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LITERATUR
Begeistert von einem mutigen Kollegen

Stefan Aust spricht im Bitburger Haus Beda über sein Buch „Hitlers erster Feind“.
Stefan Aust spricht im Bitburger Haus Beda über sein Buch „Hitlers erster Feind“. FOTO: TV / Nora John
Bitburg. Wer war Konrad Heiden? Darüber hat Autor Stefan Aust, Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“, in Bitburg beim Eifel-Literatur-Festival gesprochen. Mit Leidenschaft für einen Mann, der ein Visionär war, auf den aber zu wenige hörten.
Ulrike Löhnertz

Der Mann ist eine Plaudertasche. Kaum angesprochen, sprudelt er los und ist kaum zu bremsen. Kein Wunder, ist Stefan Aust, einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, doch so begeistert von seinem Thema. Und so angetan von diesem Konrad Heiden, um den es an diesem Abend im Festsaal des Hauses Beda geht – am letzten Abend des Eifel-Literatur-Festivals 2018.

Und so kommt es, dass Festivalleiter Josef Zierden wenig Mühe hat, dem Herausgeber der Zeitungen „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“ Informationen, Einschätzungen und Hintergrundwissen zu entlocken. Denn Aust hat zur Lesung vor rund 300 Zuhörern neben seinem Buch „Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden“ (2016) noch etwas anderes mitgebracht: die Begeisterung über diesen Mann, der schon in den 1920er Jahren die Jahrhundertkatastrophe hat kommen sehen – den Aufstieg der Nazis, die Massenvernichtung der Juden, den Krieg. „Er war ein Visionär, einer mit einer schrecklichen Vision. Und diese war so unglaublich zutreffend, wie man es sich kaum vorstellen kann.“ Was Aust veranlasste, über diesen mutigen Journalisten, dessen Name in Deutschland auch heute noch kaum bekannt ist, eine Biografie zu schreiben, die auch eine Beschreibung vom Aufstieg Hitlers ist. Denn es ist das Ergebnis mühsamer Recherchearbeit, von der er im Haus Beda mit Verve erzählt. Er lobt seine Mitarbeiterin Charlotte Krüger, die Archive durchforstete, bisher unentdecktes Material entdeckte. Vor allem aber die Artikel Heidens, der 1901 in München geboren wurde und 1966 in New York starb, bilden das Rückgrat des starken Bandes.

Es sei daher kein wissenschaftliches Werk, sondern genau das, was auch Heidens Artikel ausgemacht habe, sagt Aust, Festivalleiter Zierden zugewandt: „Sie waren eine sehr unmittelbare Beschreibung von dem, was er beobachtet hat.“

Zierden sitzt den ganzen Abend lang neben seinem Gast auf der Bühne und sucht zusammen mit ihm die Stellen im Buch, die Aust während seiner Ausführungen plötzlich in den Sinn kommen.

Wird mal gerade nicht zitiert, redet Aust weiter. Er stellt fest, dass Heiden „gute Kontakte zur Spitze der NSDAP hatte“, sich aber nie habe vereinnahmen lassen. Im München der 20er und frühen 30er Jahre habe der Journalist verfolgt, wie sich Hitlers überschaubare Anhängerschaft zu einer Massenbewegung entwickelte. Dabei habe Heiden als Erster öffentlich geäußert, was das Phänomen Hitler ausmachte. Schon 1921, als Heiden erstmals einer Rede Hitlers zuhörte, habe der Journalist geschrieben, dass hinter „all dem Unsinn“, den Hitler geredet habe, „eine beispiellose politische Gerissenheit zu erkennen war“.

Heiden, so konstatiert Aust, habe wie kein anderer das Phänomen Hitler aufgedeckt. „Ich habe niemals irgendwo deutlicher gelesen und begriffen, wie das System Hitler funktioniert hat, als bei Heiden“, erklärt der „Welt“-Herausgeber. Besonders dessen erstes Buch „Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee“ (1932) habe visionäre Züge. Es sei die erste umfassende Hitler-Biografie.

Darin habe Heiden die Strategie der Nazis treffend beschrieben, sagt Aust. „Wo ist noch mal gleich die Stelle im Buch?“, fragt er Zierden. Beide suchen und werden fündig. „Singen, Heil rufen, Arm heben, auf die Tische steigen: das Gemeinsame und Wesentliche ist immer, dass das Publikum rastlos mitarbeitet, bis sich jener Zustand einstellt, den man innere Transpiration nennen kann: das vollkommene Duchdrungensein von dem Gefühl, dass man nur ein Stück einer einzigen, in eins zusammengeschweißten Willensgemeinschaft, Glaubensgemeinschaft und nötigenfalls Tatgemeinschaft ist.“

Aber wenn dieser Heiden ein solcher Visionär gewesen sei, warum habe man ihn denn nicht nach dem Krieg als Held gefeiert? Das will Festivalchef Zierden von Aust wissen. „In den 50er Jahren wollte sich keiner mit den Nazis beschäftigen“, erklärt dieser.

„Man hat diejenigen verdrängt, die sich nicht in dem System eingerichtet hatten.“

Heiden sei zu Lebzeiten ein Störenfried gewesen – geächtet und verfolgt von den Nazis, 1933 ins Exil getrieben – und später ein vergessener Held, der es nicht geschafft habe, im Nachkriegs-Deutschland noch einmal als Journalist zu arbeiten. In den 60er Jahren sei er resigniert gewesen, krank und verarmt.

Dass dieses Schicksal Aust bewegt, hätte er nicht sagen müssen. Das merken ihm die Besucher im Haus Beda an. Auch, dass er mühelos noch stundenlang weiter auf der Bühne über Heiden erzählen könnte, würde Josef Zierden ihn nicht an den Büchertisch bitten. Zum Signieren, Fragen Beantworten und Plaudern – über einen Mann, den er nicht länger als vergessenen Helden sehen will.

Stefan Aust: „Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden“, Rowohlt, 2016, ISBN 9783498000905.

ELF-Organisator Josef Zierden (links) spricht mit Stefan Aust über sein Buch "Hitlers erster Feind". Foto: Nora John
ELF-Organisator Josef Zierden (links) spricht mit Stefan Aust über sein Buch "Hitlers erster Feind". Foto: Nora John FOTO: TV / Nora John