Concert Lounge im Theater Trier mit Strawinskys "Pulcinella"

Klassik : Strawinsky hinter dem Röntgenschirm

Unkonventionell und inhaltsreich: Concert Lounge im Trierer Theater mit „Pulcinella“.

Den Frack hatte Dirigent Wouter Padberg im Kleiderschank gelassen. Auch die Trierer Philharmoniker hatten sich auf bescheidene Alltagskleidung beschränkt. Die Stimmung im Trierer Theater war entspannt, unverbindlich und freundlich. Klar war ja von Beginn an: Da sollten Orchester und Dirigent möglichst publikumsnah ein Werk präsentieren und dessen Hintergründe erläutern. Dafür ist Strawinskys „Pulcinella“-Ballettmusik ein lohnendes, vielleicht sogar ideales Objekt. Die Komposition stand schon beim 4. Sinfoniekonzert im Mittelpunkt. Jetzt stellten die Interpreten sie in der „Concert Lounge“ vor – in „entspannter Atmosphäre“, wie das Saisonprogramm verspricht.

Dirigent Wouter Padberg ist sicherlich kein Meister der deutschen Rhetorik. Einmal fehlte dem Niederländer einfach das passende deutsche Wort. Gelegentlich kam es zu kleinen Verständigungsproblemen mit dem Orchester. Aber das schadet nicht. Im Gegenteil: Durch dieses Spontane, Improvisierte bekam der Abend einen ausgeprägten Werkstatt-Charakter. Padberg und die Philharmoniker zielten nicht auf eine polierte Außenseite, sie nahmen das Publikum mit in die Tiefen, vielleicht Untiefen der Komposition. Orchester und Dirigent traten aus ihrer gewohnten Interpreten-Rolle heraus. Sie wurden Teil einer ausführlichen Erzählung. Und mit einem Mal schwindet die konzertübliche Distanz zum Publikum. Musik und Musiker rücken emotional ganz nahe an die Zuhörer.

Und Wouter Padberg erzählt. Von Vorgeschichte und Entstehung der „Pulcinella“, von den diffizilen Beziehungen des Werks zur Musik von Giovanni Battista Pergolesi und anderen Barockmeistern. Er verlässt sich nicht auf ein Manuskript, sondern spricht frei, offen und lebendig. Und strahlt dabei großen Respekt aus gegenüber der Leistung von Strawinsky. Der hat Pergolesi nicht einfach bearbeitet, sondern dessen Musik neu gefasst und ihr einen ganz speziellen Tonfall verliehen. Es sind die Stilbrüche, die ungewohnten Klangfarben, es sind die komplexen, einander überlagernden Rhythmen, es sind vor allem die fremden Töne, die diesem Werk bewusst etwas Uneigentliches mitgeben. Die Philharmoniker, die sich fast alle zu Solisten emanzipieren, sie realisieren in den Klangbeispielen überzeugend die feinen Details, in die der Trierer Kapellmeister die Partitur aufsplittet. Und das Terzett mit Janja Vuletic, Mezzosopran, Tenor Blaise Rantoanina und Bariton Carl Rumstadt besticht erneut mit detailreicher Ausdruckskraft und Klangkultur. Schade nur, dass die Veranstaltung mit den Beispielen zu Ende ging. Das gesamte Werk oder vielleicht einige Sätze komplett aufzuführen, hätte die analytischen Einsichten noch einmal in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Stoff für Gespräche gab es dennoch reichlich. Nach der Veranstaltung blieben Besucher und Musiker noch lange im Foyer, tauschten sich aus, diskutierten oder pflegten ganz einfach gute Konversation. Gut 100 Musikfreunde waren gekommen. Das ist keine überragende Resonanz. Aber gemach: Auch die „­Weltmusik“-Konzerte haben einmal so klein angefangen.

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