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Barbara Ullmann als Regisseurin

Theater : „Als Regisseurin habe ich mehr Lampenfieber“

Die Trierer Schauspielern hat erstmals die Regie bei einem Theaterstück übernommen – eine ganz neue Erfahrung und Herausforderung.

Seitenwechsel: Schauspielerin Barbara Ullmann inszeniert Kressmann Taylors Zweipersonenstück „Empfänger unbekannt“

Frau Ullmann, ist „Empfänger unbekannt“ Ihre erste Regiearbeit?

Barbara Ullmann: Ja - abgesehen von einer Inszenierung in der Tufa, „Lebenszeichen“, mit einer – nicht professionellen – Schauspielerin vor etwa acht oder neun Jahren.

War es Ihre Idee – wollten Sie mal auf der anderen Seite der Bühne stehen?

Ullmann: Vor längerer Zeit hat Manfred Langner mich gefragt, ob ich Interesse an einer Regie hätte, was mich natürlich sehr gefreut hat. Ursprünglich sollte das Stück am 9. November im vergangenen Jahr Premiere haben, am Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, aber Corona hat alles zunichte gemacht. Im Februar haben wir es noch mal versucht – wurde wieder nix. Aber jetzt wird‘s ja endlich.

Worum geht es in dem Stück?

Ullmann: Die Vorlage ist der Brief­roman „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor (1903 – 1996), die eigentlich Kathrine hieß. Der Roman erschien 1938 und war in Amerika sehr erfolgreich. Auf deutsch ist es erst 2001 erschienen. Das Pseudonym Kressmann hat sie gewählt, weil ihr Verleger meinte, einen politischen Roman von einer Frau würde niemand ernst nehmen.

Der Mann hätte heute vermutlich ein Problem.

Ullmann: Könnte sein, ja.

Können Sie den Inhalt kurz zusammenfassen?

Ullmann: Zwei Freunde, Deutsche, betreiben in San Francisco eine Kunstgalerie. 1932 zieht Martin Schulze zurück nach München, während sein jüdischer Freund Max Eisenstein in Amerika bleibt. In Deutschland wird Schulze zu einem glühenden und gesellschaftlich hoch angesehenen Nazi, und die beiden Freunde, die einen regen Briefverkehr führen, entfremden sich immer mehr. Als Eisensteins Schwester Gisela, die ihrer Schauspielkarriere wegen in Deutschland geblieben ist, in Gefahr gerät, bittet Max seinen Freund, ihr zu helfen. Doch obwohl Martin mal ein Verhältnis mit ihr hatte, weigert er sich. Worauf Max sich aus der Ferne auf ebenso wirkungsvolle wie perfide Art und Weise an seinem ehemaligen Freund rächt.

Ein Briefroman als Vorlage für ein Theaterstück – das hört sich nicht gerade handlungsreich an. Haben Sie den Text bearbeitet, um ihn bühnenwirksam zu machen?

Ullmann: Nein, weder geändert noch gekürzt. Die Briefe werden in voller Länge zitiert, weil Taylor sie so unglaublich gut geschrieben hat. Sie erschafft einen fantastischen Spannungsbogen, der von der intensiven Freundschaft zweier Männer zu einer ebenso krassen Gegnerschaft führt, und das innerhalb sehr kurzer Zeit. Bei uns sind das gerade einmal 90 Minuten. Das ist so kompakt und hat richtig „suspense“ – fast wie bei Hitchcock.

Ist Ihre Inszenierung von „Empfänger unbekannt“ ein Zeitstück beziehungsweise ein Stück Zeitgeschichte?

Ullmann: Um die Entstehungszeit kommen wir nicht herum, das Datum 1933 steht nun mal auf den Briefen. Trotzdem möchte ich nicht, dass es nur als Stück aus der Nazizeit angesehen wird. Denn man kann es tatsächlich in die Gegenwart hinein öffnen. Irgendwann während der Proben haben Raphael (Grosch) und Paul (Hess) gesagt, das ist ja fast wie in Afghanistan. Da sind Menschen gefangen in einem Land, aus dem man sie nicht rausholen kann und aus der Ferne vollkommen machtlos ist. Außerdem geht es im Stück ja um ganz zeitlose Themen wie Liebe, Fanatismus, Schuld – darum, wie und warum Menschen einander fremd werden.

Ein Jude und ein Nazi – das klingt nach einem Guten und einem Bösen.

Ullmann: Das habe ich zuerst auch gedacht, aber als ich mich dann intensiver mit dem Text beschäftigt habe, ist mir schon klar geworden, dass man nicht so Schwarz-Weiß denken kann. Martin hat in Deutschland Frau und Kinder, die er schützen muss, und auch Gisela wäre nicht geholfen, wenn er sie in seine Wohnung gelassen hätte. Dann wären nämlich alle vernichtet worden. Dieses Wissen ändert die Sichtweise auf ihn. Dann schaut man zu Max und denkt: War es angemessen, wie er gehandelt hat – Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn? Denn er hat ja mit seiner Handlungsweise letztlich die ganze Familie auf dem Gewissen, weil er mit seinen Briefen den Freund in die Enge getrieben hat.

Ist es leichter, Regie zu führen, wenn man weiß, wie es ist, auf der Bühne zu stehen?

Ullmann: Ich weiß zumindest, wie die Schauspieler sich fühlen, und als Schauspielerin kann ich da eine Menge helfen. Was natürlich auch für die meisten „Nur“-Regisseure gilt. Sie bringen dich als Schauspieler(in) ein Stück weiter, als du selber kommen würdest, geben dir Impulse und eröffnen neue Perspektiven. Es ist immer besser, einen Regisseur zu haben, als einen Text für sich allein zu erarbeiten.

Wann haben Sie mehr Lampenfieber? Als Schauspielerin oder als Regisseurin?

Ullmann: Ich denke, auf der Bühne bin ich entspannter, weil mir die Situation vertrauter ist. Da bin ich in der Lage, etwas zu machen, aktiv zu sein. Als Regisseurin sitze ich nur noch dabei und kann nicht mehr eingreifen, wenn die Premiere nicht so gut läuft, wie ich es erhofft habe.

Sie bleiben am Premierenabend also zu Hause?

Ullmann: Um Himmels willen, nein, das kann ich den Kollegen doch nicht antun. Natürlich bin ich vor Ort. Aber wenn es dann losgeht, setze ich mich in ein stilles Eckchen, wo ich nichts mitkriege, und drücke ganz fest die Daumen.

Premiere ist am Freitag, 8. Oktober, 19.30 Uhr, in der Europäischen Kunstakademie. Karten: 0651/ 718-1818.