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Aus Korea schwappt Buntes und Verrücktes in den Westen: K-Pop.

Musik : Musik-Faszination aus Korea

Deutsche Popmusik oder amerikanischer Rock sind zu langweilig? Wie wäre es einmal mit etwas Exotischerem? Aus Korea schwappt Buntes und Verrücktes in den Westen: K-Pop.

„Und drei, vier, fünf, sechs“ – schallen die Anweisungen von Tanzlehrerin Sina Möller durch den großen Spiegelsaal. Um sie herum bewegen sich zehn junge Tänzerinnen zwischen 15 und 23 Jahren. Neu dabei ist auch ein Junge mit wasserstoffblonden Haaren, der trotz seiner Unerfahrenheit mithalten kann und der den Text stumm mitsingt. Soweit nichts Ungewöhnliches, wären die Texte nicht auf Koreanisch.

An zwei Tagen in der Woche bietet die Tanzschule Wacht in Trier seit einiger Zeit einen K-Pop-Tanzkurs an. Der zweite Tag kam wegen der großen Nachfrage erst vor kur­zem hinzu. „Sogar drei Jungs aus Luxemburg kommen extra hierher, um eine Stunde lang zu K-Pop zu tanzen“, erzählt Möller. „Das Schöne am K-Pop ist, dass es so viele Einflüsse und unterschiedliche Musikrichtungen gibt, da kann man vieles kombinieren und neu entdecken“, meint die Tanzlehrerin.

Doch was ist K-Pop überhaupt? Grob zusammengefasst ist es koreanische Populärmusik. „Es ist bunt, ausgefallen und einfach etwas komplett anderes“, erzählt Doreen Stüber. Die 23-jährige Maßschneiderin ist mit 14 bei YouTube erstmals auf ein Video der Band „Big Bang“ aufmerksam geworden und war fasziniert von der koreanischen Gruppe. Einige Jahre später schwappt die „Koreanische Welle“ stärker in den Westen über, wie Oliwia Rylko erzählt. Auch sie lernt, genau wie Doreen, in der Tanzschule Wacht die ausgefallenen Choreographien. „2015 haben plötzlich viele K-Pop gehört, also hab ich dem auch mal eine Chance gegeben.“ Bis heute sind beide hängengeblieben, haben die Musik, aber auch die koreanische Kultur und das Essen, etwa das traditionelle Gericht Kimchi (scharfer, eingelegter Kohl), lieben gelernt. Richtig Koreanisch können Rylko und Stüber allerdings nicht. „Ein paar Sätze lernt man schon, aber richtig unterhalten könnten wir uns nicht“, sagt Oliwia Rylko. Das müssen die westlichen K-Pop-Fans aber auch gar nicht. Seit die Musik auch im Rest der Welt populärer wird, werden die Musikvideos mit englischen Untertiteln versehen. So kann jeder verstehen, was auf koreanisch gesungen wird. „Früher haben andere Fans das übersetzt, heute ist das schon komfortabler“, freut sich Doreen Stüber. Die Texte drehen sich um Liebe und andere Alltagsthemen, um Selbstwertgefühl und Träume, manchmal auch um negative Erlebnisse der Bands oder psychische Probleme. Die Bandbreite ist groß, ebenso wie die Zahl an Musikgruppen.

Entsprechend hart ist in Korea selbst das Musikbusiness. Junge Menschen bewerben sich schon sehr früh bei sogenannten Entertainments. Man kann sich das ein wenig wie Fernseh-Castingshows nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorstellen. Erkennen die Firmen das Potenzial der einzelnen Kandidaten, erhalten diese eine umfassende Ausbildung. Tanz, Gesang, Sport, der Umgang mit Medien und Fans und vieles mehr stehen auf dem Stundenplan und füllen den gesamten Tag. Die komplizierten Tanzschritte, die durch Synchronität punkten und sehr leicht wirken, besonders bei Girl-Bands auch extrem mädchenhaft sind, erfordern eine hervorragende Koordination, hohe Konzentration und Schnelligkeit. Stunden verbringen die jungen Koreaner im Tanzstudio. Gleichzeitig ist der Output enorm. Haben Bands es mal geschafft, produzieren sie pro Jahr etliche Songs, Musikvideos, aber auch sogenannte V-Logs – also Videos für soziale Medien, in denen sie einen Blick hinter die Kulissen geben und Nähe zu den Fans schaffen. „Die Disziplin und das ständige Arbeiten an sich selbst, das fasziniert viele“, meint Doreen Stüber. Mit Produktionen aus Deutschland oder den USA ist das kaum zu vergleichen. Die Maschinerie dahinter, die auch vom Staat unterstützt wird, ist enorm. Gleichzeitig verdienen die jungen Künstler, die auch als „Idols“ bezeichnet werden, keine hohen Summen damit. Oft müssen sie vor allem in den Anfangsjahren Schulden abbezahlen, die sich durch den intensiven Unterricht und die Bezahlung vieler Menschen, die hinter der Produktion stecken, angehäuft haben.

