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Am Theater Trier: "Gott" von Ferdinand von Schirach

Theater : Wenn Leben unerträglich wird

Hochkomplex und glänzend aufgearbeitet: „Gott“ über den Umgang mit Suizid und Sterbehilfe am Theater Trier.

Es blieb bis zur letzten Szene dabei: Das Thema „Sterbehilfe“ ist hochkomplex und nicht so einfach abzuhandeln. Und gelegentlich schien es, als bewegten sich Regie, Akteure und mittelbar auch die exakt 91 Besucher in der Europäischen Kunstakademie auf höchst unsicherem Terrain. Ferdinand von Schirachs Theaterstück mit dem umfassenden, aber auch etwas vagen Titel „Gott“ ist kein Fall ausgeprägter Dramatik. Das Stück gleicht einem Lesedrama, das eher zufällig seinen Platz auf der Bühne gefunden hat. In einem Kreis, der wohl nicht zufällig Ähnlichkeiten mit einer Gruppentherapie hat, erörtern acht Gäste des Ethikrats ihre Positionen zu Selbsttötung und Sterbehilfe. Grundlage der Diskussion ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020. Es erklärte den Paragrafen 217 Strafgesetzbuch über das Verbot „geschäftsmäßiger“ Tötung für verfassungswidrig und gab damit den Weg frei für einen neuen, unbelasteten Umgang mit Suizid und Sterbehilfe. Aber das Thema hat sich damit nicht erledigt. Die Runde, die sich auf der Bühne trifft, sucht nach einem Neuanfang – juristisch, aber vor allem moralisch. Sie ist mitten im Raum postiert, Kameras und Monitore sichern einen optischen Zugang von jedem Platz aus.

Was sich dann abspielt, ist in Schirachs Text nicht ganz frei von Theorielastigkeit. Es ist ein Austausch unter Experten. Nur der Hauptfigur Richard Gärtner gibt Schirach von Anfang an mehr Farbe, mehr Intensität und mehr Betroffenheit mit. Er ist der Mann, der sterben will und legal nicht sterben durfte. Und der gegen die Einschränkung persönlicher Selbstbestimmung heftig opponiert. Auch wenn er sich nicht immer beteiligt - Gärtner bleibt Mittelpunkt der Diskussion. Die beleuchtet die zahlreichen Facetten des Themas. Anwälte, Rechtskundige, ein Vertreter der Ärztekammer, Gärtners Hausarzt, sogar der Bischof beziehen Stellung und am Ende darf sogar das Publikum abstimmen.

Es mag zweifelhaft sein, ob Schirachs „Gott“ als Drama wirklich gelungen ist. Dafür fehlt ihm die Gefühlsstärke, ohne die ein Stück zur Sterbehilfe nicht auskommt. Fest steht indes: Dieses Stück braucht eine kluge Regie und hochsensible Akteure um überhaupt Wirkung zu entfalten. Ein Glücksfall, dass die Trierer Inszenierung beides aufbieten kann! Regisseur Andreas von Studnitz hat den acht Personen auf der Bühne ein starkes, individuelles Profil mitgegeben. Das spielen sie aus, und halten sich doch fern von allen theatralischen Überhöhungen. Und so, wahrscheinlich nur so, gewinnt dieses Stück, dessen Text ziemlich kopflastig daherkommt, mehr und mehr Farbe und Spannung. Es sind die Akteure, die diesem Stück die nötige Energie mitgeben: Barbara Ullmanns sachliche und im Tonfall warmherzige Moderation als Vorsitzende der Runde. Klaus-Michael Nix als Gärtner an der Schwelle zwischen Resignation und Aufbegehren, Marsha Zimmermann als Anwältin Bieler mit präziser Argumentation und einer kalkulierten, untergründigen Aggressivität. Stephanie Theiß gibt der Rechtsexpertin Litten einen Anflug von „Grand Dame“ mit. Schließlich profiliert sich Luiz Braz Batista als Ethikrätin Keller in einer vermittelnden Position. Selbstverständlich behandelt Schirachs Text nicht alle Personen gleich, Hausarzt Dr. Brandt (Paul Hess) wird zur Nebenfigur, Ärztevertreter Sperling (Martin Geisen) muss sich nach vehementem Start deutlich zurückhalten. Dafür darf Michael Hiller als katholischer Bischof tief in die Kiste der Kanzelrhetorik greifen und entfaltet von allen Akteuren die größte Bühnenpräsenz. Am Ende, nach einer etwas langen Grundsatzdiskussion über kirchliche Ethik, bekundet sogar Anwältin Bieler Verständnis für den Theologen.

Die abschließende Abstimmung ergab dann 51 Stimmen für und 31 gegen die freie Selbstbestimmung in Sachen Sterbehilfe. Zehn der 91 Besucher hatten nicht mitgestimmt.

Gott. Schauspiel von Ferdinand von Schirach. Inszenierung: Andreas von Studnitz, Kostüme Yvonne Wallitzer, Dramaturgie: Philipp Matthias Müller. Mit Barbara Ullmann, Klaus-Michael Nix, Paul Hess, Marsha Zimmermann, Luiza Braz Batista, Stephanie Theiß, Martin Geisen und Michael Hiller. Live-Video: Matthias Kremer, Andreas Nebeling. Weitere Vorstellungen in der Europäischen Akademie am 19. und 30. September und am 2. Oktober.