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Blick auf Trier – Bilder von Anton Schneider-Postrum

Kunst : Blick auf Trier – mit schönheitsfrohen Augen

Das Stadtmuseum Simeonstift zeigt bis 30. August Bilder von Anton Schneider-Postrum. Der Gymnasiallehrer war bis in die 1930er ein wichtiger Vertreter der regionalen Kunstszene.

Nur wenige Bilder aus Trier fangen die Dynamik ein, mit der sich die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte. Eines zeigt, wie sich auf dem Hauptmarkt die blauen, die roten und die grünen Straßenbahnlinien kreuzen. Zu sehen ist auf dem Bild auch, wie ein beladener Bierkarren über das Pflaster gezogen wird und Menschen durch das winterliche Trier hetzen. Und dann sind da zwei Bilder, die den Bau der Kaiser-Wilhelm-Brücke um das Jahr 1910 dokumentieren. Auch hier sind wieder Menschen zu sehen: Arbeiter kochen Asphalt oder klettern durch die Baugerüste.

Diese drei Momente hat Anton Schneider-Postrum in Bildern festgehalten. Seine Werke – auch die beschriebenen – sind noch bis 30. August in einer Ausstellung im Kabinett des Museums Simeonstift in Trier zu sehen.

Geboren wurde der Künstler am 13. Juni 1869 in Postrum (heute: Postrelnà) – damals ein winziger Flecken im Königreich Böhmen und damit Teil des Habsburgerreiches Österreich-Ungarn. Heute gehört der Ort am Fuß des Tolzberges zu Tschechien. Aufgewachsen ist Schneider-Postrum in einer armen Familie; sein Vater hatte wohl Land gepachtet, das er bewirtschaftete.

Als Jugendlicher machte er bei seinem Onkel Johann Schneider eine Ausbildung zum Porzellanmaler. Diesen Beruf übte er einige Jahre aus. Nach seinem Militärdienst zog er mit Mitte 20 nach Berlin, wo er zunächst verschiedene Kunstschulen besuchte und sich schließlich an der Königlichen akademischen Hochschule für die bildenden Künste immatrikulierte. Zeitgleich tobte in Berlin die sogenannte Munch-Affäre: Der Historienmaler und zugleich Direktor der Hochschule, Anton von Werner (1843 – 1915), setze durch, dass eine Ausstellung mit Bildern des Malers Edvard Munch (1863 – 1944) kurz nach ihrer Eröffnung wieder geschlossen wurde.

Später besuchte Schneider-Postrum mehrere Seminare an der Königlichen Kunstschule in Berlin. Dort war sein einflussreichster Lehrer Philipp Franck (1860 – 1944), der Mitglied in der Künstlergruppe Berliner Sezession um die Maler Max Liebermann, Lovis Corinth und Walter Leistikow war. Die Stilistik der Berliner Sezession beeinflusste Schneider-Postrums Werk stark. Immer wieder finden sich in seinen Bildern Genreszenen mit Menschen. Seine Landschaftsgemälde zeigen oft Motive, die „scheinbar“ am Wegesrand liegen.

Franck beeinflusste Schneider-Postrum aber nicht nur künstlerisch, sondern auch didaktisch. Laut Bärbel Schulte, die die Ausstellung im Museum Simeonstift kuratiert, revolutionierte Franck den Zeichenunterricht nachhaltig. Statt künstlerische Schemata zu verwenden (was damals in den Akademien üblich war), sollten die Schüler sich an der Natur orientieren und daraus ihre künstlerische Phantasie schöpfen.

Als im Jahr 1906 am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium (heute: Max-Planck-Gymnasium) in Trier die Stelle des Zeichenlehrers neu besetzt wird, fällt die Wahl auf Schneider-Postrum. Gymnasialdirektor Ernst Jakob Broicher urteilt: „Der Zeichenlehrer Anton Schneider ist sehr eifrig, auch recht tüchtig in seinem Fache. Man merkt ihm an, dass er kein gebildeter Mann ist und die Prüfung als Volksschullehrer gemacht hat. Über manche Unzulänglichkeit hilft ihm aber die Gefälligkeit hinweg, die den Österreichern angeboren zu sein scheint.“

Erst unter Direktor Theodor Kirstein änderte sich der Blick auf Schneider-Postrum im Jahr 1922: „Herr Schneider gehört zu den pflichteifrigsten Lehrern unserer Anstalt. Er ist ein geschätzter Kunstmaler, der in der Trierer Künstlergilde eine führende Stellung einnimmt.“ Diese Trierer Künstlergilde wurde im Juli 1920 gegründet. Mitglieder waren beispielsweise Professor August Trümper, Max Lazarus und Schneider-Postrums Schüler Wilhelm Buddenberg. Ein Jahr später bildete sich aus Teilen der Trierer Kunstgilde die Malergruppe Trier. Hieraus ging 1926 die Vereinigung der Trier Künstler hervor, die die Keimzelle für die Gesellschaft Bildender Künstler und Kunstfreunde im Bezirk Trier (1930) war.

In Trier besonders beliebt waren seine Radierungen mit Genrezeichnungen. Aber anders als der Berliner Grafiker Heinrich Zille ergreift Schneider-Postrum nicht für die Armen und Benachteiligten Position. Schneider-Postrum verklärt die Lage der Bevölkerung sozialromantisch. Er zeigt nichts von der bitteren Armut, unter der die Menschen, die etwa in der Krahnenstraße oder am Sankt-Barbara-Ufer lebten, leiden.

Das waren Motive, die auch den Menschen in Trier gut gefielen. Gottfried Kentenich, Direktor der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs, schreibt über Schneider-Postrum in der Einleitung zu dem von ihm im Jahr 1920 herausgegebenen und schon bald ausverkauften Bildband „Alt-Trier“, dass „Schneider-Postrum die Trierer Jugend anleitet, durch die Stadt mit seinen schönheitsfrohen Augen zu wandern“.

„Schneider Postrum war in der Trierer Kunstszene gut vernetzt“, sagt Bärbel Schulte. Er war aber auch Teil der bürgerlichen Gesellschaft Triers. So war er Mitglied der Freimaurerloge „Zum Verein der Menschenfreunde im Orient Trier“ und mit wichtigen Honoratioren der Stadt befreundet, für die er immer wieder künstlerisch aktiv war. 1933 trat Schneider-Postrum in die NSDAP ein, von deren Mitgliederlisten er aber zwei Jahre später wieder gestrichen wurde – vermutlich, weil der Pensionär seine Mitgliederbeiträge nicht zahlte. Ein Grund hierfür könnte sein, dass es die Reichskulturkammer abgelehnt hatte, den Maler in die Reichskulturkammer aufzunehmen – faktisch kam dies einem Verbot gleich, die Bilder der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Schneider-Postrum starb am 24. Mai 1943 in Trier. Übrigens gab er sich den Zusatz Postrum in Erinnerung an seinen Heimatort selbst, um nicht mit einem gleichnamigen Lehrer am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium verwechselt zu werden.

 Ein Porträt des Malers und Lehrers Anton Schneider-Postrum.
Ein Porträt des Malers und Lehrers Anton Schneider-Postrum. Foto: Stadtmuseum Simeonstift

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 30. August im Stifterkabinett zu sehen. Das Stadtmuseum Simeonstift ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.