Ausstellung „Cocon“ der Gesellschaft für Bildende Kunst in Trier

Kunst : „Nichts behält seine Gestalt“ - Ausstellung „Cocon“ der Gesellschaft für Bildende Kunst in Trier

Mit „Cocon“ eröffnet die Gesellschaft für Bildende Kunst in Trier mit einem ebenso eindrucksvollen wie sinnfälligen Projekt ihr Ausstellungsjahr.

Einst hat sie zu Tumulten im bürgerlichen Kunstbetrieb geführt. Heute ist die Performance nicht nur etabliert, sondern geradezu der widerständige Gegenpart zu einem tradtionellen Verständnis, das im Kunstwerk das Unabänderliche, sogar das Streben nach Ewigkeit sucht. Dass alles Irdische dem Wandel unterworfen ist, gehört zur existenziellen Erkenntnis von Ovids Metamorphosen bis zu Mephistos intelligentem Zynismus. Aber nicht nur das: Auch die Wahrnehmung der vorhandenen Wirklichkeit ist unsicher und subjektiv.

„Man sieht nur, was man weiß“, erkannte schon Universalgenie Goethe. Die Performance lenkt den Blick auf solche Erkenntnis. Eine Performance könne die Sicht der Menschen verändern, glaubt Marina Abramović. Wie die wohl bekannteste Performance-Künstlerin dieser Zeit denkt auch Werner Bitzigeio. Mit seinem Performance-Projekt „Cocon“ (Kokon) eröffnet  die Trierer Gesellschaft für Bildende Kunst ihr Ausstellungsjahr 2019. Damit präsentiert die traditionsreiche Kunstvereinigung nicht nur ein interessantes und ästhetisch sehr reizvolles Projekt. Sie gibt so zum Jahresanfang auch wichtige Impulse und  regt einen notwendigen zeitgenössischen Diskurs an, was Kunst will und soll. Zudem setzt sie ein gesellschaftskritisches Zeichen. Ist doch die flüchtige Performance ausdrücklich angetreten, um gegen die Kunst als materielle Ware und ihre entsprechende Vermarktung zu Felde zu ziehen.

Ganz so radikal ist das Trierer Projekt nicht. In Bitzigeios Kokons aus den für den Künstler bekannten Gittergerüsten, die allerdings – anders als seine offenen  Stahlskulpturen – mit einer lichtdurchlässigen Folie bespannt sind, präsentiert sich durchaus ein greifbares Werk von Bestand. Gleichwohl geht es Bitzigeio wie Abramović um die Sicht auf die Dinge.  „Die Bedeutung meines künstlerischen Werkes liegt nicht darin, was gesehen wird, sondern wie das Sehen als innerer Vorgang gelenkt wird.“, sagt der Künstler.

Mit dem Kokon, jenem geschützten  Zwischenstadium zwischen Raupe und Schmetterling, hat der in der Eifel lebende Künstler in Zusammenarbeit mit der Choreographin Irene Borguet-Kalbusch eine Form gewählt, die als Bild gleichermaßen für Abgeschlossenheit und innere Fülle wie für Aufbruch und Wandlung steht. All das machen die beiden Performance-Künstlerinnen Jessica van Cauteren und Anais van Eycken ausdrucksstark sichtbar. Die Musik dazu hat Michael Peschko beigesteuert. Mit beiden Künstlern arbeitet Bitzigeio seit langem.

Um die Beziehung zwischen Objekt, Raum und Bewegung geht es in der Performance „Hungry“. Raumgreifend bewegen sich die Performerinnen zwischen den Kokons, ihre Gestik und Mimik vermitteln Angst, Schrecken sowie Sehnsucht nach Geborgenheit. Seit jeher geht es Bitzigeio darum, eine Symbiose zwischen den  Orten, für die er seine Skulpturen schafft, und seinem Werk herzustellen. Ebenso setzt er sich mit seinem Material, dem Stahl, auseinander. Die Geschichte der Eisenhütte und der harten Arbeit darin verbildlichen einmal mehr als Performance anrührend Van Cauteren und Van Eycken.

Performances überleben bekanntlich lediglich als Dokumentation. Und so kann man auch in den nächsten Wochen die Dokumentation von „Cocon“ in den Galerieräumen betrachten und anhören. Dabei erhält man zudem einen guten Überblick über das Werk Bitzigeios und sein künstlerisches  Anliegen.

Die Ausstellung läuft bis 2. Februar; geöffnet ist sie donnerstags bis samstags 14 bis 18 Uhr, sonntags  12 bis 16 Uhr.

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