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Buchkritik Thomas Schuler, Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa

Literatur : Zeitreise zu einer Reizfigur

Mehr als eine halbe Million Bücher gibt es über Napoleon Bonaparte. Und es kommen immer noch neue hinzu. Obwohl der französische General und Kaiser nächstes Jahr 200 Jahre tot ist, scheint über ihn noch längst nicht alles geklärt zu sein.

Napoleon polarisiert, er hat bis heute viele Fans und erbitterte Feinde. Einen besonderen Zugang schafft der Historiker Thomas Schuler: Er unternahm Reisen zu neun Schauplätzen seines Wirkens und spürt dort den überlieferten Geschichten nach. Das beginnt auf dem jahrtausendealten Weg über den Alpenpass Großer St. Bernhard und führt über London, Regensburg, Venedig, Paris, Berlin, Moskau und Kaub am Rhein bis nach Waterloo, den Ort, an dem 140 000 Soldaten sich im Juni 1815 eine der infernalischsten Schlachten der Geschichte lieferten. Heute ist er ein Hotspot des Massentourismus.

Historische Fakten präsentiert Schuler eher beiläufig – ihm geht es vielmehr um die Spuren des Vergangenen, die an den Orten zu finden sind und vielleicht das Verständnis heute erleichtern. Wie war es, mit 46 000 Mann im Mai 1800 über die Alpen zu ziehen? Mit Tausenden Tieren und Waffen? Und warum ist das überlieferte Bild vom Reiter in Caesarenkluft so krass anders als die belegbaren Fakten  vom Monarchen auf einem Maulesel? Warum – umgekehrt – wird Napoleon für Kriege verantwortlich gemacht, die nicht er angezettelt hat? Etwas Geheimnisvolles umgibt den Herrscher weiter, das Schuler ergründen will.

Dafür kraxelte er zur einstigen Herberge auf den St. Bernhard, stellte sich auf den Felsen nahe Trafalgar, badete im Njemen, besuchte den Wald vor Moskau und spazierte am Ufer der Beresina entlang, wo noch zahlreiche Relikte an den mörderischen Rückzug der französischen Armee aus Russland erinnern. An den Schauplätzen traf Schuler Einheimische, die mit diesen Spuren leben, Leute zum Beispiel, die mit alten Kugeln und Hufeisen Geld machen, oder solche, die ein Erbe bewahren.

Unter letzteren ist der Urururenkel von Eugen de Beauharnais, Napoleons Stiefsohn und Kommandant in Russland, und der Urururenkel des berühmten preußischen Feldmarschalls von Blücher, ein Yogi und Pazifist übrigens, mit dem Schuler den Rhein bei Kaub querte und über Krieg und Frieden sinnierte.

Vielerorts zeigt sich, wie heterogen, emotional und widersprüchlich auch der kollektive Umgang mit Napoleon heute noch ist, auch in Deutschland. Schuler hinterfragt diesen aus altem Nationalismus gespeisten Umgang deutlich und wissenschaftlich fundiert. Dazu liefert er zahlreiche Bilder und Karten. Eine kurzweilige und lehrreiche Lektüre, stellenweise etwas pathetisch, an dessen Ende man sich nicht mehr wundert, warum noch weitere Bücher zu Napoleon erscheinen müssen.
Anne ­ Heucher

Thomas Schuler, Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa, C.H.Beck Verlag 2019, 26,95 Euro.