Architektur: Das Bauhaus-Erbe: Denkmal oder Schandfleck?

Architektur : Das Bauhaus-Erbe: Denkmal oder Schandfleck?

Das Bauhaus feiert 100. Geburstag und ist auch in der Region zu finden. In Gusterath-Tal baute die Firma Romika 1929 ein Werksgebäude im Stil des „Neuen Bauens“. Wie steht es heute um das 90-jährige Bauwerk?

Die Traumschleife Romikaweg zwischen Pluwig und Gusterath trägt ihren Namen nicht von ungefähr. Denn im Gusterather Tal hat man einen hervorragenden Ausblick auf das ehemalige Romika-Gelände und damit auch auf ein Stück Architekturgeschichte. 1929 wurde das Konfektionswerk (Werkstätte zur serienmäßigen Produktion von Kleidungsstücken) der Schuhfabrik im Bauhaus-Stil errichtet. Passend zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ lohnt es, einen genaueren Blick auf das Gebäude zu werfen.

Mit der glatten Fassade, der Kubusform, den Sprossenfenstern und der weißen Außenwand sowie dem sich farblich abhebenden Aufzugschacht entspricht das von den Schuhfabrikanten in Auftrag gegebene Gebäude dem Stil des „Neuen Bauens“. Besonders die abgerundete Südostecke sticht dabei hervor.

Allerdings wirkt das Bauhaus-Gebäude in Gusterath im Jubiläumsjahr nicht gerade herausgeputzt. Die Fassade ist schmutzig, die Fenster sind teilweise herausgebrochen – den Anwohnern und vor allem dem Heimatverein um Frank Reuter ist das ein Dorn im Auge. Seit einiger Zeit setzen sich dessen Mitglieder dafür ein, dass das denkmalgeschützte Gebäude restauriert und einem gemeinnützigen Zweck zugeführt wird. Auf jeden Fall müsse aber aus dem Schandfleck wieder ein würdiges Wahrzeichen Gusteraths werden, sagt Reuter.

Denn neben seiner architektonischen Bedeutung, deretwegen das Gebäude in das „Nachrichtliche Verzeichnis der Kulturdenkmäler Rheinland-Pfalz“ aufgenommen wurde, spiegelt es auch jüdische Geschichte wider. Die Romika blickt auf teils jüdische Geschäftsleute (Rollmann, Michael, Kaufmann) zurück, die das Unternehmen 1921 gründeten und für einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region sorgten. 1929 errichteten sie in Gusterath-Tal das Konfektionswerk im Bauhaus-Stil. Unter dem Nazi-Regime wurden sie jedoch 1935 in den Konkurs getrieben. Die beiden jüdischen Partner Rollmann und Kaufmann mussten nicht nur geschäftliche Repressionen hinnehmen, sondern auch tätliche Angriffe. Karl Kaufmann etwa wurde in „Schutzhaft“ genommen, später gelang es ihm gemeinsam mit seiner Familie, mittellos nach Israel zu flüchten. Hans Rollmann verließ Deutschland bereits 1935 über die Schweiz nach Belgien. Die geplante Emigration in die USA gelang allerdings nicht mehr – Rollmann nahm sich gemeinsam mit seiner Ehefrau 1940 aus Angst vor der Ergreifung durch die Nazis das Leben.

Schon ein Jahr nach dem Konkurs wurde die Firma von Hellmuth Lemm weitergeführt und konnte in den Nachkriegsjahren bis in die 1990er Jahre unter demselben Namen sehr erfolgreich weiter betrieben werden. Zu Höchstzeiten waren rund 2600 Mitarbeiter hier beschäftigt. Bis heute findet sich im Ortswappen von Gusterath ein Schuh angesichts der großen Bedeutung dieser Firma. Für den Heimatverein noch ein Grund mehr, das geschichtsträchtige und denkmalgeschützte Gebäude restauriert sehen zu wollen und seine Bedeutung auch einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Gemeinsam mit dem Emil-Frank-Institut in Wittlich soll vor dem ehemaligen Romika-Werk eine Gedenktafel errichtet werden. Daneben bemüht sich Frank Reuter auch um Einsicht in die Kaufverträge. „Angeblich ist das Gebäude vor einigen Jahren für einen Euro mit entsprechenden Auflagen bezüglich Konzept und Denkmalschutz verkauft worden“, sagt Reuter. Doch anschließend soll das Gebäude weiter verkauft worden sein. Seither lagere der heutige Besitzer, der namentlich nicht genannt werden möchten, Müll und Autos jeglichen Zustands auf dem Gelände, sagt der Vorsitzende des Heimatvereins. Mit der Einsicht wolle er Fakten prüfen und anhand der darin festgehaltenen Auflagen das weitere Vorgehen festlegen.

Allerdings wird dies von der Verbandsgemeinde Ruwer unter Bezugnahme auf rechtliche Gründe, vor allem den Datenschutz, abgelehnt.

Doch wäre es nicht Aufgabe des Denkmalschutzamtes, bei dem geschützten historischen Gebäude entsprechend einzugreifen? Wie die Kreisverwaltung Trier-Saarburg mitteilt, gebe es hier keine rechtliche Grundlage. „Nach dem Grundgesetz ist das Eigentum geschützt“, heißt es in dem Schreiben. Bei einer Begehung sei vom Besitzer erläutert worden, dass er mit einem Investor an einem Nutzungskonzept arbeite. Solange dies nicht freiwillig umgesetzt wird, könne das Denkmalschutzamt ihn nicht dazu zwingen.

Für den Besitzer ist das Vorgehen des Heimatvereins nicht akzeptabel. Es liefen Verhandlungen über den zukünftigen Nutzen des Fabrikgebäudes, so der Eigentümer. „Bis ich mich entschieden habe, was damit passiert, ist das meine Angelegenheit“, meint er weiter. Man könne sich aber gerne mit einem angemessenen Kaufpreis bei ihm melden – sofern ernsthaftes Interesse bestünde. Derzeit wird das ehemalige Romika-Gebäude als Lager genutzt und teilweise vermietet.

Auch die Ortsgemeinde Gusterath würde sich freuen, „wenn das Gebäude wieder hergestellt und genutzt wird“, so der erste Beigeordnete Stefan Metzdorf. Ortsbürgermeister Alfred Bläser ließ den Volksfreund wissen, dass „der Privatmann nicht verkaufen will“. Daher könne die Gemeinde hier nichts machen, während der Eigentümer meint, dass von Seiten der Gemeinde noch niemand auf ihn zugekommen sei.

Ein Gebäude des ehemaligen Romikawerks in Gusterath-Tal wurde 1929 im Bauhaus-Stil erbaut. Inzwischen verfällt es immer mehr. Das sorgt für Unmut beim Heimatverein. Foto: Julia Nemesheimer
Auch das typische Rund des Gebäudes zeugt vom jahrzehntelangen Stillstand. Foto: Julia Nemesheimer

Bis die Entscheidung zur Nutzung gefallen ist, dürfte im Gusterather Tal der Zahn der Zeit also weiter am Bauhaus-Relikt nagen.

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