Ballett „Dornröschen“ von Roberto Scafati feiert in Trier Premiere.

Tanz : Dreimal geküsst und endlich aufgewacht

Märchenhaft und doch aktuell: Das Ballett „Dornröschen“ von Roberto Scafati hatte im Theater Trier Premiere.

Augen auf bei der Partnerwahl! Nicht jeder Kuss bedeutet Erweckung. Manch einer verlängert nur den Tiefschlaf.

Neuerlich war das am Freitag im Theater Trier zu erfahren. Dort hatte Roberto Scafatis augenzwinkerndes Ballett „Dornröschen“ Premiere, das der Trierer Ballettchef 2018 für seine ehemalige Wirkungsstätte, das Ulmer Theater, produziert hatte. Auf der Basis von Peter Tschaikowskys zeitloser Musik hat der Choreograph eine zeitgenössische Überschreibung des 400 Jahre alten Märchens geschaffen, die aktuell ist, ohne den Blick fürs Märchenhafte zu verlieren. Als zeitlos erfahrbar macht der Choreograph dabei nicht nur ewig Menschliches wie Liebe, Sehnsucht und Eifersucht, sondern auch  das uralte Thema des Schlafs als Ort der Selbstbesinnung und Selbstfindung sowie den Kuss als Erkennungsritual.

 Scafatis „Dornröschen“ ist quasi ein als Handlungsballett gefasster Entwicklungsroman über die ersehnte Königstochter Aurora. Aus dem kleinen Mädchen, das schon als Kleinkind seinen eigenen Kopf hat, wird darin  ein kesser, aufmüpfiger Teenager, schließlich eine junge Frau, hin- und hergerissen von den Irrungen und Wirrungen der Liebe. Bis die böse Fee Carabosse sie aus Eifersucht aus dem Verkehr zieht (Auroras Vater hatte sie zurückgewiesen)  und in den Tiefschlaf versetzt. Diesmal nicht per giftiger Spindel wie im Märchen, sondern  zeitgemäß mittels K.-o.- Tropfen. Ende gut, alles gut. Nach mehreren untauglichen Versuchen schafft es schließlich der Richtige (Bogdan Muresan), soll heißen der Mann fürs Leben,  die Prinzessin wachzuküssen.  Für Dornröschen regnet es rote Rosen, genau genommen Rosenblätter.

Scafati betätigt sich nicht als Bilderstürmer. Er  erhält das märchenhaft königliche  Personal. Aber er erzählt die Geschichte mit Witz und Schwung, vor allem aber mit einer erfrischenden Leichtigkeit, die jeden Zuckerguss vermeidet und aus der ernsten Lehre, die in jedem Märchen steckt, lächelnde Lebensklugheit macht.

Raum bleibt dabei genug für Traum und Poesie, zu denen auch Kristopher Kamps schöne Kostüme beitragen. Hinreißend: Wenn die böse Fee Carabosse (Beatrice Panero) auf einer Schaukel in Marianne Hollensteins  sparsame Bühne schwebt oder später ihren Frust mit Spaghetti erstickt. Da sind zwar die Guten im Recht, aber die Sympathie gehört der weniger Tadellosen. Einmal mehr lässt der Choreograph die Bewegung gleichsam aus der Musik fließen und macht Musiksprache zur lebendigen, vielfarbigen Körpersprache. Unverkennbar ist dabei sein  Gespür fürs Sinfonische. Mit musikalischer Energie, tänzerischer Präzision und einer überbordenden Lust am Spiel  sind seine ausdrucksstarken Tänzer  beredte, dynamische Geschichtenerzähler (Unterstützt werden sie von einigen Mitgliedern der hauseigenen Junior Company).

Unter den Tänzern fällt einmal mehr Giorgio Stranos  ungeheure Präsenz und virtuose Beweglichkeit als Prinz 3 auf. Als Prinzessin Aurora  ist Chiara Rontini eine herrlich freche Göre. Ein umwerfend komödiantisches Energiebündel ist Beatrice Panero als Carabosse. Bisweilen verliert sich die Lust am Erzählen etwas arg im Detail. Wie etwa bei den Schreien der gebärenden Königin (Yuka Nazabal), die auch später recht langwierig ihrem Mann (Alessio Pirrone, ganz liebender Ehemann und Vater) beim Ankleiden hilft. Dem witzigen, flotten  Grundton schließt sich das engagierte Philharmonische Orchester der Stadt Trier an, das Wouter Padberg dynamisch und risikofreudig bisweilen auf Kante spielen lässt.

Wie heißt es im Kinderlied: „Dornröschen schlafe hundert Jahr“. Am Theater Trier ist das Königskind jedenfalls  inzwischen auf äußerst flotte Weise  wachgeküsst. Und wenn es nicht gestorben ist – den Rest kennt man. Stürmischer Applaus im vollen Haus.

Weitere Aufführungen: 22. April, 18 Uhr, 19. Mai, 16 Uhr, 30. Juni, 18 Uhr. Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.