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Das Böse im Blick

Wenn ein Mensch wahllos tötet, gilt er schnell als krank. Nahlah Saimeh meint, dass es so einfach nicht ist. Die forensische Psychiaterin hat schon viele Straftäter begutachtet. Sie sagt: "Zum Mörder kann jeder werden." Henning Rasche

Eigentlich, sagt Nahlah Saimeh, wollte sie Chirurgin werden. Dann wäre sie deutlich häufiger im OP und, hoffentlich, deutlich seltener vor Gericht gelandet. Aber es ist ganz anders gekommen. Und das liegt an einer Fremdsprache, die es gar nicht gibt. Eines Tages brachte ihr Professor einen jungen Mann mit in die Vorlesung, der an Schizophrenie litt. Er erzählte den Medizinstudenten weitgehend unverständliches Zeug und außerdem, dass er noch ein paar Sprachen lernen wolle, nämlich: Delfinisch und Karpfisch. Nahlah Saimeh faszinierte und rührte, wie sehr der Mann in einer fremden Welt gefangen war.

Saimeh, 51, geboren in Münster/Westfalen (das muss man bei ihrem Namen unbedingt schreiben, sagt sie), ist forensische Psychiaterin. Sie behandelt Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung zu Straftätern wurden. "Ich komme ins Spiel, wenn es weitgehend zu spät ist", sagt sie. Wenn die Tat begangen ist, der Vergewaltiger oder der Mörder zugeschlagen hat. Wenn es mal wieder heißt: warum?

Beim Kriminalfall von Höxter etwa. Ein Paar soll per Kontaktanzeige Frauen auf einen Bauernhof gelockt und brutal misshandelt haben; mindestens zwei Frauen sollen dabei zu Tode gekommen sein. Das Land verstand die Welt nicht mehr, als der Fall vor zwei Jahren publik wurde. Wie kann ein Mensch zu so etwas fähig sein? Nahlah Saimeh hat dutzende Stunden mit den Angeklagten Angelika W. und Wilfried W. verbracht und Gutachten über sie geschrieben. Das Böse vis-à-vis. Weil der Fall gerade vor Gericht verhandelt wird, muss Saimeh in der Öffentlichkeit dazu schweigen.

Das Strafrecht in Deutschland unterscheidet zwischen Tätern, die schuldfähig sind, und solchen, die es nicht sind. In Paragraf 20 des Strafgesetzbuches heißt es: "Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln." Das Gesetz selbst setzt hier einen eher speziellen Tonfall: abartig, schwachsinnig, krankhaft.

Nahlah Saimeh ist nüchterner als das Gesetz. Sie sitzt in ihrem schicken Büro in der Düsseldorfer Altstadt, das Sperrholz im Aufzug zeugt noch von einer Baustelle. Saimeh ist gerade erst eingezogen, die Bücher und Akten sind aber bereits einsortiert, die Bilder und Gemälde hängen an den Wänden. Zum 1. Mai macht sie sich selbstständig als Gutachterin. Zuvor leitete sie die forensische Klinik in Eickelborn. Nun wendet sie Paragraf 20 des Strafgesetzbuches hauptberuflich auf Menschen an und entscheidet: abartig, schwachsinnig, krankhaft.

Ginge man nach der öffentlichen Wahrnehmung, dann hätten Psychiater wie Nahlah Saimeh alle Hände voll zu tun. Der Amokmörder von Münster? Krank. Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt? Krank. Das Paar aus Höxter? Krank. Und, Donald Trump? Krank, eh klar. Aber nur weil das Verhalten eines Menschen von der Norm abweicht, ist er nicht psychisch krank. Und erst recht nicht gleich schuldunfähig, sagt Saimeh. Manche töteten wegen einer Wahnvorstellung, ja, aber andere auch einfach aus Hass, Wut oder Lust.

Nahlah Saimeh erzählt die Geschichte einer Jugendlichen, die zur Mörderin wurde. Ihre Schwangerschaft leugnete sie, so lange es ging, vor sich selbst, und auch vor anderen. Erst als das Kind auf der Welt war, reagierte sie. Der neue Mensch in ihren Händen schrie und weinte. Die Mutter versteckte ihr Kind in einer Sporttasche im Kleiderschrank, und schon bald verstummten die Schreie.

