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Ausstellung im Haus der Geschichte
Deutschland in Alarmbereitschaft

Frische Milch, zertifiziert von der Zentralstelle für Strahlenschutz. 1986, nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, warben Hersteller mit einem ungewöhnlichen Siegel.
Frische Milch, zertifiziert von der Zentralstelle für Strahlenschutz. 1986, nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, warben Hersteller mit einem ungewöhnlichen Siegel. FOTO: Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
Das Haus der Geschichte widmet sich einer deutschen Gefühlslage: der Angst. Von Klas Libuda

Ursula von der Leyen ist dagegen, Heino ist es einerlei. Sie sagt, es gehe doch um die Sicherheit ihrer Familie, deshalb: Bitte „keine Fotos von unserem Haus“. Er sagt: „Mir ist völlig egal, was da im Internet steht. Alle dürfen wissen, dass ich im Kurhaus Bad Münstereifel wohne.“ Es ist Sommer, 2010, und in der Auseinandersetzung geht es um die Rechte von Google, um die neue Funktion Street View, mit der sämtliche Straßenzüge des Landes mit Kameras erfasst und die Bilder ins Internet gestellt werden sollen. In der aufgeheizten Debatte fragt die „Bild“-Zeitung schließlich Prominente, wie sie’s halten. Ex-Bayern-Trainer Louis van Gaal, total abgeklärt: „In Holland gibt es das schon.“ Ihm macht das nichts.

Tatsächlich wurde die Diskussion um Googles Street View nirgends so leidenschaftlich geführt wie in Deutschland und in solcher Konsequenz: Der Google-Dienst startet im Herbst 2010 – mit 244.000 verpixelten Häusern. Die Angst ging um im Land, die Sorge um die Sicherheit der Daten. Der US-amerikanische Journalist Jeff Jarvis indes wunderte sich über den „Privatsphäre-Wahnsinn“ der deutschen Innovationsverhinderer. Und im Haus der Geschichte in Bonn fühlte man sich an die Debatte um die Volkszählung Anfang der 1980er Jahre erinnert. Auch damals rechneten nicht wenige der Bundesdeutschen mit dem Schlimmsten. Orwell, 1984, Totalüberwachung. Im „Stern“ gaben Paul Breitner, Nena und Jil Sander an, dem Staat die Auskunft zu verweigern.

Im Haus der Geschichte jedenfalls kann man das alles noch einmal nachsehen, nachlesen und womöglich auch nachempfinden. „Angst“ – so haben sie die neue Ausstellung dort schlicht und ergreifend benannt. Untertitel: „Eine deutsche Gefühlslage?“. Es geht also nicht um individuelle Ängste, sondern um die kollektiven. Es geht um die „German Angst“ – kein anderes deutsches Wort hat womöglich so eine internationale Karriere hingelegt, von „Weltschmerz“ einmal abgesehen.

Vier Themen widmet sich die Schau, vier Großlagen deutscher Befindlichkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Zuwanderung, Atomkrieg, Umweltzerstörung und eben Überwachung. Auf engem Raum sind mehr als 300 Exponate zusammengestellt – wer unter Platzangst leidet, dem sei vom Besuch zu Stoßzeiten abgeraten.

„Angst“ beginnt im Hier und Jetzt mit der Debatte um die Migration. Aus der Studie einer Versicherung erfährt man, dass 63 Prozent der Deutschen vor „Überforderung durch Flüchtlinge“ und „Spannungen durch Zuzug von Ausländern“ Angst haben; nur die Folgen der Trump-Politik ängstigen die Menschen (69 Prozent) zurzeit noch mehr. Nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 stieg die Zahl der Anträge auf einen Kleinen Waffenschein denn auch innerhalb von sechs Monaten von 301.000 auf 402.000. In Bonn stellen sie eine „Safeshort“ aus, eine Unterhose mit Vorhängeschloss, die sogar Alarm geben soll, wird sie gewaltsam heruntergerissen. Die Ausstellungsmacher werten die Entwicklung der „Safeshort“ als Indiz für ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis. Inwieweit Ängste berechtigt sind oder nicht, mit der Beantwortung dieser Frage hält sich die Ausstellung hingegen zurück.

Dass Angst nicht nur total normal, sondern auch Mittel der politischen Kommunikation ist, das spart die Schau nicht aus. In den 1950ern schon machten SPD und CDU Wahlkampf mit der Angst vorm Atomtod. Dass damals noch niemand bereit gewesen sei, offen von Ängsten zu sprechen, erfährt man. Anders dann beim Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss ab Ende der 1970er. „Fürchtet euch“, das war Teil eins der Losung damals, „Wehrt euch“ der andere.

Zur selben Zeit bewegte die Menschen außerdem der Wald. „Der Schwarzwald stirbt“ titelte der „Spiegel“, „Hilfe für den deutschen Wald“ forderte „Quick“. Die Ausstellung ist auch eine Kritik an den Medien. Immer schon hätten sie Befürchtungen aufgegriffen und befeuert. Die Wälder jedenfalls stehen noch. Auch Tschernobyl, der GAU 1986, wird noch einmal aufgegriffen; stellvertretend für die Angst vor Krankmachern in Lebensmitteln. Die Zentralstelle für Strahlenschutz kontrollierte damals gar die Milch. Die Angst begann am Frühstückstisch.

Es gibt viel zu sehen in Bonn, ohne Frage, was die Ausstellung schuldig bleibt, ist allerdings eine Antwort. Ist Angst denn nun „eine deutsche Gefühlslage“? Ja, sagen die Macher, allerdings erst auf Nachfrage. „Sicherheit ist ein zentrales Phänomen, das die Deutschen kollektiv bewegt“, meint Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. Die Angst an sich sei zwar nicht spezifisch deutsch, die Intensität aber hierzulande besonders, resultierend aus der Erfahrung wirtschaftlicher Krisen, von Diktaturen und Kriegen. Ein interessanter Befund eigentlich. In der Ausstellung erfährt man darüber leider nichts.