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Literatur
Als das Genie noch jung war - Auf den Spuren Georges Simenons in Lüttich

Der Palast der Justiz und der Provinzregierung in Lüttich: Hier ging der junge Zeitungsreporter Georges Simenon täglich hin.
Der Palast der Justiz und der Provinzregierung in Lüttich: Hier ging der junge Zeitungsreporter Georges Simenon täglich hin. FOTO: Fritz-Peter Linden
Lüttich. Die Bücher von Georges Simenon erscheinen sämtlich neu. Der perfekte Anlass, ihm durch seine Geburtsstadt Lüttich zu folgen. Von Fritz-Peter Linden
Fritz-Peter Linden

„Er schlief im Schnellzug und erwachte bei Tagesanbruch an der belgischen Grenze. Eine halbe Stunde später schon fuhr er durch Lüttich; sein lustloser Blick streifte die Stadt.“ (Georges Simenon, Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien)

Falsch, Herr Kommissar: Lüttich verdient mehr als einen lustlos streifenden Blick. Maigrets Schöpfer Georges Simenon erlaubt sich da eine Spitze gegen seine Geburtsstadt, die sie nicht verdient hat.

Gut, da ist viel Grau. Und dann noch mehr Grau. Was auch am sogenannten Blaustein liegt, aus dem hier so vieles gemauert ist. Aber wer dann doch genauer hinschaut, entdeckt viel Schönheit. Und lernt, Grau als Farbe zu schätzen.

Warum sind wir hier? Wegen Simenon, der sich mit den Graustufen der menschlichen Existenz besser auskannte als so ziemlich jeder andere Schriftsteller. Und wegen eines verlegerischen Coups: Daniel Kampa, früherer Chef von Hoffmann und Campe in Hamburg, noch früher bei Diogenes in Zürich, hat seinen eigenen Verlag gegründet. Und weil er Simenons Sohn John offenbar ein überzeugendes Konzept für eine Neuedition vorlegte, luchste er den Zürchern die deutschsprachigen Rechte für das gesamte Werk des Vaters ab. Von diesem Herbst an erscheint deshalb der komplette Simenon im deutschsprachigen Raum neu: alle Maigrets bei Kampa, bei den Nicht-Maigrets kooperiert man mit Hoffmann und Campe.

Da sitzt er, mit Blick auf die neuen Bücher – und sein Geburtshaus in der Rue Léopold: Georges Simenon.
Da sitzt er, mit Blick auf die neuen Bücher – und sein Geburtshaus in der Rue Léopold: Georges Simenon. FOTO: Fritz-Peter Linden

Gerade sind die ersten 24 Bände erschienen, darunter auch Simenons „Intime Memoiren“ und der dann doch sehr liebevoll geratene Brief an meine Mutter. Das ist deshalb erwähnenswert, weil „liebevoll“ nicht die Beziehung war, die die beiden zueinander unterhielten. Simenon schrieb die knapp 100 Seiten unter dem Eindruck seiner Besuche an ihrem Sterbebett – und scheint am Ende seine immer so fern gebliebene Mutter zu verstehen: „Du kamst von ganz unten, aus den Reihen derer, die nichts geschenkt bekommen hatten, für die jede kleine Freude ein Sieg war, den man mit Zähnen und Klauen erringen musste.“

Liest man die teils komplett neu übersetzten, sämtlich schön gestalteten Bücher, wird sofort wieder klar, warum Simenon so erfolgreich werden konnte: Keiner kannte die Menschen besser als dieser Autor, niemand wusste mehr über ihre Schwächen, ihre Verzweiflung, ihre Ängste. Und kaum einer schaute so abgeklärt und zugleich liebevoll hin: „Wenig Wissen entfernt uns vom Menschen, viel Wissen führt uns zu ihm zurück“ (Maigrets Memoiren). So einfach ist das.

Der junge Georges Simenon lief fast jeden Tag über diese Brücke.
Der junge Georges Simenon lief fast jeden Tag über diese Brücke. FOTO: Fritz-Peter Linden

Und manchmal zeigt er uns ihre Komik, etwa in der dauer-unzufriedenen Figur des Inspektors Lognon, eines Polizeikollegen, der sich stets vom Schicksal – und von Maigret – übertrumpft und um seine verdienten Lorbeeren gebracht sieht. „Inspektor Griesgram“ eben, wie ihn die anderen Ermittler nennen. Maigret: „Haben Sie eine Idee?“ Lognon: „Sie wissen zu gut, dass ich nie Ideen habe. Ich bin nur ein kleiner Inspektor.“ (Maigret und die junge Tote)

Das alles kleidet Simenon in eine einfache, aber nicht simple Sprache; mit zwei Sätzen kann er zudem eine Atmosphäre hervorrufen, für die andere mehrere Seiten opfern müssen.

