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An Hour Before Its Dark von Marillion: Fish hat endgültig ausgedient

Neues Album „An Hour Before Its Dark“ von Marillion : Fish hat endgültig ausgedient

Verlässt ein Frontmann die Band, ist es mit dieser oft vorbei. Dass es auch anders geht, zeigt Marillion, die sich mehr als 30 Jahre nach dem Ausstieg von Fish von diesem freischwimmen – mit An Hour Before Its Dark, ihrem besten Album seit Jahrzehnten.

Bands und Serien haben etwas gemeinsam. Wenn ich sie mag (oder manchmal sogar liebe), dann will ich, dass sie sich nicht verändern. Vor allem nicht personell, weil es dann in den allermeisten Fällen vorbei ist mit unserer Beziehung. Wie oft habe ich das erlebt. Two and a half Men zum Beispiel ... was habe ich diese Serie geliebt. Aber ohne Charlie Sheen? Schrecklich. Wenn ich die Serie schaue, dann die alten Folgen. 

Oder Sonic Syndicate, eine Metalcore-Band aus Schweden. Damals, zwischen 2005 und 2008 das absolut beste, was es in diesem Genre gab. Dann verließen beide Sänger die Band und es wurde, so deutlich muss man das sagen, schrecklich. Meine Liebe erlosch. Wenn ich Sonic Syndicate höre, dann die alten Werke.

Gefühlt gibt es keine Ausnahmen von dieser Regel. Auch bei Marillion dachte ich so. „Kayleigh“ und ich, wir haben eine ganz besondere Beziehung. Allgemein kam für mich an „Misplaced Childhood“ (1985) ganz lange nichts heran. Und damit auch nicht an Sänger Fish, der die Band verließ. Wenn ich also Marillion höre, dann die alten Songs. Bis jetzt.

An Hour Before Its Dark: Neues Album von Marillion begeistert

Denn: Sie haben es geschafft, die Unermüdlichen. Marillion beweist mit dem 20. (!) Studioalbum „An Hour Before Its Dark“, dass sie Fish nicht mehr brauchen. Weil es ist wie mit einer Fußballmannschaft: Wenn der geniale Spielmacher den Verein verlässt, dann tut das weh. Aber wenn das Kollektiv um ihn herum ackert, dann lässt sich der Verlust auffangen. Eben das unterscheidet Marillion von den meisten Bands, die ihren Sänger verloren: Die Prog-Rocker machten einfach weiter.

Klar, Fish ist seit 1988 nicht mehr Teil der Band. Aber mit dem neuen Album schwimmt sich Marillion endgültig frei von ihrem einstigen Aushängeschild. Auch die etlichen Alben zwischen „Misplaced Childhood“ und „An Hour Before Its Dark“ waren absolut in Ordnung, manche sogar richtig gut. Die neue Platte ist jedoch die erste, die mit dem noch immer erfolgreichsten Marillion-Album mithalten kann. Nicht, weil sie in der Spitze funktioniert (wie einst „Misplaced Childood“ durch „Kayleigh“), sondern weil das Kollektiv das Album ausmacht. Musikalisch ist „An Hour Before Its Dark“ wohl sogar Marillions stärkstes Werk. Es zeigt: Wenn ich, wie mit „Care“ dem besten Teil des Albums, im Kollektiv begeistere, dann brauche ich keinen absoluten Flaggschiff-Song, den man noch Jahrzehnte später mit meiner Band verbinde. Und dann brauche ich keinen ausgefallenen Flaggschiff-Sänger, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Wieso An Hour Before Its Dark den Namen „Platte“ verdient

Auch neue Alben werden heute üblicherweise als Vinyl veröffentlicht. Dann wird es oft ausgefallen, die Platte wird bunt eingefärbt und ausgefallen präsentiert. Verkauft sich scheinbar gut. Drin ist meist aber nur das, was ich mir genau so (mit dem gleichen Gefühl) auch bei Spotify anhören kann. Bei „An Hour Before Its Dark“ ist das anders: Diese Platte verdient den Namen „Platte“. Sie gibt dem Hörer das Gefühl, das eine Vinyl erschaffen soll: Durchgehender, besonderer Hörgenuss, der nur durch die kurzen Pausen des Umdrehens unterbrochen wird (die ich allerdings brauche, um die einzelnen Teile sacken zu lassen). Ein Gefühl, das immer weniger Schallplatten erreichen.

Das Rezept, wieso Marillion noch immer problemlos musikalische Leckerbissen produziert, ist dabei extrem einfach: Wer kann, der kann. Es war nie nur Fish, der die Band ausmachte. Da sind Gitarrist Steve Rothery (seit der Gründung 1979 dabei), Bassist Pete Trewavas (seit 1982), Keyboarder Mark Kelly (1981) und Drummer Ian Mosley (1984). Alles musikalische Ausnahmetalente, die im Kollektiv das auffangen, was sie durch Fish damals verloren. Da reicht es, dass Sänger Steve Hogarth einen soliden Job macht, ohne an seinen Vorgänger heranzukommen.

 Wenn ich ab jetzt Marillion höre, dann nicht mehr nur die alten Songs.

Marillion kommen nach Deutschland:
3.11.22, Stuttgart – Liederhalle
4.11.22, Berlin – Tempodrom
6.11.22, Bremen – Pier 2
7.11.22, Frankfurt – Jahrhunderthalle