| 17:19 Uhr

OPEN AIR
Rockaway Beach in Losheim: Das Festival, bei dem man sich mal fallen lassen kann

Rampensau: Felix Schönfuss von Adam Angst in Losheim. Foto: Andreas Feichtner
Rampensau: Felix Schönfuss von Adam Angst in Losheim. Foto: Andreas Feichtner
Losheim. Rockaway Beach Open Air am Losheimer See: 1300 Zuschauer feiern mit Kettcar, Adam Angst & Co. – und erleben eine „Nahtod-Erfahrung“.
Andreas Feichtner

Tausend Dinge, die man im Leben gemacht haben muss. Tausend Platten, die man hören ...   Tausend Städte, die man sehen ... Tausend Bücher. Tausend. Muss. Muss.

Muss Reimer Bustorff natürlich alles nicht, der Bassist von Kettcar. Den Freizeitstress dürfen die Bucket-List-Radierer gern behalten. Aber hinter eine Sache hat der Endvierziger am Wochenende trotzdem einen Haken machen können. Zum ersten Mal Crowdsurfen, sich auf Hunderten Händen tragen lassen, nach vielen Hunderten Konzerten: check. Für diese „Nahtod-Erfahrung“ (Bustorff) hat er sich Losheim ausgesucht. Weil es gerade so schön ist, mit den richtigen Leuten am richtigen Ort. Auch wenn der Song „Balkon gegenüber“ wirklich kein Crowdsurfer-Klassiker ist.

Freitagabend, kurz vor 0 Uhr: Die Hamburger Indierockband hat die 1300 Zuschauer auf dem Rockaway Beach Open Air vor dem Stausee schon großartig unterhalten, bevor sich ihr Bassist fallen lässt. Weil Kettcar ein Liebeslied wie „Balu“ neben einer Vorwende-Flüchtlingshelfer-Geschichte wie „Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ spielen kann, ohne dass sich das deplatziert anhört. Weil die Band Spaß macht, ohne dass man vergisst, dass die Zeiten ernst sind. In Saarbrücken hatte Kettcar Anfang des Jahres nach fünf Jahren Pause die Tour eröffnet. Beim Festivalabschluss, ebenfalls im Saarland, ist das Programm zwar ähnlich – aber die Show ist dennoch deutlich besser.

Vielleicht liegt es am Ambiente. Das Rockaway Beach Open Air hat schon vor Kettcar eine ganze Menge zu bieten: Das fängt schon mit dem Gelände an. Am Losheimer Stausee fanden in der Vergangenheit öfter große Konzerte statt. Bei Rockaway Beach und dem am Tag darauf ausgerichteten Elektro-Festival Lucky Lake (mit 5000 Besuchern) geht die Liebe bis ins kleine Detail: mit Sitzgelegenheiten am bunt dekorierten Strand, samt Bademöglichkeit (auch wenn das Schwimmen wegen einiger Blaualgen nur bedingt zu empfehlen ist) und nonstop Musik von 16 Uhr bis nach Mitternacht – dafür gibt’s zwei Bühnen, auf denen abwechselnd gespielt wird: vieles, nur kein Mainstream. Neben Kettcar haben auch Adam Angst viele Fans dabei. Die Kölner Band um Frontmann Felix Schönfuss spielt als Co-Headliner ein energisches Set, deutlich härter und – textlich – deutlich plakativer als Kettcar. Der Posthardcore von Fjort hat viele gute Momente bei brachialem Sound, er wirkt nur gelegentlich etwas posenhaft. Die Baboon Show aus Schweden kommt mit ihrer Rock’n’Roll/Punkrock-Show auf der kleinen Bühne gut an. Düster und dringlich war zuvor der Auftritt der Postpunk-Band Belgrad, die mit „Niemand“ den wohl schönsten, ruhigen Song des Tages spielte.

Wie Kettcar hatten auch Andreya Casablanca und Laura Lee von Gurr mit ihrem amerikanisch geprägten Indierock/Pop Bedenken, dass sie nicht ganz zum Rest passen – zu Unrecht: Der Auftritt der Berlinerinnen gehörte zu den Höhepunkten, auch wenn ihr kleiner Hit „Hot Summer“ an den meisten anderen Tagen der letzten Monate besser zum Wetter gepasst hätte.