5. Sinfoniekonzert im Trierer Theater

Konzerte / Klassik : Ein echter Rachmaninow

Das 5. Sinfoniekonzert im Trierer Theater mit einem grandiosen Abschluss lässt das Publikum jubeln.

 Sollte Ravels G-Dur-Klavierkonzert wirklich so durchschnittlich klingen? Wo bleibt der zerbrechliche Klangglanz dieser Komposition? Nun gut: Claudia Corona trifft im 5. Trierer Sinfoniekonzert die Tasten und bewältigt auch pianistisch und gedächtnistechnisch diese nicht ganz einfache Komposition. Und doch bleiben schmerzliche Defizite. Der Kopfsatz gerät unstet und sehr subjektiv im Tempo, ohne Fluss und ohne Eleganz und in den ausgedehnten Triller-Passagen gegen Ende ohne Finesse. Der langsame Satz mit seinem wunderbaren Klaviersolo zu Beginn verläuft enttäuschend mechanisch und neutral. Und im Finale dominiert ein Gleichmaß, als wäre der Satz eine Etüde. Das Philharmonische Orchester und Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach begleiten – achtbar, aber nicht souverän. Da konnten auch die beiden sensibel musizierten Klavier-Zugaben nichts entscheidend korrigieren.

Der Einstieg zum Konzert indes präsentierte sich anders. Das Tongemälde „Au gré des ondes“ (den Wellen preisgegeben) von Henri Dutilleux ist ein Frühwerk, und es ist zweifelhaft, ob Dutilleux  diese Suite überhaupt zu seinen anerkannten Kompositionen zählte. Aber das Stück als Auftakt – warum nicht! Zumal die Philharmoniker der Orchesterfassung sichtlich  spielfreudig begegneten. Und was Interpreten und Hörern allem Anschein nach gleichermaßen Freude bereitet, kann so verkehrt nicht sein.

Beim Hauptwerk des Abends indes wurde schon vor Beginn ganz klar: Hochstenbach und seine Philharmoniker nehmen Rachmaninows Zweite ernst, sehr ernst! Das maßvoll verstärkte Orchester und der Dirigent, sie halten einen Moment inne, bevor sie sich in diese Musik begeben. Und gehen dann die Komposition mit einer beispielhaften Konzentration an. Es ist ein echter Rachmaninow, frei von platter Sentimentalität, aber mit einer erstaunlichen Gefühlstiefe und einer bemerkenswerten Organik in den Klanggestalten. Nichts gerät fest oder verspannt. Der Allegroteil im Kopfsatz, nach der wuchtigen langsamen Einleitung,  er schwingt aus. Das Scherzo entfaltet spielerische Energie. Für das tiefe, schwere Blech, für Posaunen und Tuba müssen die Trio-Einlagen ein Fest gewesen sein. Und das Finale ist ganz gewiss kein Bruckner’scher Gewaltakt. Hochstenbach und seine Philharmoniker bringen bei aller Energie etwas Entspanntes, Generöses ein. Da klingt in ihrer Interpretation sogar etwas mit von den freundlichen und doch substanzreichen Finalsätzen der späten Haydn-Sinfonien.

Der Trierer Generalmusikdirektor steuert die Aufführung souverän durch alle Klippen der Partitur. Aber er verlässt sich nicht auf seine perfekte Disposition, auf den genauen Blick über die Höhen und Tiefen von Rachmaninows musikalischer Landschaft. Er zielt mit seinem Dirigat vielfach auf Details unterhalb des großen, sinfonischen Klangspiegels. Er sucht und findet immer wieder Nebenstimmen, Klangfärbungen, profilierte Begleitfiguren.

Dass dennoch nicht die Einzelheiten dominieren, sondern der gewaltige Bogen der musikalischen Entwicklung, hat auch zu tun mit der Komposition selber. Vielleicht gibt es Situationen, in denen sich solch ein Werk sogar gegen die Interpretation durchsetzt.

Heller Jubel jedenfalls im ausverkauften Trierer Theater.

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