Simenons Heimatviertel Outremeuse. Im Hintergrund die Kirche Saint-Pholien, die auch dem eingangs zitierten Maigret-Roman seinen Titel gab.
Simenons Heimatviertel Outremeuse. Im Hintergrund die Kirche Saint-Pholien, die auch dem eingangs zitierten Maigret-Roman seinen Titel gab. FOTO: Fritz-Peter Linden

„Maigret schlüpfte in seinen Mantel, zog die Melone in die Stirn und ging kurz danach, vom Regen schraffiert, die Hände in den Taschen vergraben, durch die Straßen der kleinen Stadt.“ (Maigret im Haus des Richters)

Am 13. Februar 1903 wurde Georges Simenon in der Lütticher Rue Léopold, nahe dem Stadtzentrum, geboren (Mutter Henriette, so wird erzählt, ließ das Datum auf den 12. ändern, weil sie abergläubisch war), im Dezember 1922 war er schon fort, nach Paris, um dort eine Weltkarriere zu starten: 192 Romane, darunter 75 Maigrets, mehr als 150 längere Erzählungen, um die 1000 Kurzgeschichten (plus rund 200 Groschenromänchen) – Simenon war einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts (nur Enid Blyton schrieb noch mehr, unfassbare 700 Stück), mit mehreren Hundert Millionen verkaufter Bücher.

Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon. Der gelb-rote Bus im Hintergrund passiert gerade das Geburtshaus des Schriftstellers.
Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon. Der gelb-rote Bus im Hintergrund passiert gerade das Geburtshaus des Schriftstellers. FOTO: Fritz-Peter Linden

In seinem Geburtsjahr „war Lüttich eine blühende Stadt mit 165 000 Einwohnern. Es war die Stahlschmiede Europas“, erzählt Hubertine Korvorst, die den Besucher kundig, humorvoll und in bester Kenntnis der kleinen Schwächen des großen Autors (die Frauen. Die Frauen!) zu den Orten führt, an denen er Spuren hinterließ.

Und davon liegen viele im Viertel Outremeuse – einer großen Insel zwischen der Maas und einem ihrer Seitenarme. Vom Zentrum gelangt man in wenigen Schritten dorthin, über die „Pont des Arches“, jene Brücke, die Simenons erstem Roman, 1921 veröffentlicht, den Titel gab.

Typisch Lüttich: viele schmale Gassen. Diese hier ist die schmalste von allen.
Typisch Lüttich: viele schmale Gassen. Diese hier ist die schmalste von allen. FOTO: Fritz-Peter Linden

„In Outremeuse“, sagt Hubertine Korvorst, „leben andere Menschen“. Einfache, kleine – und selbstbewusste – Menschen, gründeten sie doch Anfang des 20. Jahrhunderts dort ihre eigene, unabhängige kleine Republik und begehen bis heute Mitte August ihren „Nationalfeiertag“.

Dort wuchs der junge „Sim“ auf, lernte bei einer Nonne im Kindergarten Lesen und Schreiben, ging zur Schule und dann, als 16-Jähriger, jeden Tag über die Maas hinüber zur „Gazette de Liége“, wo er von einem Tag auf den nächsten zum Zeitungsreporter wurde.

Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon.
Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon. FOTO: Fritz-Peter Linden

Und er traf sich in einem billigen Zimmer mit seinen Künstlerfreunden – Hubertine Korvorst hat den Schlüssel für die Tür in der Rue des Écoliers, die sich in einen schmalen Durchgang hinein öffnet und zu dem Raum führt, in dem Simenon und seine Freunde saßen, tranken, musizierten und philosophierten, wenn sie nicht mit ihren Freundinnen ... wie gesagt: Simenon und die Frauen. „La Caque“ nannten sie sich, das Heringsfass: Denn genau so eng hockten sie dort aufeinander.

