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Helge Schneider: Das Genie beherrscht das Chaos: Helge Schneider in der Trierer Europahalle

Helge Schneider : Das Genie beherrscht das Chaos: Helge Schneider in der Trierer Europahalle

Blödelkünstler Helge Schneider zeigt in der Trierer Europahalle seine Qualität – nur der Trierer Dialekt sorgt für Verständigungsprobleme.

„Ene, Mene, Mopel, wer frisst Popel?“ – so oder so ähnlich geht der nicht ganz appetitliche Kinderreim. „Ene Mene Mopel“ ist auch der Name der aktuellen Tour von Jazzmusiker und Nonsens-Blödler Helge Schneider. Am Samstagabend lockte der 62-Jährige aus Mühlheim an der Ruhr die Fans in die Trierer Europahalle. Und wer jetzt denkt, dass der Titel von Schneiders Tour irgendeinen tieferen Sinn oder auch nur eine Bedeutung hat, der kennt den immer lustigen, immer lockeren und immer ziemlich sonderlichen Helge wohl nicht. Obwohl – geht das überhaupt noch? Schwer vorstellbar. Schneider ist ein Phänomen, ein Ausnahmekünstler, von dessen Format es in Deutschland wohl nur wenige gibt. Seit Beginn der 90er Jahre macht sich Schneider einen Namen als Filmemacher („00 Schneider“, „Texas“), als Schauspieler („Mein Führer“), als Buchautor und, natürlich und vor allem, als Jazzmusiker und Komiker. Was Schneider letztlich eigentlich genau macht, ist genauso schwer zu beschreiben, wie festzuzurren, warum er viele Zuschauer so begeistern kann. Und da machte sein Auftritt in Trier keine Ausnahme.

Man muss es sich nur vorstellen: Da steht dieser nicht besonders große Mann auf der Bühne, im hellen Jackett, Rose im Knopfloch, knallblaue Schuhe, erzählt klamaukige Geschichten, die mal mehr, mal weniger eng auf echten Erlebnissen basieren. Dazwischen setzt sich Schneider immer wieder ans Klavier, packt die Gitarre, die Panflöte, das Saxofon, das Cello oder sogar ein Vibrafon aus und zeigt seine Vielseitigkeit. „Mein Lieblingsinstrument“, sagt Schneider, als er sein Cello hervorkramt. „Von 1736 – aber das ist alles neu gemacht, das alte Holz war ja nix mehr. Jetzt ist es besser. Teilweise Laminat.“

Oder dieser Witz hier, den Schneider grinsend, spontan und natürlich völlig zusammenhanglos zum Besten gibt: „Kommt ein Mann zum Psychiater – ‚Herr Doktor, Herr Doktor, ich habe das Gefühl, ich werde nicht beachtet’ – ‚Der Nächste bitte’“. Irgendwie doof? Ja. Aber auch verdammt komisch.

Das liegt, natürlich, in erster Linie an Schneider selbst. Die humorige Leichtigkeit, mit der Schneider auf der Bühne steht, sein Improvisationstalent und sein Können, absoluten Komik-Dada mit grandiosem Slapstick, der an Stummfilmgrößen wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton heranreicht, zu verbinden – das sucht seinesgleichen. Ständig bricht er die Erwartungshaltung des Publikums, überrascht mit abstrusen Einfällen. Schneider nimmt nichts, aber wirklich nichts ernst, am wenigsten sich selbst – und auch das ist eine Qualität, die man in dieser Ausprägung nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Schneider ist entwaffnend in seiner kindischen Leichtigkeit, er blödelt, ohne durch seine naiven Scherze zu verärgern. Was nicht heißt, dass er nicht auch an Grenzen des guten Geschmacks kitzeln könnte: „Du warst nackt auf dem Balkon“, improvisiert er beispielsweise eine Zeile seines Hits „Es gibt Reis“, „deine Möpse hingen übers Geländer, sie wollten die Passanten beißen.“

Und zweitens, und das sollte nie unterschlagen werden, ist Schneider ein wirklich virtuoser Musiker, auch wenn er das bei seinem Auftritt in Trier nur selten zeigte. Letztendlich ist auch das eine seiner Qualitäten: Er muss nichts beweisen. Niemandem. Er weiß, was er kann. Und seine Fans wissen es auch. Noch einen Schneider-Scherz gefällig? Als er sich ans Klavier setzt, um Beethovens Mondscheinsonate zu spielen: „Das ist eine Nocturne. Die heißt so, weil man sie nachts spielt. Damit die Nachbarn nichts merken.“

In der Europahalle ist das Publikum Butter in Schneiders Händen. Viel Gejubel, viel Gejohle und lautes Lachen hallen immer wieder nach vorne auf die Bühne. Und so wie seine Zuschauer hat auch Schneider selbst sichtlich Spaß an diesem Abend: Genüsslich schlürft er in einer kurzen Trinkpause an seiner Wasserflasche: „Hmm“, seufzt er genießerisch ins Mikrofon, „lecker Moselwasser“, und die Zuschauer toben.

Sein Publikum ist bunt durchmischt – junge Mittzwanziger sind ebenso vertreten wie ältere Zuschauer in Schneiders Alter. Auch das ist eine Qualität seiner Kunst: Sie grenzt niemanden aus. Jeder Blödler ist gleich vor Schneider.

Nur an einer einzigen Stelle gibt es doch ein kurzes Missverständnis zwischen dem Künstler und seinem Trierer Publikum: Dann nämlich , als Schneider fragt, wie viele Einwohner Trier eigentlich genau habe. Mit der ihm entgegengebrüllten Antworten „Milljunen“ kann Schneider offensichtlich nichts anfangen. „Hä?“, fragt er und lacht. Wie auch immer. Macht ja nichts. Oder, um es mit Helge Schneider zu sagen: „Was für ne Welt. Aber naja. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“