Wassergraben und ohne Netz gegenüber, und ich hatte diese Geschichten im Kopf, wie Bären Menschen überfallen, den Jägern Gewehrläufe verbiegen, Indianerdörfer terrorisieren – also alte Geschichten aus Jack-London-Romanen, Ernest-Hemingway-Büchern und viele Klischees.

„Diese spielerischen Kämpfe können während der Nahrungssuche schnell in einen Kampf um Leben und Tod übergehen“, erklärt Andreas Kieling zu dieser Szene zweier Grizzly-Bären in Alaska. Foto: © Andreas Kieling/NG Buchverlag. Foto: © Andreas Kieling/NG Buchverlag

Und wie hat sich das verändert?

Kieling: Ich habe viel Zeit mit den Tieren verbracht. Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass diese Tiere nicht so sind, wie sie beschrieben wurden und werden. Tiere sind nicht auf der Erde, um uns Menschen zu fressen und zu verletzen. Das bilden wir uns ein, weil wir sie jagen, sie töten, essen und bestimmte Vorstellungen haben. Es ist ein Lernprozess, den man in der Natur durchmacht. Es ist mir ein Bedürfnis, Tieren nahe zu sein. Ich möchte spüren, wie ein Wüstenelefant oder Grizzly reagiert. Die Tiere sind in der Regel uns Menschen gegenüber erstaunlich entspannt, es sei denn, sie haben schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Dann fürchten sie sich.

Sie haben lange Zeit unverletzt mit Grizzlys verbracht und sind dann von einem Wildschwein in Deutschland attackiert worden. Steigt mit der Sorglosigkeit das Risiko?

Kieling: Das hat doch nichts mit Sorglosigkeit zu tun. Wenn es einen Menschen gibt, der Respekt und Achtung vor den Tieren hat, dann bin ich es. Sie fragen völlig falsch. Ich glaube zu wissen, wie Tiere reagieren. Natürlich hat mich ein Wildschweinkeiler schon einmal verletzt, aber ich habe es geradezu durch Unwissenheit herausgefordert. Es war in der Paarungszeit, Ende November, Anfang Dezember. Dieser Keiler war aufs Höchste erregt, war auf Kampf eingestellt, hatte den dreifachen Testosteron-Spiegel als normal, und auf einmal war ich da. Vielleicht hat er mich einen Moment als Konkurrenten gesehen, und es gab einen kurzen und auch lebensbedrohlichen Angriff, aber das ist ja nicht die Regel. Fragen Sie doch mal einen Feuerwehrmann oder Polizisten, wie oft der schon in lebensbedrohliche Situationen gekommen ist. Dafür, dass ich so intensiv seit 27 Jahren draußen in der Wildnis bin, habe ich eigentlich nur wenige lebens- oder körperlich bedrohliche Momente gehabt.

Ich stelle die Fragen aus der Sicht eines Menschen heraus, der von Ihrer Art zu leben sehr weit entfernt ist. Es gibt zwar immer mehr Wanderwege in Deutschland, aber ich habe den Eindruck, dass wir uns immer mehr von der Natur entfernen.

Kieling: Ich glaube, dass speziell in uns Deutschen eine große Sehnsucht nach Natur und Wald ist. Weil wir in unserem schnellen, hektischen, ellenbogenbehafteten Leben, in dem es auch sehr rau zugeht, feststellen, dass es da draußen auch eine andere Welt, eine Natur gibt, die wir brauchen, um uns zu erholen und Kraft zu schöpfen. Das kann aber auch bedeuten, dass uns Dinge fremd geworden sind. Wer war schon mal nachts im Wald unterwegs und kann die vielen Geräusche deuten? Das war aber immer schon so, man hat sich vor dem Wald und seinen Bewohnern besonders in der Dunkelheit gefürchtet. Viele Geschichten und Märchen haben natürlich dazu beigetragen. Aber das, was wir mit Wald verbinden, diese Sehnsucht und dieses Verlangen nach Natur, ist in fast jedem von uns. Die Frage ist, ob wir die Zeit und die Möglichkeit haben, es auszuleben.

Wir haben die Sehnsucht nach dem Wald, wir gehen gerne hinein. Aber wir fürchten uns auch davor. Das bestätigt auch die Diskussion um den Wolf, der als potenzieller Gefahrenbringer dargestellt wird.

