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Musical
Comedy-Musical: Den alten Marx tiefer gelegt

Heute hauen wir auf die Pauke: Mortimer Pickledigger (Tony Marshall) feiert mit Banker Manfred Acreman (Wolfgang Boos).
Heute hauen wir auf die Pauke: Mortimer Pickledigger (Tony Marshall) feiert mit Banker Manfred Acreman (Wolfgang Boos). FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Ein Comedy-Musical mit Karl Marx im Titel – funktioniert das in der Trierer Europahalle? Nur so mittelgut. Am Ensemble scheitert’s nicht. Von Andreas Feichtner
Andreas Feichtner

Der junge Mann, der fälschlicherweise für Karl Marx gehalten wird, sitzt in der Badewanne. Er lässt sich den Rücken schrubben von einer russischen Haushälterin, die die meisten im Saal nur als Iffi Zenker identifizieren, „Lindenstraßen“-Establishment seit 1985. Zwei junge Damen sitzen neben der Wanne, machen Seifenblasen. Daneben steht Tony Marshall, alias Mr. Pickledigger. Keiner weiß, warum. Sie singen das Lied „Blubberblasenparty“. Es geht um, richtig, Blubberblasen. Und darum, Karl Marx auch mal unterhalb der Gürtellinie zu verstehen. Am Bühnenrand werden derweil willkürliche Marx-Zitate vorgelesen. Das Beste vom Manifeste, sozusagen.

Das ist nur eine Szene aus dem Comedy-Musical „Come back, Karl Marx“, das am Freitag und Samstag noch ein zweites und drittes Mal in der Europahalle zu sehen sein wird. Wenn Sie sich nun die Frage stellen: „Was soll das bitteschön?“ – Dann gibt’s darauf nur eine Antwort: Machen Sie es nicht. Wirklich nicht. Wer hinterfragt, bleibt dumm. Es trübt nur den Unterhaltungsfaktor des Musicals, der durchaus vorhanden ist, wenn man denn nach einigen Songtexten à la „Steck dir dein Flugzeug in den Hintern“ oder „Au, Au, Aufmerksamkeit“ grundimmunisiert ist. Denn da spielt ein engagiertes Ensemble, das Spaß hat an einem Musical, das sich selbst zwar nicht ernst nimmt und alles comicmäßig überzeichnet, das aber letztlich auch nicht viel lustiger ist als das Kommunistische Manifest.

Comedy-Musical „Come back, Karl Marx“ feiert in Trier Premiere (Fotos) FOTO:

Apropos Niveau: Wann sagt sogar eine Blondine „Manifest“? Denken Sie sich das Komma selbst. Und tuntige Polizisten, die lieber fest nehmen als festnehmen? So wird im Polizistensong „Tatütata“ gekalauert, den Tony Marshall im Duett mit „Prinzen“-Sänger und Musical-Autor Tobias Künzel singt. Fips Asmussen gefällt das, Monty Python eher nicht. In manchen Szenen muss man sicherheitshalber im Kalender prüfen, ob da wirklich 2018 steht.

An Karl Marx liegt es nicht, der ist im Stück nur als Grabstein präsent. Die Geschichte spielt im London der Gegenwart. Bankenchef Dr. Manfred Acreman (gespielt von Wolfgang Boos als Falco-Lookalike mit Westernhagen-Stimme) verliert nach einem Crash sein Vermögen. Er beschwört mit Finanzmagier Rasputin Mammonson (Matthias Kusche) den Geist von Karl Marx  – der soll bitte seine Theorien über die zyklischen Krisen im Kapitalismus widerrufen, damit die Krise enden möge. Der verarmte Musiker Marc S. (Alexander Martin) wird für den wieder auferstandenen Philosophen gehalten. Er verliebt sich in Acremans 18-jährige Tochter Jenny (mit Potenzial: Tanja Bunke). Bei ihr hat wiederum Mammonson Ambitionen. Rebecca Siemoneit-Barum spielt als Mrs. Abroomowitch nur eine Nebenrolle, das aber überzeugend. Das Comedy-Musical, das von Tobias Künzel, Steffen Lukas und Maximilian Reeg geschrieben wurde, feierte in dieser Fassung in Trier Premiere. In einer aufwendigeren Theater-Version wurde es vor fünf Jahren am Theater Plauen-Zwickau ein Publikumsfavorit.

In Trier wird es eher reserviert aufgenommen. „Come back, Karl Marx“ weiß wohl selbst nicht recht, was es sein und wo es hin will. Für ein Rock-Musical rockt es zu wenig. Das kann Gitarrist Max Solo als einziger Livemusiker auf der Bühne nicht verhindern – daran ändern auch das Slash-Outfit mit Zylinder und langer Mähne und die gute Show nichts. Für eine Musical-Parodie bleibt es zu zahm im Genre-Korsett hängen. Und die Liebesgeschichte bleibt oberflächlich, auch wenn das Schmacht-Duett „Mit dir könnt ich’s mir vorstellen“ zeigt, dass Künzel veritable Musical-Hymnen schreiben kann. Die Musik ist stilistisch vielfältig, manches hat Hit-Potenzial, langweilig wird es nicht. Und Tony Marshall muss nur acht Silben singen, schon hat das Publikum einen Ohrwurm: „Heute hau’n wir auf die Pauke!“ Das Comedy-Musical soll dem Marx-Jahr eine besondere Facette hinzufügen – Mitveranstalter ist der Arena-, Europahalle- und Messeparkbetreiber MVG, an dem die Stadt Trier mit 70 Prozent beteiligt ist. In der Theorie eine feine Sache – leichte Muse, passt perfekt. Nur das mit Theorie und Praxis hat bei Marx schon öfter nicht so gepasst. In diesem Fall ist das nicht dramatisch – egal, wie irre die Handlung, wie schlicht die Texte sind.  Vom Premieren-Publikum in der nicht ganz ausverkauften Europahalle gibt’s höflichen Applaus.

Für die weiteren Aufführungen (Europahalle, 20 Uhr) gibt es noch Karten an der Abendkasse.