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Theater
Spielsucht als Berufsrisiko

Boris C. Motzki hat sich Dostojewskis „Spieler“ angenommen und eine Fassung für drei Schauspieler*innen geschrieben.
Boris C. Motzki hat sich Dostojewskis „Spieler“ angenommen und eine Fassung für drei Schauspieler*innen geschrieben. FOTO: Theater / Theater Trier
Trier. Noch eine Uraufführung: Boris C. Motzki inszeniert seine Version von Dostojewskis „Spieler“ Von Dr. Rainer Nolden

Manchen Menschen läuft das Glück geradezu hinterher. Oder zumindest dessen kleiner Bruder: der glückliche Zufall. Boris C. Motzki gehört zu diesen Menschen. Als der Regisseur noch Student war, besuchte er ein Casino, setzte aus einer Laune heraus zehn Mark – und gewann 350. Gerade wollte er seine Chips einlösen, als ihm der Croupier hinterherrief, er  habe einen davon auf seiner Glückszahl liegengelassen – und noch einmal 350 Mark gewonnen. „In diesem Moment juckt es einen natürlich in den Fingern“, erzählt Motzki. „Soll ich – oder soll ich nicht weitermachen? Schließlich hatte ich noch nie so schnell so viel Geld verdient. Aber ich habe es nicht mehr gesetzt, sondern das Casino sofort verlassen. Und seitdem auch nie wieder gespielt.“

So charakterstark ist Alexej, Lehrer im Haushalt eines Generals in Roulettenburg (!), nicht. Er entdeckt das Spiel für sich und versinkt im Sumpf seiner Sucht. Fjodor M. Dostojewski hat die Geschichte einer tragischen Passion 1867 in weniger als einem Monat geschrieben und eigene leidvolle Erfahrungen verarbeitet, die er beim Roulettespiel in Wiesbaden gemacht hat. Der Stadt hat er, so sagen seine Werkdeuter, im fiktiven Roulettenburg ein Denkmal gesetzt; diesen Ruhm beansprucht auch allerdings die Casinostadt Bad Homburg für sich.

„Der Spieler“ ist bereits mehrfach für die Bühne bearbeitet worden; 1917 hat Prokofjew eine Oper daraus gemacht, es gibt allein vier deutsche Filmversionen, und in einer französischen spielen Gérard Philipe und Lieselotte Pulver die Hauptrollen. Die Umstände in Trier erforderten freilich eine weitere Fassung. „Zum einen ist das Kasino, das natürlich eine ideale Spielstätte für einen solchen Stoff hergibt, nicht allzu geräumig“, erklärt Motzki. „Zum anderen liegt es auch an Schnitzlers ‚Reigen‘, den ich vor einigen Jahren in Wiesbaden inszeniert habe – nur mit zwei Schauspielern, die alle fünf Paare verkörperten. Caroline Stolz hat das Stück damals gesehen und mir vorgeschlagen, für Trier ein ähnliches Konzept zu erarbeiten.“

In Trierer teilen sich nun zwei Schauspieler (Niklas Maienschein, Benjamin Schardt) und eine Schauspielerin (Franziska Marie Gramss) den Abend – „wobei nur Alexej (Maienschein), der Hauslehrer und Ich-Erzähler im Roman, durchgehend besetzt ist“. Die anderen zwei schlüpfen in die übrigen rund neun Rollen, was aber, wie Motzki verspricht, für den Zuschauer keinesfalls verwirrend wird, da an Sprechweise und Requisiten zu erkennen sein soll, wer gerade wen spielt.

Er sei zwar mit der Vorlage recht frei umgegangen, dennoch: „Wir erzählen den Plot genau nach. Als ich den Roman wieder gelesen habe, ist mir klargeworden, wie grotesk er eigentlich ist. Deshalb ist auch meine Fassung sehr grotesk geworden.“ Was für die Schauspieler eine „tour de force“ sei, weil sie in rascher Folge schnelle Szenenwechsel – auch akrobatisch – zu bewältigen haben, solle für die Zuschauer eine „tour de farce“ werden. Auf einer weiteren Bedeutungsebene stehe das Spielen – nicht nur das mit den Chips, sondern auch das der Darsteller – sowie das Spiel als Sucht oder als Rausch. Schließlich gebe es auch noch einige Anspielungen popkultureller Natur – auf Filme, auf andere russische Werke – die man aber nicht unbedingt kennen müsse, um das Stück genießen zu können, wie Motzki versichert: „Schließlich wollen wir mit dem Abend möglichst alle Besucher unterhalten.“ Diejenigen, die etwas Klassisches erwarten, sollen nicht abgeschreckt, und diejenigen, die „unvorbereitet“ ins Kasino kommen, sollen über den Humor „gefangengenommen“ werden.

Bei der Arbeit ist Motzki übrigens sein eigenes Casino-Erlebnis als Student zugutegekommen: „Spielen, und das im doppelten Sinn, hat ja durchaus seinen Reiz. Diesen Reiz konnte ich dank meiner eigenen Erfahrungen immer wieder heraufbeschwören. Dass man unter solchen Umständen schnell süchtig wird, ist eigentlich gar nicht so verwunderlich. Genauso ist es beim Schauspielen, da kann man auch süchtig werden. Wieso sollte sonst ein eigentlich vernünftiger Mensch zehn Stunden in einem dunklen Raum verbringen, um ein Stück zu proben, wenn draußen die Sonne scheint? Das kann doch nur eine Art von Sucht sein!“ Spielsucht eben.

Premiere ist am Sonntag, 3. Juni, 18.30 Uhr, im Kasino am Kornmarkt; Karten unter Telefon 0651/718-1818.