1. Nachrichten
  2. Kultur

Codex Menesse: ein Bild der höfischen Gesellschaft im Mittelalter

Geschichte : „Ich saz ûf eime steine“

Eine Kostbarkeit mittelalterlicher höfischer Kultur ist der Codex Manesse mit seiner Liedersammlung und seiner Buchkunst. Noch bis Sonntag ist er in der Landesausstellung in Mainz im Original zu sehen.

Das waren noch Zeiten, als die Mächtigen auch Dichterfürsten waren. „Ehe ich sie aufgäbe, gäbe ich lieber die Krone her“ bedichtete Kaiser Heinrich VI. (1165-1197) eine Geliebte. Wörtlich ist das allerdings kaum zu nehmen. Der gebildete Staufer war als Minnesänger lediglich der Liebe als Ideal verpflichtet.

Nachzulesen ist die hochherrschaftliche Liebeslyrik in der berühmtesten mittelalterlichen Liederhandschrift, dem Codex Manesse. Es gibt Bücher, von denen geht ein Zauber aus, den man nur schwer beschreiben kann, der einen aber doch unmittelbar in seinen Bann zieht. Vielleicht auch deshalb, weil es sich um unerreichbare Kostbarkeiten handelt, derer man höchstens durch die Glasscheibe ansichtig wird. Eines davon ist die „Große Heidelberger Liederhandschrift“, wie der Codex Manesse nach seinem aktuellen Aufbewahrungsort auch genannt wird.

Nach einer Odyssee lagert die Sammlung seit 100 Jahren im Tresor der Heidelberger Universitätsbibliothek. Nur ausnahmsweise wird sie gezeigt, das letzte Mal vor zehn Jahren. Jetzt ist sie in der rheinland-pfälzischen Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ im Landesmuseum Mainz zu sehen. Mit Blaulicht und Polizeieskorte wurde der mit 80 Millionen Euro versicherte Prachtband aus dem 14. Jahrhundert, dessen bebilderte Sammlung feudaler mittelhochdeutscher Lyrik von unschätzbarem kulturellen Wert ist, vom Neckar an den Rhein gebracht.

Aus dem Besitz der Züricher Patrizierfamilie Manesse stammt die bereits um 1300 grundgelegte Liedersammlung. Berühmt war sie offenbar schon früh. «Wo fände man so viele Lieder beisammen? Man fände sie nirgends sonst im Königreich, wie sie hier in Zürich in Büchern stehen“. lobt der Minnesänger Johannes Hadlaub das „Liederbuoch“ der Familie Manesse, das erst im 18. Jahrhundert durch den Schweizer Gelehrten Johann Jakob Bodmer den Namen Codex Manesse erhielt.

Ihre zeitlose Attraktivität verdankt die über 800 Pergamentseiten umfassende Sammlung mittelhochdeutscher Laienlieder (Lieder von weltlichen Dichtern) außerhalb von Spezialistenkreisen ihren Illustrationen. Mit seinen 137 ganzseitigen Minnesänger-Miniaturen ist der Codex Manesse ein Zeugnis feinster gotischer Buchkunst. Im Miteinander von Dichtung und Bildern vermittelt er ein Bild mittelalterlicher höfischer Kultur. Neben der idealisierten Darstellung der Minnesänger berichten die Miniaturen farbenprächtig und lebendig vom feudalen Vergnügen der Jagd, beim Angeln oder Brettspiel, von aufspielenden Musikanten, prächtigen Ritter-Turnieren, anmutigen Damen und zinnenbewehrten Burgen.

Angeführt wird die Reihe der durchwegs adeligen Minnesänger vom eingangs erwähnten Kaiser Heinrich. Streng hierarchisch folgen ihm königliche Sänger, Fürsten und Grafen bis hin zum einfachen Ritter. Der bis heute populärste Minnesänger bleibt Walther von der Vogelweide: „Ich saz ûf eime steine“:

Sitzend und mit übereinandergeschlagenen Beinen die Reichspolitik bedenkend, zeigt ihn die bekannte Miniatur. Nicht nur Politik war freilich sein Ding. Auch wenn es um die „Minne“ ging, dem mittelhochdeutschen Wort für Liebe, war der Sänger, dessen Herkunft unbekannt ist, äußerst feinsinnig. „Unter der Linde an der Heide “, beginnt eines seiner schönsten Liebeslieder.

Als Stars ihrer Zeit und Nachfahren der provenzalischen Troubadoure zogen Walther und seine Kollegen durchs Land, lebten an kaiserlichen und fürstlichen Höfen, unterhielten die höfische Gesellschaft mit ihren Liedern und konkurrierten im Sängerwettstreit. Begleitet von den zierlichen Klängen ihrer Laute oder Harfe oder von andern Musikern, leisteten sie ihren „Frauendienst“. Dabei besangen sie in kunstvollen Texten, in Rede und Gegenrede die Liebe zu einer notwendigerweise „tugendhaften“ adeligen Frau. All das als Idealvorstellung, auch wenn so mancher Text vermuten lässt, dass der ein oder andere Sänger sein dichterisches Liebeswerben auf einschlägige Feldversuche stützte.

Manch ein Minnesänger liebte es griffiger, wie der zu seiner Zeit populäre Neidhart von Reuental, der die unkultivierten, den Ritterstand kopierenden Bauern aufs Korn nahm. Nicht nur um irdische Liebe ging es. Der Jungfrau Maria widmet sich in seinen Liedern Heinrich von Meißen, dessen Beiname „Frauenlob“ Programm ist. Neben der Liebe bestimmte die Politik, der „Reichston“ den Themenkanon.

In den Spruchdichtungen mischten sich die Sänger in die Tagespolitik ein, allen voran Walther von der Vogelweide. Schon damals war Lyrik wohl keine massenkonforme Veranstaltung. So beklagte sich Walther bitter über die betrunkenen Ritter am thüringischen Hof, die seinen Vortrag störten oder verschliefen. Bisweilen führten Neid und Konkurrenz zu erbittertem Streit, wie etwa mit dem selbstbewussten Wolfram von Eschenbach. Übrigens:

Wer nach dem Ausstellungsbesuch einem Minnesänger ganz nah sein will, kann im Kreuzgang des Mainzer Doms das Grab des Sängers Frauenlob besuchen.

Der Codex Manesse ist die berühmteste Liederhandschrift des Mittelalters. In dieser Zeit dichteten nicht nur Minnesänger wie Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (Bild rechts) Liebeslieder, sondern auch deutsche Kaiser, wie etwa Heinrich VI. Foto: TV/Katharina de Mos
Minnesänger Henirich von Meißen genannt Frauenlob in einer Miniatur des Codex Manesse, Foto und Copyright Universitätsbibliothek Heidelberg Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg

Die Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ endet am 18. April. Sie ist mittwochs bis sonntags zwischen 10 und 17 Uhr, dienstags von 10 bis 20 Uhr geöffnet; jeden dritten Freitag im Monat von 10 bis 21 Uhr (Ausnahme: Dezember). Der Codex Manesse ist noch bis Sonntag, 18. Oktober, im Original zu sehen, anschließend als Faksimile. Weitere Infos unter www.kaiser2020.de/landesausstellung