Kultur Büstenwechsel und Beständigkeit

Reinemachen im Aachener Stadttheater: Das entsorgt nämlich die bronzene Darstellung des Dirigenten, der dort – seinerzeit als jüngster Generalmusikdirektor – von 1935 bis 1942 den Taktstock schwang: Herbert von Karajan (1908 bis 1989).

Das Theater in Aachen hat eine Büste des österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan (1908 - 1989) aus dem Foyer des Hauses entfernt.

Das Theater in Aachen hat eine Büste des österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan (1908 - 1989) aus dem Foyer des Hauses entfernt.

Foto: dpa/Sarah Ritter

Der Grund, warum die Stadt der Printen sich vom Kopf des weltberühmten Musikers trennen will, liegt an neuesten Forschungsergebnissen, die deutlich aufgezeigt hätten, „dass Herbert von Karajan in der NS-Zeit kein unbeschriebenes Blatt war“, wie die Generalintendantin Elena Tzavara berichtete. Was allerdings schon länger bekannt war als zum Zeitpunkt der jetzigen Verkündigung.

Während seiner Zeit im Dreiländereck trat der Dirigent nämlich auch bei Veranstaltungen der Nationalsozialisten auf, dirigierte etwa eine „Tannhäuser“-Aufführung anlässlich des „Führergeburtstag“ am 20. April 1935 und gestaltete zwei Monate später einen musikalischen Abend für den Kreisparteitag der NSDAP, unter anderem mit dem „Festlichen Hymnus“ von Otto Siegl, „Unsere Seelen“ von Bruno Stürmer, „Feier der neuen Front“ (nach Texten von Baldur von Schirach) vom Tonsetzer Richard Trunk und ähnlichem musikalischen Müll, der es aus irgendwelchen Gründen nicht in die Ewigkeitsliste abendländischer Konzertprogramme geschafft hat, für AfD-Betriebsfeiern allerdings noch bestens geeignet ist.

Karajans Bronzeporträt, so das Theater weiter, soll übrigens dem örtlichen Stadtmuseum Centre Charlemagne übergeben werden. Dort werde die Arbeit in der für 2025 geplanten Ausstellung „200 Jahre Stadttheater Aachen“ gezeigt, in der auch die NS-Zeit thematisiert wird. Was danach mit dem Schädel passiert, steht noch nicht fest. Die Leerstelle im Musentempel soll nach dem Wunsch der Chefin eine Büste von Wolfgang Amadeus Mozart füllen. Eine wahrhaft salomonische Entscheidung: Soweit bekannt ist, war er, obwohl ebenfalls Österreicher, nie Mitglied oder auch nur Sympathisant der NSDAP.

Es klingt rekordverdächtig und nach einem Eintrag ins Guinness-Buch, der Fibel für weltweite Superleistungen: Seit 37 Jahren hat Schauspieler Dietrich Lehmann keine Vorstellung des Berliner Großstadt- und Kult-Musicals „Linie 1“ verpasst. Auch bei der 2000. Vorstellung morgen Abend (die Uraufführung war am 30. April 1986 im Grips-Theater) ist er dabei – und schaut sich vor jeder Vorstellung sicherheitshalber noch mal den Text an. Den beherrsche er zwar im Schlaf, sagt er, aber es könne ja immer etwas passieren – „vor allem bei einem Lied – das muss man ein, zwei Mal vorher durchgehen“. In dem Stück, das auch nach knapp vierzig Jahren meistens ausverkauft ist, geht es um die Geschichte einer jungen Frau aus Westdeutschland Mitte der 80er, die auf der Suche nach dem Berliner Rockmusiker Johnny ist, den sie als ihren Märchenprinzen verklärt. Angekommen in Berlin, trifft sie in der U-Bahn allerhand Berliner Typen. Lehmann spielt gleich mehrere von ihnen, etwa den Rentner Hermann oder eine der reaktionären Wilmersdorfer Witwen. Zur Arbeit fährt der 83-jährige Schauspieler übrigens auch stets mit der U-Bahn. „Dieses Phänomen, zusammen einen Platz zu teilen, in einem Raum zu sein, aber dabei total anonym zu bleiben, das ist immer wieder für mich das größte Erlebnis“ – und offenbar die beste Vorbereitung für seinen Auftritt. no/dpa

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