"Blue Jeans" bald im Großen Haus Theater Trier

Theater : Vorwärts in die Fünfziger, zurück ins Wirtschaftswunder

Ulf Dietrich inszeniert seine Revue „Blue Jeans“ im Großen Haus des Theaters Trier.

Es werde keine schenkelklopfende Witzeshow werden, verspricht Ulf Dietrich, Schöpfer (zusammen mit dem Schweizer Tänzer und Schauspieler Jürg Burth) und Regisseur (alleiniger) der Revue „Blue Jeans“. Obwohl: Beim Lesen der Inhaltsangabe scheint einen der Geist von Heinz Erhardt, Peter Alexander, Caterina Valente und all den Stars und Sternchen zu umwehen, die das popkulturelle Leben der 1950er- und 60er-Jahre prägten.

Und darum geht’s: Ein Kaufhausbesitzer und ein Baustadtrat in einer kleinen Stadt in Deutschland wollen ihren Nachwuchs vermählen. Doch aus der geplanten Geschäftsallianz wird eine Mesalliance, als Lisa sich in den Automechaniker Tom verknallt und dem für sie vorgesehenen Frank den Laufpass gibt. Und die Musik spielt dazu Hits, die damals aus dem Grundigempfänger dröhnten...

„Blue Jeans“ – das war vor nunmehr 60 Jahren nicht bloß ein Kleidungsstück, über das die Erwachsenen die Nase rümpften. Die robusten Hosen, von den damaligen Eltern und Großeltern gern auch „Nietenhosen“ genannt, waren eine Botschaft, ein Statement, eine Protestansage. Dietrich erinnert sich, dass er selbst in diesen Hosen nicht zur Schule durfte, damals in Bonn, wo er aufgewachsen ist. Und so fließt wohl auch einiges von seinen eigenen Erinnerungen in das Stück, das mittlerweile selbst ein Vierteljahrhundert alt ist.

Gibt es in Trier exakt die Version der Uraufführung zu sehen? „Wir haben uns überlegt, ob wir etwas ändern sollen“, sagt er. „Und haben es, abgesehen von einigen Kleinigkeiten, nicht getan, weil es ein Stück über die deutsche Vergangenheit ist, und die ist nun mal nicht zu verändern.“ Allerdings habe sich die Wirkung des Stücks verändert – auch bei ihm selbst. „Bei der ersten Leseprobe habe ich manche Stellen mit anderen Augen gesehen. Der ganze Flucht- und Vertriebenenaspekt hat im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdiskussion heute einen ganz anderen Geschmack als damals, als man sich über jene Leute lustig machen konnte, die angeblich riesige Landgüter in Ostpreußen besaßen.“

Was nichts am schwarzen Humor ändere, der dem Stück innewohne. „Wir amüsieren uns schon über deutsche Befindlichkeiten, Vorurteile und Klischees. Dinge, die heute ,politically incorrect‘ sind, finden auf der Bühne einfach statt durch die Aktionen und das Verhalten der Figuren. Zugleich hat es einen kabarettistischen Anstrich vor allem in der Figur der Haushälterin, deren Bibel die Benimmschule der Erica von Pappritz ist.“ Pappritz, die im „Dritten Reich“ das diplomatische Corps betreute, kam, wie so viele ihrer Generation, unbeschadet durch die Nazizeit und wurde unter Kanzler Adenauer, ebenso wie viele andere, stillschweigend rehabilitiert und Protokollchefin im Auswärtigen Amt. Die Nachwehen dieser unseligen Zeiten werden in „Blue Jeans“ ebenso unter den Teppich gekehrt wie in der realen Bundesrepublik.

Womit das Stück auch im Hinblick auf die Zeitgeschichte ein recht wirklichkeitsgetreues Bild der damaligen kollektiven Verschwiegenheit abgibt.

Kaum vorstellbar auch, dass Frauen so gut wie keine Rechte hatten. Die einzige Aufstiegsmöglichkeit bestand in einer standesgemäßen Ehe. „Das zu zeigen, finde ich schon sehr wichtig, damit wir erkennen, wo wir herkommen, und uns nicht in modernem Hochmut über andere Kulturen erheben, die diese Errungenschaften (noch) nicht haben“, meint Dietrich. Es sei jedoch kein „Erziehungsstück“, schränkt der Regisseur ein. „Aber es will mit einem humoristischen Blick noch einmal auf die Zeit aufmerksam machen. Vor allem auf die Konflikte zwischen Jugend und Kriegsgeneration. Die sich nicht nur in den Blue Jeans manifestiert, sondern vor allem auch in der Musik, im Rock’n’Roll, der dem Schlager den Krieg erklärt. Rock’n’Roll war Negermusik, und es gab viele, die ihn, wie es fünfzehn, zwanzig Jahre früher noch möglich gewesen wäre, am liebsten einfach verboten hätten.“

Und das, was zwei Dekaden zuvor in Deutschland passierte, kommt auch zur Sprache – in kleinen, spitzen Nebenbemerkungen, wie Dietrich erklärt. „Da muss man nicht in die Tiefe gehen. Es reicht eine Anspielung – und die Zuschauer wissen Bescheid.“

Auf jeden Fall, da ist sich der Regisseur sicher, schwimmt er mit der Neuauflage seines Stücks auf einer Welle, die derzeit gerade wieder Fahrt aufnimmt: die 50er Jahre. Im Moment, hat er festgestellt, herrscht ein großes Interesse daran, sich darüber zu informieren, „wo wir herkommen und wie wir wurden, was wir sind“. „Blue Jeans“ ermöglichst also Vergangenheitsbewältigung auf die amüsante Art.

Premiere ist Samstag, 19. Januar, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Karten unter Telefon 0651 / 718-1818.

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