Chilly Gonzales stellt in Kerpen in der Eifel zweites Gonzervatory vor

Grammy-Preisträger : Starpianist Chilly Gonzales überraschend zu Gast in Kerpen in der Eifel

Der Grammy-Preisträger Chilly Gonzales hat mit sechs jungen Musikern seines Förderprogramms „Gonzervatory“ die Eifel für ein Konzert besucht. Im „Das kleine Landcafé“ in Kerpen (Landkreis Vulkaneifel) stellten die Musiker im intimen Rahmen die Ergebnisse eines zehntägigen Workshops vor.

Knisternde Spannung liegt in der Luft. Jeder Hocker, jeder Stuhl, jedes Eckchen im „kleinen Landcafé“ ist besetzt. So richtig scheint es noch immer kaum jemand zu glauben, doch dann steht er in voller Pracht auf der Bühne: Ausnahmepianist und Grammypreisträger Chilly Gonzales gibt sich im obligatorischen Herrn-von-Eden-Bademantel samt Pantoffeln und Pyjamahose in der Eifel die Ehre und verzückt seine Zuhörer. Mit dabei: sechs Nachwuchsmusiker aus der ganzen Welt, allesamt Teilnehmer seines „Gonzervatorys“.

Zum zweiten Mal rief er im Frühjahr 2019 junge Musiker dazu auf, sich für den zehntägigen Workshop in seiner Wahlheimat Köln zu bewerben. Einzige Bedingung: sie sollten selber komponieren und bereit sein, auf der Bühne ihre Kunst vor Publikum in Szene zu setzen. Sechs Stipendiaten haben es letztlich geschafft. Mit dabei ist auch der Gitarrist und Sänger Marvin Hoffmann aus Wiesbaum (Verbandsgemeinde Gerolstein). Ihm ist der unerwartete Besuch des Weltstars zu verdanken.

„Für uns ist der heutige Abend wie ein Sechser im Lotto“, sagt Claudia Kirfel-Meyer, Inhaberin des „kleinen Landcafés“ vor Konzertbeginn. „Vor ein paar Wochen bekam ich einen Anruf. Ein netter junger Mann fragte, ob es möglich sei, hier bei uns aufzutreten“, erzählt sie. Soweit so gut und auch nicht gerade ungewöhnlich, als Veranstaltungsort für Kunst, Kleinkunst und Konzerte hat sich „Das kleine Landcafé“ durchaus einen Namen gemacht, was aber hinter der Anfrage steckte, sollte Kirfel-Meyer dann doch überraschen.

„Ziemlich schnell fiel der Satz: ’Kennen sie Chilly Gonzales?’“ Es habe sich also nur um einen Scherzanruf eines ihrer Kölner Freunde handeln können, erzählt die Wirtin weiter und lacht, das war es nämlich keinesfalls. Vielmehr suchte Vinnie, so der Künstlername von Marvin Hoffmann, einen Auftrittsort in seiner Heimatregion, wo Gonzales zusammen mit seinen Schützlingen vor dem großen Abschlusskonzert in der Kölner Kantine am Freitag – übrigens ist es restlos ausverkauft – im kleinen Rahmen auftreten könnte. Und der große Mann im Bademantel scheut nicht die Nähe zum Publikum.

„Dieses Konzert ist nur ein logischer Schritt in meiner Karriere“, stellte Gonzales in einer seiner launigen Moderationen fest. „Erst kommen zwei Auftritte in der Elbphilharmonie – übrigens beide in 40 Minuten ausverkauft – und dann geht es zum Höhepunkt nach Kerpen ins Landcafé“. Ein guter Gag, angesichts der offensichtlichen Freude, die ihm die Nähe zum Publikum bereitet, drängt sich der Verdacht auf, dass hier doch ein Funken Wahrheit gesprochen wird. Gonzales scheint den Auftritt sehr zu genießen, plaudert mit den Besuchern, erklärt, wie er komponiert und startet sogar kurzerhand eine kleine Trainingseinheit mit dem Publikum. „Ich lernte, dass Deutsche nicht gern singen, wenn sie nüchtern sind. Das seid ihr nicht. jetzt wird gesungen.“

Von zart bis hart, von Neoklassik bis Swing, von 70er-Rock bis zur Jazz-Improvisation reicht Gonzales’ Klavierspiel an diesem Abend. Eine Kleinigkeit wird besonders erfahrenen Gonzales-Konzertbesuchern aufgefallen sein: Auch wenn der kanadische Wahlkölner sonst dazu neigt, den dandyesken Entertainer zu geben, im Laufe eines Konzerts gern auch mal zum großen Zampano wird, fällt es ihm überraschend leicht, einen Schritt zurück zu treten und seinen Schülern den nötigen  Raum zum Entfalten zu geben.

Mal alleine, dann wieder als Duo oder sogar als sechser-Combo plus Meister stellen sie die Ergebnisse ihrer zehntägigen Arbeit vor. „Wir gingen in unterschiedlich Weise an die Arbeit. In einem ersten Schritt haben wir musikalische Liegestütze gemacht. Schnell und unter viel Druck mussten die Musiker komponieren“, sagt Gonzales. Zehn Minuten mussten da auch mal reichen, um eine ganze Melodie zumindest als Konzept zu entwickeln und vorzuspielen. Die vorgestellten Ergebnisse verblüffen.

Wenn Vinnie und Danielle (Danielle Price) ihren Gitarren-Blues „Always on my mind“ vorstellen, dann ist sowohl handwerklich, als auch in Sachen Kreativität den Nachwuchskünstlern keinen Moment anzumerken, dass der Song unter enormem Zeitdruck entstanden ist. Irgendwo zwischen der Rauheit einer Anna Calvi und den mitreißenden Strukturen eines modernen Flamenco-Stückes ziehen die Musiker die Zuhörer binnen Sekunden in ihren Bann. Gonzales weckt ganz offensichtlich Kräfte und Talente in seinen Zöglingen, von denen sie selber kaum etwas ahnten.

„Nach ein paar Tagen fingen sie an, ganze Songs zu spielen, ohne sich vorher vorzubereiten“, berichtet der Lehrmeister. Er habe jeden gebeten, Songtitel aufzuschreiben, zu denen es kein Lied bisher gab. Jeder zog einen Titel aus einem Hut und spielte drauf los. „Wenige Minuten später gab es dann Songs zum Titel, und die sind echt gut“, sagt Gonzales.

So frei die Künstler bei ihm komponieren dürfen, so frei sind sie auch in puncto Genres-Grenzen. In einem Augenblick erinnert ein Stück von Carola Zelaschi noch an die Violinen-Loop-Experimente eines Owen Palletts, nur um dann Sekunden später in Begleitung von Mascha (Mariya Peleshko) an die schönesten Prog-Rock-Augenblicke der frühen 70er-Jahre zu erinnern.

Der Meister und seine Schützlinge haben das Kleine Landcafé in Kerpen besucht. Foto: TV/Frank Auffenberg

Und Gonzales? Der sitzt, während seine Schüler alles geben, in seinem Bademantel mitten unter ihnen, lächelt hier, grinst dort und fühlt sich offensichtlich pudelwohl inmitten soviel überschäumender Kreativität – die er ja letztlich auch herausgekitzelt hat. Ein Wermutstropfen bleibt zum Schluss: Das Konzert ist viel zu schnell vorbei.

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