Caroline Stolz inszeniert Michael Cooneys „Cash“. Die Komödie begeistert Trier hörbar.

Kultur : Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo mehr Chaos her …

Caroline Stolz inszeniert Michael Cooneys „Cash“. Die Komödie begeistert Trier hörbar.

Draußen wütet der Sturm des Jahrhunderts. Aber der ist ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem, was sich im Haus zusammenbraut. Deshalb sei dem Zuschauer geraten, nachdem er Platz genommen hat, den Sicherheitsgurt zu schließen und irgendwie versuchen, gut durch die neunzigminütigen Turbulenzen zu kommen.

 Für die zeichnet Eric Swan verantwortlich, der gleich mehrere Leichen im Keller hat (was teilweise durchaus wörtlich gemeint ist), um sie finanziell auszuschlachten – mit Hilfe des Sozialamts, das bereitwillig alle möglichen Unterstützungsgelder für fiktive Untermieter zahlt, die längst nur noch auf dem Papier existieren. Für Eric eine geniale Masche, seiner Frau die eigene Arbeitslosigkeit zu verheimlichen und jährlich summa summarum 1,5 Millionen Euro Staatsknete zu kassieren.

Das geht so lange gut, bis ein Mitarbeiter vom Sozialamt an der Tür läutet, um persönlich mit den diversen Bittstellern zu reden. Damit beginnt das Stück und für Eric eine Höllenfahrt, im Vergleich zu der Dantes Inferno ein feuchtfröhlicher Kegelausflug ist. Es wird getrickst und getäuscht, geblufft und geschummelt, bis am Ende keine Person mehr weiß, ob sie noch die ist, die zu sein sie möglicherweise vorgegeben hat.

 „Cash – und ewig fließen die Gelder“ ist ein Stück für Schauspieler, die so exakt miteinander funktionieren und aufeinander abgestimmt sein müssen wie die Rädchen einer Schweizer Präzisionsuhr, andernfalls die Wirkung dieser Farce verpuffen würde wie ein nasser Feuerwerkskörper. Caroline Stolz und ihren zehn Mitstreitern auf der Bühne gelingt dieser Irrwitz mit geradezu (alp)traumhafter Sicherheit. Und jede Figur hat die Regisseurin mit individuellen Ticks und Marotten ausgestattet.

Okay, manche wirken etwas überzogen – etwa Marie Scharfs Brenda Dixon, die als Trauernde um ihren vermeintlich verstorbenen Verlobten jedes orientalische Klageweib in Grund und Boden heulen würde, oder Franziska Marie Gramss als schrille Trauerbegleiterin Sally Chassington, die mit zickiger Gestik und prominent ausgefahrenem Hinterteil für manche freiwilligen und unfreiwilligen Zusammenstöße sorgt.

Diskreter agiert etwa Florian Thunemann als Bestattungsunternehmer – ein schwarzer Schlaks mit blauen Einmalhandschuhen (für die sowie die übrigen Kostüme zeichnet Lorena Díaz Stephens verantwortlich), der im größten Chaos gewissenhaft berufsaffine Haltung an den Tag legt. Die mühsam aufrechterhaltene Würde von Barbara Ullmanns Mistress (!) Cowper dagegen erleidet spätestens beim Schleudergang der defekten Waschmaschine Totalschaden. Das Damenquartett vervollständigt Silke Buchholz als düpierte Ehefrau Linda, deren Empörungspotenzial bis zur Neige ausgereizt wird.

In ihrer Not wendet sie sich an den Sexualtherapeuten und Paarberater Dr. Chapman, aber selbst der Seelenklempner wird in den Mahlstrom der Anarchie  hineingezogen: Benjamin Schardt ist zwar um Contenance und Durchblick bemüht, verbringt aber einen großen Teil des Abends, indem er auf dem Boden sitzt und dreinblickt wie ein getretener Cockerspaniel.

Das Karussell des Wahnsinns wird am Laufen gehalten von Vilmar Bieri als Onkel George, der sich als erstaunlich strapazierfähige Leiche zu profilieren weiß, und Sebastian Muskalla als Abgesandter des Sozialamts. Im Verlauf des Geschehens fällt der prinzipienreitende Staatsbedienstete mehr als einmal vom Amtsschimmel und endet als schaumgekrönte (defekte Waschmaschine – siehe oben!) Schnapsleiche.

Die Chaoskrone aber gebührt Fabian Stromberger als vergripptem, verlobtem, verstorbenem, verweiblichtem und wiederauferstandenem (ungefähr in der Reihenfolge) Norman Bassett, der das komödiantische Spätzünder-Prinzip auf die Spitze treibt und zum fast willenlosen Spielball von Eric Swan wird, jenem Obergauner, Schlitzohr und Sozialbetrüger, dem Wolfgang Böhm Stimme, Statur und Stock verleiht. Er schafft es sogar – zumindest eine Zeitlang –, die Fäden des Geschehens zu halten.

Da er dafür allerdings etwa zehn Hände bräuchte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich in seinem selbst gehäkelten Gewirr verheddert und in einem Anfall von Wahnsinn … Vielleicht sollte man an dieser Stelle besser abbrechen, um die Pointe nicht vorwegzunehmen.

Durch die erschließt sich dann auch, quasi in letzter Minute, die Bedeutung des Bühnenbilds (Jan Hendrik Neidert): eine ins scheinbar Endlose erweiterte Reihe der immergleichen Tür (obligates Element aller Boulevardkomödien), der immergleichen Truhe, des immergleichen Telefons und Garderobenständers samt Mantel plus der immergleichen Zimmerpflanze. Ebenso könnte auch die Geschichte als Endlosschleife immer weitergehen …

Aber irgendwann endet glücklicherweise selbst der turbulenteste Flug, und der Zuschauer löst, nachdem er seinen Beifall gleichmäßig auf alle Schwindler, Gauner, Betrüger und Strippenzieher verteilt hat, ermattet den Sicherheitsgurt und flüchtet sich in die relative Sicherheit der Weinbar.

Cash im Theater Trier. Foto: TV/Foto: Simon Hegenberg

Die nächsten Aufführungen:  10., 13., 23. März, 4., 15. April, 13., 31. Mai und 22. Juni; Karten: 0651/718-1818.