Zu den bekanntesten Gruppen gehört die siebenköpfige Boyband Bangtan Boys, kurz „BTS“, die bis zu fünf Alben im Jahr veröffentlicht. „BTS gehört zu den Bands, die auch selbst an der Musik und den Texten arbeiten“, erzählt Oliwia Rylko, die ein großer Fan der Gruppe ist.

2018 war „BTS“ erstmals in Berlin. Innerhalb weniger Stunden war die Mercedes-Benz-Arena, die für 17 000 Menschen ausgelegt ist, ausverkauft. In diesem Frühjahr kommen die Koreaner erneut nach Europa. Die Tickets kosten zwischen 60 und 240 Euro. Die meisten Stadien – etwa das Wembley-Stadion in London oder das Stade de France in Paris – sind ausverkauft. „Im Moment kommen wirklich viele Bands nach Europa, da muss man sich dann auch mal überlegen, welches Konzert man sich anschauen möchte“, sagt die 20-jährige Rylko. Günstig ist das Faible für koreanische Bands nicht, aber die Augen der jungen Frauen strahlen vor Vorfreude auf die Konzerte und ganz allgemein, wenn sie über ihre „Idols“ sprechen.

„Man erfährt aber auch viel Unverständnis von Menschen, die der Musik noch keine Chance gegeben haben“, berichten die beiden übereinstimmend. Viele sehen vor allem das Negative dahinter, die große Maschinerie, das Plastikimage, die geschminkten, weichgezeichneten Gesichter der männlichen wie weiblichen Idols. „Dabei bietet K-Pop so viel mehr als westliche Musik“, meint Doreen Stüber. Damit meint sie nicht nur die vielen Produkte, die die Künstler für die Fans so nahbar machen, sondern auch die Musik. „Von Hip-Hop, Elektro über R ‚n‘ B ist da für jeden etwas dabei. Es werden Stereotypen aufgebrochen, und man entdeckt ganz neue Welten“, schwärmt Stüber.

Auch, dass man durch die Musik so viele neue und gleichgesinnte Leute kennenlernt, schätzen beide K-Pop-Fans. „Ich saß mal im Zug und wurde angequatscht, weil ich gerade K-Pop hörte. Heute, drei Jahre später, sind wir immer noch eng befreundet“, erinnert sich Oliwia Rylko. Und gemeinsam gehen die Mädchen auch auf K-Pop-Partys, die in Köln oder Frankfurt angeboten werden. „Das kann man mit normalen 08/15-Partys gar nicht vergleichen. Alle tanzen und die Zeit verfliegt, während man zusammen zu K-Pop feiert. Da lohnt es sich, auch mal ein bisschen zu warten und nur alle zwei Monate groß auszugehen“, sagt Doreen Stüber. Bis zur nächsten Party heißt es also, noch fleißig zu üben, damit die Choreographie auch sitzt.

Einen idealen Eindruck von der Musik gibt es bei YouTube. Die millionenfach geklickten Videos sind beispielsweise unter dem Suchbegriff K-Pop zu finden. Auch sonst liefert das Internet jede Menge Informationen, denn dort tauschen sich Fans deutschland- und weltweit miteinander aus. Bei Interesse an dem Tanzkurs gibt es weitere Informationen unter www.tanzstudio-wacht.de