Ein paar Meter weiter: die Kirche von Saint-Pholien, an deren Tür sich einer dieser Freunde, der Kunststudent Joseph Klein, erhängte. Die wahre, traurige Geschichte wird im eingangs zitierten Roman umgewandelt in einen Kriminalfall, dem der Kommissar mehr aus einer Laune heraus auf die Spur kommt. Anfang und Lösung der Geschichte liegen in Lüttich.

Das können sie, die Belgier: Comic-Kunst an Hausfassade.
Das können sie, die Belgier: Comic-Kunst an Hausfassade. FOTO: Fritz-Peter Linden

Die erste Tranche der „neuen“ Simenons (im Frühjahr geht es bereits mit dem zweiten Schwung weiter) enthält auch einen der meist düsteren „Non-Maigrets“, der Schauplatz liegt viel weiter weg als Lüttich oder als Paris: Nordamerika. Auch dort lebte Georges Simenon, neun Jahre lang, auch dort schrieb er ein Buch nach dem anderen, was immer wieder erstaunt, zumal sie allesamt lesenswert sind.

Wie Der Uhrmacher von Everton, Dave Galloway. Dessen beschauliches Leben mit seinem halbwüchsigen Sohn Ben wird ansatzlos durch eine so schreckliche wie vollkommen unverständliche Tat zertrümmert. Und wieder greift die Verzweiflung nach einem Simenon-Protagonisten: „Dann, als wäre er eigentlich nur zu diesem Zweck in die Wohnung zurückgekehrt, ging er unvermittelt in Bens Zimmer und warf sich bäuchlings auf das Bett seines Sohnes, umschlang das Kopfkissen und verharrte reglos in dieser Stellung.“

In diesem billig gemieteten Zimmer trafen sich Georges Simenon und seine Küstlerfreunde.
In diesem billig gemieteten Zimmer trafen sich Georges Simenon und seine Küstlerfreunde. FOTO: Fritz-Peter Linden

Wie Dave Galloway aus dieser Verzweiflungsstarre wieder herauskommt – das ist vielleicht das eigentliche Thema des Romans, mehr noch als der Mord, um den es darin geht und der schnell aufgeklärt ist. Weshalb man diesen, wie die anderen Romane jenseits von Kommissar Maigret, auch nicht als Krimi bezeichnen kann. Simenon schrieb da über alle Genre-Grenzen hinweg.

Am Ende des erhellenden Rundgangs mit Hubertine Korvorst hat man sehr viel über Lüttich und den großen Sohn dieser Stadt erfahren. Beide schätzt man danach noch ein bisschen mehr. Und angesichts der Neuveröffentlichungen steht zudem fest: Wer hier kein Weihnachtsgeschenk findet, und sei es nur für sich selbst, dem ist nicht zu helfen.

Lüttich: Auch sie gab einem Roman den Namen - die Brücke Pont des Arches.
Lüttich: Auch sie gab einem Roman den Namen - die Brücke Pont des Arches. FOTO: Fritz-Peter Linden

Eine Frage allerdings bleibt auch jetzt unbeantwortet: Wie kann ein Mensch mehr als 200 Bücher schreiben? Und wie kann es sein, dass sie auch noch alle gut sind? Der Schriftsteller Georges Simenon bleibt eines der großen Rätsel der Weltliteratur. Aber das Rätsel dieses Autors lässt sich jetzt, dank eines verlegerischen Kraftakts, wieder neu entdecken und erkunden.

Genauso wie die graue und doch auf den zweiten Blick so bunte Stadt an der Maas, in der er geboren wurde.

Geschichte und Moderne: vorn links das älteste Haus von Lüttich am Ufer der Maas, gebaut im 17. Jahrhundert.
Geschichte und Moderne: vorn links das älteste Haus von Lüttich am Ufer der Maas, gebaut im 17. Jahrhundert. FOTO: Fritz-Peter Linden

Führungen durch die Stadt kann man vereinbaren mit dem Tourismusbüro Lüttich (www.visitezliege.be) oder direkt bei den deutschprachigen Mitgliedern von „Guides 4 You“, die auch zu anderen Themen und Orten in Ostbelgien Rundgänge anbieten. Sie sind im Internet zu finden unter der Adresse www.guides4you.be

Typisch Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon.
Typisch Lüttich: Überall läuft man in den Spuren von Georges Simenon. FOTO: Fritz-Peter Linden