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Bundesjugendorchester überzeugt in Philharmonie Luxemburg

Kultur : Am Ende hat die Liebe gesiegt

Überwältigend: Das Bundesjugendorchester unter Kirill Petrenko spielte in der Luxemburger Philharmonie vor ausverkauftem Haus.

Grandios! Da wagen sich 110 junge Menschen an komplexe Partituren, und das Resultat ist einfach überwältigend. Da gelingt dem Bundesjugendorchester unter Kirill Petrenkos präzisem und überaus motivierendem Dirigat eine Interpretation von Strawinskys „Sacre du Printemps“, die den Atem verschlägt. Dieses Orchester ist kein Klangkörper, der nur seine Aufgaben erledigt und auch keine Formation, die für die Klippen der überaus reichen Partitur einige Mühe benötigt. Nein, das Bundesjugendorchester oder, etwas internationaler, das „National Youth Orchestra of Germany“, es strahlt eine mitreißende Aktivität aus. Von ersten, makellosen Fagott-Solo bis zum gewaltigen Schluss-Crescendo erhält Strawinskys Musik ein vielfältiges Profil – erstaunlich atmend-flexibel, differenziert im Ausdruck und dabei weit entfernt von allem Starren und Maskenhaften, das zu Unrecht als Charakteristikum dieser Tonsprache gilt. Petrenko und das Bundesjugendorchester berühren immer wieder Grenzsituationen: in der kompromisslosen Archaik der rituellen Tänze, in der Entschiedenheit des Ausdrucks, der alle romantische Expressivität hinter sich lässt, in der Präzision, in der die Rhythmen ineinander greifen wie ein modernes Räderwerk. Am Schluss entfaltet die Musik eine Suggestivkraft, die auch von der eher lärmenden Schostakowitsch-Zugabe nicht mehr überboten wurde.

Es war der eindringliche Abschluss eines großen Konzerts. Auch das „Timpani Concerto“ von William Kraft präsentierte sich im Vergleich zu Strawinsky anders, aber nicht schwächer. Der US-Amerikaner hat dieses Werk ganz aus dem Klangnaturell der Pauken entwickelt. Nicht in seiner eher neoklassischen Klanggestalt, aber doch in seiner Struktur gleicht die Komposition einem barocken Concerto grosso. Die Pauken werden Mittelpunkt einer immer wieder neu formierten Solistengruppe, einem „Concertino“. Dabei besticht nicht nur die Brillanz mit der Wieland Welzel, Solopauker der Berliner Philharmoniker, seine Instrumente beherrscht, sondern auch die Souveränität, mit der die Solisten aus dem Orchester, vor allem die Percussions-Gruppe, bei der Sache sind. Wie viel Aufmerksamkeit, Engagement und Sensibilität bringen sie ein! Und Welzel verbindet subtil rhythmische Impulse, Klänge und Tonfolgen. Vielseitiger ist wahrscheinlich kein anderes Orchester-Instrument.

Und Leonard Bernsteins Symphonische Tänze aus der „West Side Story“ zu Beginn? Diese Komposition war nicht bescheidene Einleitung, sondern ein früher Gipfel. Wieder waren die jungen Musiker genau auf dem Punkt in den komplexen Rhythmen, die diese Musik mit dem „Sacre“ verbinden. Aber sie entwickeln dazu ein Sensorium für die Nähe dieser Komposition zum Jazz - „nonchalant“ oder „with a Jazz feel“, heißt es in der Partitur. Mehr noch: Wenn der zweite Abschnitt, „Somewhere“, den Traum einer friedlichen Gemeinschaft beider Teenager-Gangs schildert, dann entfalten im Orchester die Harfe und die Soli von Violine, Bratsche, Cello, Oboe und Horn eine berückend zarte Klangvision – eine der schönsten, innigsten Momente im gesamten Konzert. Das „Finale“ schließlich greift die Vision auf und verdichtet sie zu einer bewegenden Botschaft: Am Ende hat die Liebe gesiegt!