Kieling: Ich sehe, wie zwiegespalten unsere Gesellschaft in diesem Punkt ist. Je mehr man in ländliche Gebiete kommt, desto kritischer steht man großen Beutegreifern generell gegenüber, speziell dem Wolf. Das ist ein abendfüllendes Thema, und ich möchte mich auch gar nicht auf eine große Diskussion einlassen. Ich habe in Alaska sehr oft Wölfe erlebt, auch in unmittelbarer Nähe zu mir, es ist nie zu einem Zwischenfall gekommen. Es ist natürlich klar, dass es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland, in dem sehr viele Nutztiere gehalten werden, die unzureichend eingezäunt sind, zu Konflikten kommt. Die Hobbylandwirte – auch im Trierer Bereich – müssten sich daran orientieren, wie man mit Nutztieren in Rumänien oder Bulgarien umgeht. Es werden wieder die alten Zeiten gefragt, in denen die Tiere nachts in einen gesicherten Pferch getrieben werden oder man muss Herdenschutzhunde einsetzen. Generell finde ich es traurig, dass über ein Tier, das eine große Stärke hat, so negativ berichtet wird. Wir haben in jedem Jahr immer noch 3600 oder 3700 Verkehrstote. Das ist eine echte Bedrohung. Plus jede Menge Schwerstverletzte durch Unfälle, die nie wieder richtig auf die Beine kommen. Wir haben jedes Jahr 10 000 Menschen, die sich selber das Leben nehmen. Wir haben Unzählige, die wahrscheinlich langfristig durch Umweltgifte sterben. Jedes Jahr werden drei oder vier Menschen von streunenden Hunden schwerstverletzt oder sogar getötet. In den letzten Jahrzehnten ist in Europa noch kein Mensch durch einen Wolf getötet worden. Merken Sie daran, was für eine irrwitzige Diskussion wir führen? Wir haben eine verkehrte Wertung und wollen mal wieder genau bestimmen, wer bei uns leben darf und wer zu gehen hat? So sind wir Menschen nun Mal.

Nützt Ihr Wissen über die Tiere Ihnen auch im Umgang mit den Menschen, die ja manchmal auch unberechenbar sind?

Kieling: Ich glaube, dass ich einen ganz guten Instinkt habe, mit welchen Menschen ich gut kann und mit welchen nicht. Das ist uns Menschen eigen. Bei Tieren bedarf es vielleicht ein bisschen mehr Wissen, einiges hat mit Erfahrung zu tun, aber auch mit Instinkt. Ich bin ja in einem permanenten Lernprozess über die Natur und die Tiere und beobachte auch viele Veränderungen. Tiere sind überwiegend instinktgesteuert in ihrem Verhalten, darüber weiß ich sehr viel und habe viel gelernt. Deswegen traue ich mir ja auch die Nähe und den Umgang mit großen und auch giftigen Tieren zu. Sie haben das Beispiel Traubenkirschen-Gespinnstmotte genannt. Ich fand es faszinierend, das Gespinst zu sehen. Ich kann dazu nur sagen, dass ich diese Hysterien, die ständig gestreut werden, nicht verstehe. Vor Jahren gab es die Hysterie gegen den Fuchsbandwurm, man dürfe im Wald keine Beeren mehr essen, weil Larven dran seien. Dann gab es die Hysterie gegen Zeckenbisse. Wer Angst hat, kann die Nähe zu diesen Tieren meiden. Es ist auch gut, in Gebieten, in denen es Zecken gibt, die mit einem Virus behaftet sein können, abends den Körper abzusuchen, und es ist gut, den Eichenprozessionsspinner zu meiden. Das ist alles absolut in Ordnung. Aber diese Angst und Hysterie, die wir gegenüber der Gefahr aus der Natur schüren, steht in keinem Verhältnis dazu, wie gefährlich unser tägliches Leben ist. Aber weil wir von klein auf gelernt haben, mit Verkehr, Umweltgiften, mit Gefahren aus der Zivilisation umzugehen, verdrängen wir das.

Sie sind im August mit Ihren kleinen Söhnen auf dem Rhein geschippert und haben die Reise mit Podcasts begleitet. Man sah, wie ganz selbstverständlich die nächste Generation Naturfreunde heranwächst. Gleichzeitig hört man, dass immer mehr Kinder keinen Purzelbaum mehr schlagen, nicht Radfahren können, von den Eltern zur Schule gefahren werden.

