AnnenMayKantereit lässt die 5800 Besucher in der Arena Trier tanzen.

Konzert : Barfuß an der Klaviatur der Emotionen

Seit Wochen ist das Konzert ausverkauft: AnnenMayKantereit lässt die 5800 Besucher in der Arena Trier tanzen.

Der Altersdurchschnitt beim Konzert am Dienstagabend ist, zumindest im Innenraum, ziemlich jung. Nicht verwunderlich, wenn man sich die Themen der Kölner Band ansieht: verflossene Liebe, jede Menge Herzschmerz, durchsoffene Nächte mit dem einen oder anderen Joint, Zukunftsängste – gerade Studenten können sich mit den deutschsprachigen Texten von AnnenMayKantereit identifizieren. Und dann ist da noch diese Stimme. Henning May ist 27 Jahre alt, sieht aber deutlich jünger aus und hat diese unglaublich intensive, raue Stimme, die eben überhaupt nicht so klingt, wie er aussieht. In der „Zeit“ hieß es einmal, in jeden Text über AnnenMayKantereit müsse ein Vergleich mit Rio Reiser von TonSteineScherben rein. Ungefähr so klingt May und doch ganz anders.

Klar ist jedoch: Die 5800 Gäste hängen an seinen Lippen. Egal ob sie im Innenraum stehen oder (zu Beginn) auf ihren Plätzen auf den Rängen sitzen. Die Mischung aus tanzbaren Songs und melancholischen Liedern macht’s.

Doch wie kam es dazu, dass diese Kölner Gruppe die Arenen der Nation erobert? Denn nicht nur das Event in Trier ist ausverkauft. Für AnnenMayKantereit-Konzerte gibt es bis September keine Karten mehr. Kennengelernt haben sich Sänger Henning May, Gitarrist Christopher Annen und Schlagzeuger Severin Kantereit bereits in der Schule. Aufmerksamen Lesern dürfte nicht entgangen sein, dass sich der Bandname schlicht aus den Familiennamen des Trios zusammensetzt. Die Jungs begannen nach dem Abitur als Straßenmusiker durch Köln zu ziehen. Ein Bassist kam wenig später hinzu, aber der ohnehin schon sperrige Bandname konnte schlecht durch (Lars) Lötgering ergänzt werden. Ein erstes Album zeichnete die Gruppe ohne Unterstützung eines Labels auf.

2014 verließ Lötgering die Band, an seine Stelle trat Malte Huck. Hinzu kam Trompeter Ferdinand Schwarz, der als ständiger Gastmusiker bei einigen Songs auf die Bühne kommt. Und mit Landstreicher Booking kommt eine Agentur dazu, die die ehemaligen Straßenmusiker fördert. Es geht auf eigene Clubtour, bei den Beatsteaks und Clueso ist AMK Vorband. Mit den Songs „Oft gehört“, „Pocahontas“ und vor allem dem großen Hit „Barfuß am Klavier“ schaffen sie es zudem in die Ohren und Herzen der (Radio-)Hörer. Das erste Album „Alles nix Konkretes“ hält sich wochenlang an der Spitze der Charts. Im Dezember 2018 folgt „Schlagschatten“ und damit auch die große Tour, auf der AMK sich aktuell befindet.

5800 Besucher beim Konzert von AnnenMayKantereit in Trier. Foto: Simon Engelbert

Support sind Leoniden aus Kiel. Die Band singt auf Englisch und spielt Tanzlaune machenden Indie-Rock. Im kleineren Club dürfte die Band aber besser funktionieren als in der großen Arena – Gelegenheit dazu gibt es am 12. Juli im Mergener Hof in Trier. Pünktlich um 21 Uhr finden am Dienstag die vier Jungs von AMK auf die Bühne, und manch einer dürfte neugierig sein, was sich wohl hinter dem schwarzen Vorhang verbirgt, der die Bühne während der ersten vier Songs arg klein wirken lässt. Zu den Klängen von „Du bist anders“, das vergangenen Monat als Single ausgekoppelt wurde, öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick auf das Verborgene frei. Das Bühnenbild besteht aus etlichen weißen, in Reihen aufgehangenen Stoffstücken (aus der Ferne wirkt es, als hätte man viele Papierseiten angebracht), die von hinten angeleuchtet werden oder zwischendurch als Projektionsfläche für die Live-Aufnahmen der Protagonisten dienen, damit auch die hinteren Reihen noch etwas sehen. Etliche Instrumente finden sich auf der Bühne, die im Laufe des anderthalbstündigen Sets genutzt werden. Den ersten Song der Zugabe, das neue Lied „Ozean“, spielt AMK dann mitten im Publikum in den Rängen – eine Band zum Anfassen eben, die in Trier trotz bereits lang andauernder Tour mit Spielfreude überzeugt und als eingeschworene Truppe auftritt. Für das Publikum ist es eine Reise durch die Emotionen – mit einem lachenden und einem weinenden Auge, mit nostalgischen und ausgelassenen Momenten.

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