Das 5. Trierer Kammerkonzert im Kurfürstlichen Palais

Konzerte / Klassik : Jenseits aller Melancholie

Geradlinig und höchst dramatisch präsentierte sich das 5. Trierer Kammerkonzert im Kurfürstlichen Palais, erneut mit einem Workshop.

Es ist, als würde sich ein lieb gewordenes Klischee unversehens verlieren. Die Terzparallelen, mit denen Brahms sein Klarinettenquintett eröffnet, sie klingen beim Aris-Quartett nicht verhangen-wehmütig, sondern energisch und selbstbewusst. Da findet kein  Abschied statt, sondern ein vitaler Aufbruch, der Schritt in eine neue, bei Brahms bislang weitgehend ungewohnte Klangwelt.

Das Aris-Quartett spielt im 5. Trierer Kammerkonzert präzise und entschieden an gegen die trübe Eindimensionalität, die diesem Werk zu Unrecht anhängt. Es tauscht die gewohnten Herbstfarben der Musik aus gegen sommerlich helle Klänge. Klarinettist Thorsten Johanns setzt mit seinem leuchtenden Ton wunderbar kantable Schwerpunkte und bleibt doch integriert ins Ensemble-Ganze. Gemeinsam leuchten sie die Stimmenvielfalt dieser ungemein komplexen Komposition aus. Wie eindringlich klingt der Mittelteil im Adagio mit seiner überraschenden, großangelegten Virtuosität! Und die beiden letzten Sätze, sie sind trotz der Gelassenheit, die in ihnen mitschwingt, kein spätromantischer Abgesang. Es ist ein anderer, ein neuer, ein sehr moderner Brahms. Das Aris-Quartett duldet keine Kompromisse. Janaceks erstem Streichquartett nach Tolstois „Kreutzersonate“ geben sie eine atemberaubende Dramatik mit. Das Werk wird zu einem Theaterstück in Klängen. Immer wieder spiegeln die in Musik und Interpretation Situationen wie in einem Drama – zärtliche und grobe, verhaltene und hitzige. Und auf den Höhepunkten –  „sul ponticello“, am Steg gestrichen – verliert sich bei den Aris-Musikern jeder schöne Schein. Nicht Wohlklang dominiert, sondern kopflose Verzweiflung.

Es war auf weite Strecken ein großes, ein tief beeindruckendes Konzert. Der Beginn freilich lässt Einwände aufkommen. Mendelssohns wunderbares Streichquartett op. 13 verliert unter dem überharten Zugriff des Aris-Ensembles seine Wärme, seine Sanglichkeit, seine Noblesse und einen Großteil seiner erstaunlichen Eigenständigkeit. Die Erweiterung und Verengung von Klangräumen, die unvermittelten und doch schlüssigen Lautstärkewechsel, die elfenhafte Leichtigkeit dieser Komposition gehen unter, und übrig bleibt ein ruppiger Klassizismus, wie ein grob gerasterter Fotodruck. Schade um diese Musik! Und doch: Der Musizierstil, der bei Mendelssohn vielleicht Probleme aufgibt, hat die wunderbaren Janacek- und Brahms-Interpretationen erst möglich gemacht. – Helle Begeisterung unter den 180 Besuchern und eine Zugabe – natürlich ein Satz aus Mozarts Klarinettenquintett.

Erneut fand vor dem Konzert ein Workshop statt, dieses Mal mit einem Streichquartett vom Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium: Magdalena Krupp, Anna-Sophia Wagner, Jannica Lauterbach und Moritz Krüger. Sie hatten mit dem Aris-Quartett den Kopfsatz aus Haydns Quartett op. 33,5 erarbeitet und musizierten ihn ganz zu Beginn. Wunderbar! Es war schlicht eine Freude zu erleben, wie die jungen Menschen mit Haydns Musik umgingen – springlebendig und doch voller Wärme, kantabel, dabei sehr präzise und im Moll-Mittelteil romantisch-düster. Herzliche Zustimmung im Publikum!

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