Kieling: Eltern können ja selbst entscheiden, was sie mit ihren Kindern unternehmen. Kinder haben generell das Bedürfnis, sich zu bewegen, haben Lust dazu, aktiv zu sein, auf Bäume zu klettern, mit den Eltern abenteuerliche Dinge zu machen. Es braucht gar nicht viel, um diese Neugierde bei den Kindern und den Spaß daran zu wecken. Da werden mir alle Eltern recht geben. Für eine Flussfahrt muss es ja nicht gleich der Rhein sein. Es kann ja auch die Mosel sein, da ist weniger Strömung, weniger Schiffsverkehr. Die Frage ist, ob man‘s macht. Im letzten Jahr, als wir den Rhein heruntergefahren sind, gab es für mich viel Kritik. Ja, es ist ein gefährlicher Fluss, und es gibt auch viele Strudel und Strömungen. Das ist alles richtig. Aber wir haben uns gut darauf vorbereitet, und ich habe schon auf vielen Flüssen auf dieser Erde gepaddelt und war mit einem See-Kajak sogar auf dem Meer unterwegs. Ich habe das also nicht als unkalkulierbares Risiko gesehen. Aber ich fahre nicht mit meinen Kindern mit 220 Stundenkilometern über eine deutsche Autobahn, weil ich das für unkalkulierbar halte. Dafür paddele ich halt den Rhein runter. Es ist immer eine Frage der Betrachtungsweise.

Als Sie auf dem Rhein unterwegs waren, war auch der sogenannte World Overshoot Day. Das hat Sie zu nachdenklichen Sätzen über unsere Lebensweise veranlasst. „Wir leben in einer Welt, in der alles machbar ist“, sagten Sie und haben gefragt: „Müssen wir wieder einfach und simpel leben, dass die Erde uns erhalten bleibt?“ Sie beschäftigen sich sehr stark mit dem Thema.

Kieling: Ja, das tue ich. Ich versuche in erster Linie, Menschen dazu zu bewegen, überhaupt darüber nachzudenken. Wenn ich eine lösende Antwort darauf hätte, das wäre toll. Ich kann nur sagen, Leute, denkt mal darüber nach! Wir können alle etwas daran ändern. Und es tut uns sogar gut, bewusster zu essen, Dinge zu kaufen ohne endlos viel Verpackung, vielleicht Verkehrsmittel ökonomischer einzusetzen. Das sind erste Ansätze. Dass wir unser bequemes, luxuriöses, komfortables Leben nicht von heute auf morgen aufgeben wollen und können, das ist mir auch klar. Dafür haben unsere Eltern und wir viel zu lange dafür gearbeitet. Wir machen auch alle mit, mich eingeschlossen. Ich sehe große Veränderungen in der Welt, ich sehe, wie es in anderen Ländern, in denen es nicht so gut organisiert ist wie bei uns, läuft, was die Zerstörung der Natur und den Verlust von Lebensräumen für Tiere angeht. Ich bin kein Moralapostel oder kein Weltuntergangs-Prophet, ganz im Gegenteil. Aber es gibt ernst zu nehmende Fakten und dank meiner Popularität und Authentizität kann ich vielleicht Menschen umstimmen oder zum Nachdenken bringen, so dass der ein oder andere sein Verhalten ein wenig ändert. Wir hatten im Frühjahr auf Facebook einen Aufruf über das Insektensterben und seine Bedeutung gemacht, den haben sich 4,7 Millionen Menschen angeguckt, und es gab sehr viele Reaktionen. Es haben Menschen vor ihrer Firma insektenfreundliche Blumen gepflanzt und sich mit den Nachbarn unterhalten, den Rasen nicht mehr so oft zu mähen. Mit solchen Botschaften kann man etwas erreichen, und das finde ich sehr schön.

In einem Beitrag über Elefanten haben Sie allen gewünscht, einmal wilde Elefanten in der freien Wildbahn sehen zu können. Haben Sie nicht Sorge, dass Ihre Beiträge Touristen Lust machen, in entlegene Gebiete vorzudringen? Ist das nicht ein schmaler Grat?