Oder die Geschichte von einer Frau, die ihren Ehemann betrog. Sie wollte sich für ihre Affäre von ihrem Mann trennen, aber das erschien ihr zu kompliziert. Also beauftragte sie jemanden damit, ihren Mann zu töten. So löste sich das Problem aus ihrer Sicht in Luft auf. Krank? Nein, sagt Saimeh, aber eine "zugespitzte Persönlichkeit".

Von Fällen wie diesen berichtet Saimeh auch in ihrem Buch "Jeder kann zum Mörder werden". Ein Buch, das Aufsehen erregt hat. Wirklich, jeder, ein Mörder? Die Intention, sagt Saimeh, sei nicht, dass statistisch von 100 Personen wirklich 100 zum Mörder werden könnten. Sondern: "Das Schicksal kann Menschen in die Situation bringen, dass sie einen anderen töten. Nicht fahrlässig im Straßenverkehr, sondern sehr bewusst." Ein unvorhersehbares Scheitern im Lebenslauf macht vieles möglich. "Die Fähigkeit, anderen Leid zuzufügen, ist dem Menschen zu eigen", sagt Nahlah Saimeh.

Was die Psychiaterin in ihren Akten liest oder von Straftätern hört, das kennen die meisten nur aus der Fiktion. Die gesellschaftliche Faszination für das Böse macht Krimis und Thriller zu Verkaufsschlagern, im Fernsehen, im Internet und in Büchern. Gern blutrünstig und abartig. Etwas zynisch findet Saimeh das. "Die Realität aber", erzählt sie, "überholt jedes Drehbuch." Sie muss es wissen. Und trotzdem bleibt sie länger auf ihrem Hometrainer, wenn dabei ein Krimi läuft. "Gut für die Kondition", sagt sie.

Der Vorteil bei Krimis: Man kann sie einfach ausschalten. Nahlah Saimeh kann das bei ihren Fällen nicht. Wenn sie etwa beurteilen soll: Wird der verurteilte Vergewaltiger wieder vergewaltigen? Wird der Mörder wieder morden? Seit 20 Jahren arbeitet sie als Gutachterin, seit 20 Jahren muss Saimeh solche Fragen beantworten. Das klingt nach Wahrsagerkugel, ist aber freilich viel rationaler. "Wenn jemand mit 55 rauskommt, können Sie nicht sagen, was der mit 70 macht", sagt sie. Die Psychiaterin schreibt in ihr Gutachten, welche Eigenschaften eine Person noch hat, um Straftaten zu begehen. Bisher ist niemand aufgrund ihres Gutachtens entlassen worden, der dann wieder zum Täter wurde. Zum Glück. Ihre "empathisch-beobachtende Neutralität" hilft ihr, sagt Nahlah Saimeh. Auch dabei, nicht alles zu nah an sich heranzulassen.

In Deutschland gibt es 60.000 Haftplätze für Strafgefangene und etwa 10.000 Plätze im Maßregelvollzug für schuldunfähige Täter. Die Einschätzung "schuldunfähig" gilt manchen als Freispruch. "Die Leute glauben: Da hat jemand Frauen umgebracht und jetzt bekommt er in der Psychiatrie Butzebutze und Maltherapie", sagt Nahlah Saimeh. Ein Vorurteil. In der Forensik ist das Ende offen, im Gefängnis läuft die Uhr runter. "Wenn ein schuldfähiger Mann Kinder sexuell missbraucht hat, wandert der vielleicht für fünf Jahre ins Gefängnis. Der schuldunfähige Täter sitzt mit demselben Delikt mitunter 15 Jahre in der Psychiatrie", sagt Saimeh.

"Die Psyche", sagt sie, "macht uns zum Menschen." Man denke etwa an den verstorbenen Physiker Stephen Hawking, dessen Körper alles dafür getan hat, nicht im Leben sein zu können. "Dass dieser Mann sein Leben dennoch auf diese Weise geführt hat, ist seiner robusten Psyche zu verdanken." Manchmal ist diese Psyche defekt, und manchmal bringt dieser Defekt einen Menschen dazu, abscheuliche Dinge zu tun. Dann ist das Leben nur noch eine dünne Eisschicht, die schnell bricht. Nahlahs Saimehs Ziel ist es, in einer unklaren Situation psychiatrische Genauigkeit walten zu lassen. Sie behält das Böse im Blick.