Christoph Heins "Gegenlauschangriff" hat schon vor seinem Erscheinen zu heftigen Kontroversen geführt

Aufgeschlagen : Heftige Kontroversen

Christoph Heins „Gegenlauschangriff“: Große Peinlichkeiten, private Niederlagen, arrogante Wessis.

Für beträchtlichen Wirbel schon vor seinem Erscheinen gesorgt hat Christoph Heins schmaler Band „Gegenlauschangriff“. Denn die „Süddeutsche Zeitung“ hatte als Vorabdruck ein Kapitel der im Untertitel ketzerisch als „Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ bezeichneten Lebenserinnerungen des renommierten ehemaligen DDR-Schriftstellers veröffentlicht.

In „Mein Leben, leicht überarbeitet“ erzählt Hein, dass er seinen Namen aus dem Vorspann von Florian Henckel von Donnersmarcks mehrfach ausgezeichnetem Film „Das Leben der Anderen“ (2006) tilgen ließ. Grund: Er habe sich zwar als Berater – des namentlich nicht genannten Regisseurs aus dem Westen – zur Verfügung gestellt, aber „Das Leben der Anderen“ „beschreib(e) nicht die Achtzigerjahre in der DDR, der Film (sei) ein Gruselmärchen“. Auch sein eigenes Leben habe er nicht wiedererkannt.

Aus dieser ersten Anekdote ergibt sich auch gleich Peinlichkeit Nummer eins: Hein, der für seine großen Werke immer gewissenhaft recherchierte, nimmt’s mit seinem eigenen Leben nicht so genau: Denn „Das Leben der Anderen“ besitzt gar keinen Vorspann, sondern einen Abspann, was Hein später selbst auch einräumt. Im gedruckten Buch ist die inkriminierte Passage bereits abgeändert.

Kommen wir zu Peinlichkeit Nummer zwei, die inzwischen bereits weite Kreise gezogen hat: In der Anekdote „Dass einer lächeln kann und lächeln“ wirft Hein einem ehemaligen DDR-Korrespondenten des „Spiegel“ vor, ein „Schurke“ zu sein bzw. „Für mich hatte er sich damit selbst als Schurke entlarvt.“ Auf diese Situation – seiner Anekdote nach von 1993 – angesprochen, verhaspelt/vertut sich Hein mehrfach, als er den Namen des „Spiegel“-Mitarbeiters nennen soll, muss schließlich zugeben, dass auch weitere genannte Einzelheiten wie Jahreszahl des Gesprächs oder Zahl der seine Stasi-Akte eingesehen habenden Journalisten (nach Hein „mehr als achtzig“, laut „Spiegel“-Recherche in der Stasi-Behörde jedoch nur gerade mal vier (!), aber auch nicht die zuletzt von Hein genannten Redakteure Volker Hage und Martin Doerry, vom Nachrichtenmagazin überhaupt kein Mitarbeiter). Hein dazu: „Ich bedauere die Fehler sehr“ (Zeit Online, 27. März 2019).

Volker Hage wendete sich jüngst in einem offenen Brief „Lieber Christoph Hein“ bei „Zeit Online“ (3. April 2019) gegen diese Verunglimpfung seiner Person. „Spiegel“-Redakteur Volker Weidemann schreibt resümierend zu dieser Kontroverse: „Wenn die Selbstverteidigung der eigenen Erinnerung jedoch gegen alle Fakten beleidigend wird, kommt die dichterische Selbstbehauptung an ihre Grenzen“ („Spiegel“ 13, 23.3.2019, S. 113).

Christoph Hein wurde am 8. April 75 Jahre alt. Mit seinen Lebenserinnerungen gedachte er sich gleichsam selbst zu beschenken. Doch der Autor solch großartiger Werke wie „Drachenblut“ (1982; in der DDR unter dem Titel „Ein fremder Freund“ erschienen) oder „Horns Ende“ (1985), der auch zu internationalem Erfolg gelangte, war plötzlich nach der Wende nicht mehr so bedeutend wie zuvor. Das merkt der aufmerksame Leser auch an den ­Anekdoten dieses „Gegenlauschangriffs“, in dem Hein insgesamt 28 Begebenheiten aus der Zeit des Kalten Krieges und auch der Wendezeit erzählt. Das Buch ist meist in denjenigen Erzählungen am besten, wenn es nicht um Hein selbst geht. Wenn er nicht versucht, seine eigene Bedeutung an den Geschehnissen in den Vordergrund zu stellen. Ausgespart bleibt zudem stets der Aspekt, dass Hein ja in der DDR zu den Privilegierten gehörte; er durfte bereits vor dem Mauerfall – etwa zu den Premieren seiner Stücke – in den Westen reisen.

Von den dargebotenen Anekdoten kennt man eigentlich viele auch bereits aus anderen Erzählungen – etwa die Titelanekdote vom „Gegenlauschangriff“ in Schauspieler Manfred Krugs Wohnung auf die DDR-Kulturoberen. Im wahrsten Sinne des Wortes abserviert wurde er wohl tatsächlich mit äußerst offensichtlichen Argumenten bei der Besetzung der Intendanz am Deutschen Theater in Berlin von den westlichen Kulturmachern im Frühjahr 2004, wie Hein in „Der Neger“ schildert.

Herrlich bezeichnend und zugleich aber auch traurig die Anekdote um Dramatiker Heiner Müller, der sich zur Wendezeit in einem traditionsreichen Münchner Café aufhält, als auf dem Bildschirm eines Fernsehers bei Montagsdemonstrationen protestierende Ostdeutsche auftauchen und skandieren „Wir sind das Volk!“ Gegenüber von Müller sitzt eine vornehme ältere Dame, die da plötzlich aufspringt und zum Fernseher hin laut ruft: „Ja, ihr seid das Volk. Und das sollt ihr auch bleiben.“ Besser lassen sich die Ressentiments auch heute nicht beschreiben.

Buchcover "Gegenlauschangriff". Foto: TV/Suhrkamp-Verlag

Christoph Hein: Gegenlauschangriff. Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege, 126 Seiten, Suhrkamp Verlag, 14 Euro.

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